Von Hans-Jost Weyandt
Sehr fern und fremd wirkt dieser Roman, das gibt ihm Wucht, und sein Ich-Erzähler tut nichts, um das Befremden zu mildern. Vielleicht fehlt diesem Omar die dazu nötige Vorstellungskraft; er ist erst 13 Jahre alt. Obwohl er schon eine Menge weiß über das Leben, zu dem er sich verdammt sieht. Er kennt den Dunst der Armut, den Geruch des Todes und die erschöpfte Lust älterer Männer, die sich mit Knaben wie ihm trösten. Das Armenviertel der marokkanischen Stadt Salé, das ist für Omar, diesem naiven arabischen Nachfahren der römischen Vorstadtstricher Pier Paolo Pasolinis, die Welt - und Marokko das Universum, beherrscht vom allmächtigen König.
Ganz sicher jedoch fehlt Omar die Zeit, um einen mit seiner Situation vertrauter zu machen, denn er erzählt zum denkbar ungeeignetsten Zeitpunkt - dem letzten Augenblick seines Lebens. Mit flachem Atem und im harten Stakkato extrem kurzer Sätze, die weder Erklärungen noch Reflexionen zulassen und mit unmittelbarer Schärfe alles Sinnliche erfassen, hetzt er durch die Geschichte auf das Ende zu, das nur wenige Herzschläge entfernt scheint. Es ist seine Geschichte, voller Unschuld und Bosheit, Zärtlichkeit und Brutalität. Sie beschleunigt sich, ekstatisch und panisch, zu einem fatalen Drama auf Leben und Tod, und es wirkt so, als wolle Omar ihr im letzten Moment noch einen Ausweg, eine Erlösung entreißen.
Funkengleich zischen die Erinnerungen auf, an die Mutter, die Prostituierte, die dem Vater entflohen ist. An den weisen Hexer, der sich dem Auftrag des törichten Vaters widersetzt, die Flüchtige mit einem Zauber zu belegen. An Hass, der in Sehnsucht, an Liebe, die in Verachtung umschlägt. An die verheißungsvollen Düfte im Suk. An Geschenke der Freier. Und an Khalid, den gleichaltrigen Sohn reicher Eltern. An das Necken, das Schmeicheln, den Sex im abgedunkelten Zimmer. Und wie sich daraus eine hitzige Liebe entwickelt, ein Begehren, das keine Grenzen akzeptiert und das binnen dreier Tage eskaliert zu einem dumpfen Aufbegehren gegen die eigene, beschränkte Existenz. Und den Wunsch auslöst, ein anderer zu werden - nach dem nächtlichen Alptraum vom König.
Frisch wie ein Frühlingswald riecht es dort
Die historische Gestalt Hassan II., die fast vier Jahrzehnte lang sein Volk peinigte bis zum Tod 1999, ist in diesem Roman ein Herrscher von märchenhafter Statur. Seine Regentschaft hat lange vor Omars Geburt begonnen und wird seinen Tod um viele Jahre überdauern. Was jenseits seines Herrschaftsgebiets geschieht, ist völlig belanglos. Seine Untertanen fürchten ihn, sie buhlen um seine Gunst und tun alles, um ihn bei Laune zu halten, denn gnadenlos waltet sein Zorn. Als Omar ihn erblickt, umtanzen die schönsten Töchter Marokkos seinen Thron, auf dem Hassan II. nackt sitzt. Doch anders als in Andersens Märchen reizt Omar der Anblick der entkleideten Macht nicht zum Lachen, auch ihre Blöße ist furchteinflößend mächtig - und fürchterlich erregend.
Der Knabe kniet nieder und küsst die schlaffe Hand des Herrschers, er weiß, wie das geht, er hat es gelernt im Kino, von Coppolas "Godfather", und er spürt, wie sich die Angst in Ergebung, die Unterwerfung in Lust und das Begehren in etwas Unerhörtes verwandeln, während seine Lippen den königlichen Arm hinaufgleiten, wobei er nicht weiß, was ihm entsetzlicher ist: die Monstrosität des Potentaten oder das Verlangen, die Halskuhle zu erreichen, um den Geruch der Macht einatmen zu können. Frisch wie ein Frühlingswald riecht es dort. Als Omar die Liebe zu seinem König entdeckt, erwacht er. Voller Angst und völlig verwirrt. Doch die schwule Phantasie hallt in einem Schäferstündchen nach, Tage später, wenn die Jungs halbnackt durch einen Wald laufen.
Sie haben sich vereinigt und danach Unterhosen und Namen getauscht, es ist der hellste, glücklichste Moment dieses irrlichtern flirrenden Romans, und Omar erkennt, dass er ein Trug ist. Nie wird er so sein können wie Khalid, nie wird seine Haut so herrschaftlich weiß sein wie die des Geliebten. Er stößt ihn in den Tod, doch als er ihm wenig später nachfolgt, am Ende dieser schier unendlich gedehnten Erzählsekunde der verwirrten Gefühle, glaubt er einen Ausweg aus seiner Existenz gefunden zu haben und nennt sich Khalid. Eine Unglücksfigur von Camusschem Format ist dieser Omar, angetrieben vom ekstatischen Furor Jean Genets, sich selbst unbegreiflich und fremd.
Man kann diese widerspenstige Fremdheit überwinden, indem man den Roman in bewährter Weise zu einem Aufklärungswerk erklärt, das die Missstände in einer verkrusteten Despotie anklagt, Unmündigkeit, Homophobie und einen Rassismus, der tief verwurzelt ist, verfasst von einem engagierten jungen Autor, der es als erster Schriftsteller Marokkos wagte, sich als Schwulen zu outen. Aber das erfasste nicht ansatzweise die paradox befreiende Erkenntnis dieses Romans, dem man viele Leser wünscht: dass es einfacher ist, wie Omar einen Roman in einer Sekunde zu erzählen, als auch nur einem Moment lang die eigene Fremdheit zu überwinden.
Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Katrin Seddigs "Eheroman", Chimamanda Ngozi Adichies "Heimsuchungen", David van Reybroucks "Kongo", Bram Stokers "Dracula" und David Vanns "Die Unermesslichkeit".
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