77 Tipps für eine bessere Welt: Klimakiller Cockerspaniel

Von Tobias Becker

Kaufen Sie sich keine Bohrmaschine - und keinen Hund! Verzichten Sie auf Daunenkissen - und auf einen noblen Sarg! Das "Greenpeace Magazin" verrät in einem glänzend gestalteten Buch, wie jeder die Welt verbessern kann. Kostengünstig und ohne viel Aufwand.

77 Tipps für eine bessere Welt: Klimakiller Cockerspaniel Fotos
Enver Hirsch

Tofuschnitzel essen, kalt und kurz duschen, sich auf dem Rad abstrampeln: Die Welt zu retten, das ist kein Vergnügen, könnte man meinen. Und dann fällt einem das neue Buch des "Greenpeace Magazins" in die Hände, das so hübsch daherkommt, dass man mit dem Weltretten sofort anfangen will. Auf jeder Doppelseite findet sich ein knapp formulierter Denkanstoß für eine bessere Welt, jeweils bebildert von dem Zeichner Christoph Niemann oder dem Fotografen Enver Hirsch: insgesamt 77 "Tu was"-Tipps, die auf der gleichnamigen Kolumne der Umwelt-Zeitschrift beruhen.

Viele der Ratschläge sind erwartbar, aber deshalb natürlich nicht weniger wichtig. Man kennt sie, aber man beherzigt sie nicht oder nur selten: Putze mit Spiritus und Essig statt mit chemischen Reinigern! Leg dein Geld bei einer ethischen Bank an! Nimm eine Jutetasche statt eines Plastikbeutels! Pack Geschenke im Fotokalender vom Vorjahr ein statt in speziellem Geschenkpapier! Nutze Ökostrom! Lass deine Elektrogeräte nicht im Stand-by-Betrieb laufen, sondern schalte sie komplett aus. Letzteres spart Energie - und bares Geld: in einem durchschnittlichen Privathaushalt etwa 85 Euro im Jahr, schreiben die Autoren.

6500 Rollen Klopapier im Laufe eines Lebens

Andere Tipps sind naheliegend, aber in ihrer Effizienz doch überraschend: Wer hätte etwa gedacht, dass ein Deutscher, der 90 Jahre alt wird, im Laufe seines Lebens etwa 6500 Rollen Klopapier verbraucht, eine knappe Tonne? Greift er zu Recycling-Papier statt zu Papier aus Primärfasern, rettet er etwa zehn Bäume. Und wer hätte gewusst, dass in Deutschlands Schubladen grob geschätzt 40 bis 120 Millionen ausgemusterte Handys lagern? Sie enthalten wertvolle Rohstoffe wie Gold, Silber, Kupfer und Palladium, weshalb inzwischen einige Umwelt- und Hilfsorganisationen mit Telefonanbietern kooperieren. Für jedes eingesandte Handy bekommen die Organisationen eine Spende von drei bis fünf Euro (Informationen hier). Spenden sollte man auch seine alte Brille, deren Sehstärke einem nicht mehr reicht: Die Organisation Lunettes sans frontières schickt sie in mehr als 60 Länder der Welt.

Nicht wenige Tipps sind wirklich originell: Dass Fleischliebhaber Klimakiller sind, mag ein alter Hut sein, aber wer hätte bedacht, dass ein Cockerspaniel, der pro Jahr etwa 164 Kilogramm Fleisch vertilgt, für das Klima so schädlich ist wie zwei Geländewagen? Also: Selbst kein Fleisch essen! Schon gar keinen Hund anschaffen! Und erst recht nicht einen Geländewagen für den Hund, nur weil der darin so viel Platz auf der Rückbank hat bei der Fahrt in den Wald! Wessen Umweltbewusstsein nicht vor dem Tod halt macht, der kann noch mehr tun: sich zum Beispiel in einem unlackierten Sarg beerdigen lassen, ohne Metallbeschläge, und die Beerdigungsgäste statt Grabschmucks eine Spende an eine wohltätige Organisation mitbringen lassen.

Konsumieren gegen den Konsumismus? Nicht mit diesem Buch!

