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9/11-Thriller: Bin Laden? Bin Baden!

Von Yassin Musharbash

Haben Sie auch das Gefühl, dass es immer noch Ungereimtheiten bezüglich 9/11 gibt? John S. Cooper hat einen humorigen Thriller um die populärsten Konspirations-Theorien gestrickt. Und das Beste: Das Buch ist selber eine Verschwörung!

Uff! Am Ende sitzt Max Fuller, Ex-Junkie, Ex-Pulitzerpreisträger und Ex-Versager, doch noch mit einer Traumfrau vor einem Traumhaus an einem Traumstrand. Gerade hat er das schlimmste Verbrechen des Jahrhunderts aufgeklärt, die wahre Verschwörung nämlich, die am 11. September 2001 stattfand. Jetzt plant er seine Zukunft. Bin Laden? Bin Baden! Fall erledigt. Aber die Szene täuscht: Ganz so versöhnlich ist das Ende dieses Thrillers nicht. Eher sogar ein bisschen böse. Es wird hier natürlich nicht verraten.

9/11-Thriller: Wer war's? Wer schrieb's?

9/11-Thriller: Wer war's? Wer schrieb's?

Doch von Anfang an: Max Fuller ist ein abgehalfteter Journalist, der seinen Tag damit verbringt, öde Dossiers über die Mütter von Popsternchen zu verfassen. Dann aber tritt ein Informant in sein Leben, der Sensationelles behauptet: 9/11 war eine Verschwörung, ich war der Pilot eines geheimnisvollen fünften Flugzeuges - und ich kann alles beweisen!

Natürlich glaubt Fuller kein Wort. Und als Fuller später doch alles glaubt, glaubt niemand ihm. Zu viele Verschwörungstheoretiker verstopfen bereits das Internet mit haarsträubenden Ideen. Niemand will hören, dass irgendwie, irgendwo, irgendwann auch CIA und/oder FBI mit drinhingen. Schon gar nicht Fullers Chefredakteur.

Roadmovie auf Leben und Tod

Es braucht also ein paar handfeste Leichen, damit die Sache in Fahrt kommt - dann allerdings richtig: In einem dramatischen Roadmovie auf Leben und Tod muss Fuller gemeinsam mit seinen einzigen Vertrauten, der Tochter des Piloten und seinem nerdigen Rechercheur Nick, in Windeseile jene Orte abklappern, an denen sie die übrigen Puzzlestücke des 9/11-Rätsels vermuten. Es gibt nur eine Chance: Der Dokumentarfilm, den Fuller plant, muss veröffentlicht werden, bevor finstre Gesellen die Helden mundtot machen.

Denn die Story des Piloten erhärtet sich. Sie erklärt das scheinbar unsinnige Flugverhalten der vier Jets, die von den Mannen Osama Bin Ladens am 11. September 2001 entführt worden waren. Der unschuldige Pilot dachte, er sei Teil einer geheimen CIA-Übung, als er an jenem Dienstagmorgen über New York City herumflog.

In Wahrheit aber war natürlich alles ganz anders, denn die CIA ... genau! Und dann ... eben!! Wow! Endlich kennen wir die Wahrheit über 9/11.

Unterhaltsamer als Spinner-Websites

Es ist Teil des Konzepts dieses Thrillers, dass er mit einigen der gängigeren Verschwörungstheorien spielt. Sie werden in Dialogen zwischen Fuller und Nick lang und breit referiert: Waren es in Wahrheit Raketen? Gab es Mohammed Atta zweimal? Wieso widersprach sich das Weiße Haus in den ersten 48 Stunden laufend - dann aber nicht mehr? Die Wahrheit im Buch ist letztlich eine weitere, wenn auch originellere Verschwörungstheorie.

Ein bisschen ist "Das fünfte Flugzeug" deshalb wie Internet zum Mit-an-den-Baggersee -Nehmen. Es ist weniger verwirrend und zugleich deutlich unterhaltsamer, als die Spinner-Websites im WWW selbst zu durchforsten. Und man kommt sich weniger peinlich vor, als wenn man öffentlich eines der gedruckten Werke eines berühmten Verschwörungstheoretikers lesen würde. Und spannend ist es auch noch.

Hier allerdings muss eine Klarstellung erfolgen: Es handelt sich gar nicht um einen Thriller. Es ist mindestens zu gleichen Teilen eine Satire. Und deshalb weiß man nicht, ob John S. Cooper Verschwörungstheorien eigentlich für Blödsinn hält und sich über sie lustig machen will - oder ob er eine Apologie für selbige verfasst hat, um das Misstrauen aufrecht zu erhalten, ohne allzu verbiestert daher zu kommen.

Thriller, Satire und Polit-Groteske in Einem

Diese Weigerung, sich eindeutig zuordnen zu lassen, setzt sich auf anderen Ebenen fort. So gibt es zum Beispiel reichlich Klamauk auf den 367 Seiten. Da werden Handys mit bloßen Händen zerdrückt, da tauchen Bösewichte wie aus James-Bond-Filmen aus den Siebzigern auf, und die Dialoge orientieren sich eindeutig am Filmgenre der Actionkomödie. Das Buch wäre sofort und unmittelbar verfilmbar.

Zugleich gibt es einen politisch-kritischen Subtext: Think Tanks regieren die USA, Spin Doctors verfälschen die Wahrheit, Washington D.C. ist auch ohne Verschwörungen ein schmieriger Ort, und Bush ist doof. Ganz klar: Wer Christopher Buckley ("Florence of Arabia", "Thank you for Smoking") liebt, wird "Das fünfte Flugzeug" mögen. Oder andersherum.

Im Übrigen macht dieses Buch möglicherweise paranoid. Es könnte jedenfalls, wenn man genauer hinschaut, selbst eine Art Verschwörung darstellen. Auf Anfrage gibt der Verlag immerhin zu, dass John S. Cooper ein Pseudonym ist und es deshalb auch kein Autorenfoto gibt.

Doch die Merkwürdigkeiten hören da nicht auf. So steht etwa im Impressum, das Buch sei "aus dem Amerikanischen" übersetzt. Aber in den USA ist ein Buch dieses Namens weder erschienen noch angekündigt. Außerdem sei das Buch von einem gewissen Sam van Heist übersetzt worden. Aber dabei handelt es sich offenbar entweder ebenfalls um ein Pseudonym, oder der Mann ist extrem unterbeschäftigt. Google kennt ihn jedenfalls nur im Zusammenhang mit diesem Buch.

Ein schrecklicher Verdacht tut sich auf: Ist "Das fünfte Flugzeug" am Ende gar kein amerikanisches Buch? Wer soll hier warum verwirrt werden? Hat am Ende vielleicht gar ein deutscher Autor ... Aaaargh! Hilfe! Sie kommen mich holen!


John S. Cooper: "Das fünfte Flugzeug". Kiepenheuer & Witsch, 366 Seiten, 8,95 Euro

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