40 Jahre 68er "Heute gibt's Dresche"

Berlin brodelt. Tausende Studenten wollen dem Schah von Persien im Juni 1967 einen heißen Empfang bereiten. Aber der Staat ist entschlossen, Stärke zu zeigen. Reinhard Mohr rekonstruiert den Tag, der mit dem Tod Benno Ohnesorgs endet.


Am Morgen des 2. Juni 1967 stand die Sonne "fett und träg und reglos wie ein Schweißtropfen" am Berliner Himmel. So jedenfalls erinnern sich Augenzeugen. Es war der Beginn eines wunderbaren Frühsommertags. Er sollte im Schockzustand enden.

Der Schah von Persien und seine Frau Farah Diba waren auf Staatsbesuch in der Stadt, und die Vorboten kündeten nichts Gutes: "Gesucht wird Schah Mohamed Reza Pahlewi wegen Mord und Folterungen an dem Journalisten Karimpour Schirazi, an dem Außenminister Hossein Fatemi, an dem Justizminister Lotfi nach vorherigem Ausreißen der Augen..." So begann der Text eines Plakats mit dem Porträt des Herrschers in glitzernder kaiserlicher Uniform, das wenige Tage zuvor in der Stadt aufgetaucht war. Von der Polizei wurde es sogleich als "Hetzpropaganda " beschlagnahmt.

Dreitausend Studenten hatten sich schon am Vorabend der dramatischen Ereignisse im Audimax der Freien Universität versammelt, um von dem Exil-Iraner Bahman Nirumand aus erster Hand zu erfahren, mit welch grausamen Foltermethoden der gefürchtete Geheimdienst Savak jede Opposition gegen das Schah-Regime unterdrückte. Tausende Regimegegner fanden so den Tod. Dass die USA, die gerade in Vietnam ihren verheerenden Bombenkrieg führten, den Schah als ihren Verbündeten betrachteten, vervollständigte das düstere Bild.

Was die Studenten zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen konnten: Am folgenden Mittag prophezeite Peter Herz, der Chef des Presse- und Informationsamtes des Berliner Senats, ganz ungeschminkt, ja geradezu genüsslich, dass sich "diese Burschen", gemeint waren "die Studenten", an diesem 2. Juni auf "etwas gefasst machen" könnten. "Heute gibt’s Dresche", sagte er voraus.

Was der Rowdy in Staatsdiensten nicht verriet: Es sollte "Dresche " gleich von zwei Seiten geben. Denn der Schah hatte seine eigenen Schlägertrupps, die sogenannten "Jubelperser", von zu Hause mitgebracht, darunter auch etliche Savak-Agenten.

Mit Stahlruten, Totschlägern und Holzlatten schlugen sie schon auf jene Demonstranten ein, die am frühen Nachmittag vor dem Rathaus Schöneberg protestierten. Der Schah, der in seinem Reich von fünftausend Leibgardisten beschützt wurde und nie ohne persönlichen "Giftprüfer" aus seinem silbernen Geschirr aß, trug sich dort gerade in das Goldene Buch der Stadt ein. Westberliner Polizisten sahen der Prügelei ungerührt, teils grinsend zu, bevor sie sich nach ein paar Minuten doch noch bequemten, dem rechtswidrigen Treiben Einhalt zu gebieten. Doch nicht die brutalen "Jubelperser" wurden attackiert, sondern die Schahgegner, von denen einige sogar verhaftet wurden.

Für den Abend war der ganz große Auftritt geplant, der festliche Besuch von Mozarts "Zauberflöte" in der Deutschen Oper an der Bismarckstraße, begleitet von Bundespräsident Heinrich Lübke, dem Regierenden Bürgermeister Albertz, Polizeipräsident Duensing und anderen Exzellenzen.

Um 19.56 Uhr fuhren die Staatskarossen vor. "Mörder, Mörder! ", schrien Hunderte erboste Demonstranten, die von Absperrgittern hinter einen schmalen Streifen auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig gedrängt worden waren. "Hurra! Hurra!", antworteten die gut hundert "Jubelperser", die, mit Doppeldekker- Bussen der Berliner Verkehrsbetriebe angekarrt, deutlich näher am Eingang der Oper standen. Ihre Waffen hatten sie mitgebracht und machten gleich von ihnen Gebrauch – abermals unter den gnädigen Augen der deutschen Polizei.

Es folgt ein kurzer Protesthagel von Eiern, Tomaten, Farbbeuteln, Rauchkerzen und auch ein paar Steinen, doch sie verfehlen ihr Ziel, das etwa vierzig Meter weit entfernt ist. Zu weit. Nur eine einzelne Tomate rauscht knapp an Wilhelmine Lübke, der Frau des Bundespräsidenten, vorbei. Blitzschnell ist die Gala-Gesellschaft in der Oper verschwunden.

"Das war’s", glaubten die Demonstranten. Mehr war nicht drin.

Ein tragischer Irrtum. Denn noch beim Betreten der Oper hatte der Regierende Bürgermeister seinem Polizeipräsidenten zugeraunt, er wolle die Protestszenerie draußen nach Ende der Gala nicht mehr vorfinden.

Um 20.04 Uhr springen die ersten Polizisten, ohne jede Vorwarnung oder sichtbaren Anlass, über die Absperrgitter und prügeln wie von Sinnen auf unbeteiligte Zuschauer und Demonstranten ein. Keilförmig, von zwei Seiten aus, werden die Protestierer in die Zange genommen, gleichsam zusammen- und wieder auseinandergequetscht. Polizeipräsident Erich Duensing, Ritterkreuzträger der Naziwehrmacht, der das Kriegsende beim Stabschef der "Heeresgruppe Süd" erlebt hatte, war ein erfahrener Offizier, der wusste, was er tat. Auf einer Pressekonferenz beschrieb er die Polizeitaktik später so: "Nehmen wir die Demonstranten als Leberwurst, nicht wahr, dann müssen wir in die Mitte hineinstechen, damit sie an den Enden auseinanderplatzt."

So geschah es dann auch. Ein Teil der Ordnungskräfte treibt die Schahgegner in Richtung Kaiserdamm, während ein anderer Teil sie mit Knüppeleinsatz wieder zurück in Richtung Krumme Straße an der Oper drängt. Greiftrupps verfolgen Fliehende bis zum Kurfürstendamm, schlagen wahllos zu und nehmen fest, was ihnen zwischen die Finger kommt. Demonstranten, die sich auf die Straße setzen, werden erst recht verprügelt und anschließend abtransportiert. Ein einziger Spießrutenlauf.

"Ich habe gesehen, wie ein Polizist einem jungen Mann auf das rechte Auge schlug, sodass die ganze Gesichtshälfte blutüberströmt war", schildert ein Augenzeuge eine Szene unter vielen.



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