Etwas überraschend und daher besonders löblich ist es, dass nur die wenigsten Tipps zum neogrünen Megatrend der vergangenen Jahre passen: der lustbetonten Konsumstrategie der sogenannten Lohas, den Anhängern des Lifestyle of Health and Sustainability. Sie kaufen Biolebensmittel, Naturkosmetik und Ethik-Mode - und setzen darauf, mit ihrer Nachfrage den Markt zu verändern. Sie konsumieren gegen den Konsumismus, wollen mit Shopping die Welt verbessern.

Das "Greenpeace Magazin" wählt den radikaleren Ansatz: Die Redaktion setzt nicht so sehr darauf, korrekt zu konsumieren, sondern vielmehr darauf, weniger zu konsumieren. So könne man es vermeiden, Essen wegzuwerfen, wenn man sich immer einen Einkaufszettel schreibe, nie hungrig einkaufen gehe und sich nicht sklavisch an das Mindesthaltbarkeitsdatum halte. Analog zum Carsharing empfiehlt das Buch Werkzeug-Sharing: Statistisch betrachtet besitze zurzeit jeder Deutsche eine Bohrmaschine, benutze sie aber nur zehnmal im Jahr. Eine Verschwendung von Ressourcen. Bei Bedarf den Nachbarn um seine Bohrmaschine zu bitten, spart daher nicht nur Geld, sondern schont auch die Umwelt. Der gleichen Logik entspringt der Tipp, sich einem Tauschring anzuschließen oder gelesene Bücher an gut frequentierten Orten auszusetzen: in der U-Bahn, im Café, im Hotel. Irgendein neuer Leser finde sich dort immer, wohingegen ein Buch zu Hause nur im Regal verstaube.

Was natürlich Quatsch ist, wenn ein Buch so hübsch ist wie dieses: "Tu was! 77 Tipps für eine bessere Welt" wird man immer wieder gerne zur Hand nehmen. Wir ergänzen daher stattdessen lieber Tipp 78: Kaufen Sie dieses Buch nach der Lektüre ein zweites, drittes, viertes Mal, und verschenken Sie es! Die Welt wird es Ihnen danken. Und Ihr Freundeskreis sowieso.


"Tu was! 77 Tipps für eine bessere Welt." Greenpeace Media GmbH; 172 Seiten; 19,50 Euro.

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insgesamt 70 Beiträge
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1. Selten solchen Schwachsinn gelesen
reflexxion 07.11.2011
Greenpeace ist nichts anderes als eine Firma, die Spenden von Gutmenschen bekommen will. Je dümmer die Vorgaben, um so mehr Spenden gibt es anscheinend.
2. Konsequenz
Sabi 07.11.2011
Zitat von sysopKaufen Sie sich keine Bohrmaschine - und keinen Hund! Verzichten Sie auf Daunenkissen - und auf einen noblen Sarg! Das "Greenpeace Magazin" verrät in einem glänzend gestalteten Buch, wie jeder die Welt verbessern kann. Kostengünstig und ohne viel Aufwand. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,795958,00.html
Essen und trinken Sie so wenig wie möglich ! Atmen Sie möglichst nicht !
3. Reflexartig fällti hier wieder das Wort...
sappelkopp 07.11.2011
..."Gutmensch". Jeder, so scheint es, der sich ein wenig Gedanken um seine Umwelt macht - nichts anderes machen die Autoren des Buches - scheint sofort ein "Gutmensch" zu sein. Und damit eine Spaßbremse, natürlich links, ein Islam- und Frauenversteher, alles, eben nur kein Realist. Mir persönlich sind Menschen, die sich und ihr Handeln in Frage stellen allemal lieber, als jene, die sich selbstzufrieden zurücklehnen und den Reichtum, den die Welt Ihnen bietet wie selbstverständlich annehmen - ohne jemals etwas dafür zu tun.
4. Und der Spiegel ist sich nicht zu schade
nitram1 07.11.2011
diesen Unsinn zu veröffentlichen! Es ist 5 vor 12!
5. So viel Zorn?
Leser161 07.11.2011
Zitat von reflexxionGreenpeace ist nichts anderes als eine Firma, die Spenden von Gutmenschen bekommen will. Je dümmer die Vorgaben, um so mehr Spenden gibt es anscheinend.
Man muss Greenpeace ja nicht mögen, aber wenn die nachvollziehbare Tipps geben, wie man die Umwelt schützen kann, ohne in selbstgewebten Pullis rumzulaufen - was kann man denn da jetzt gegen haben?
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