Abschiedsbrief-Anthologie "Bitte stell' den Gartenzwerg auf mein Grab"

Skandal oder Heldentat, Sünde oder Racheakt: Die Selbsttötung ist nach wie vor ein Thema, das polarisiert. Eine neu erschienene Anthologie versucht, den Suizid zu entmystifizieren - und lässt die Täter in ihren Abschiedsbriefen selbst zu Wort kommen.


Verzweiflungstat Selbstmord: Zwischen Heroisierung und Tabuisierung
DDP

Verzweiflungstat Selbstmord: Zwischen Heroisierung und Tabuisierung

Berlin - Über 11.000 Menschen beenden jedes Jahr in Deutschland ihr Leben durch eigene Hand. Alle 47 Minuten entscheidet hier zu Lande ein Mensch, dass der Tod das beste Schicksal sei. Sie sterben still, von ihren Tragödien bekommt außer dem engeren Umfeld kaum jemand etwas mit. Vernehmbare öffentliche Debatten gibt es zum Thema Selbsttötung eher selten. Der Leipziger Historiker Udo Grashoff lässt die Opfer nun selbst zu Wort kommen. Sein unlängst erschienenes Buch "Ich möchte jetzt schließen" dokumentiert die Abschiedsworte von Selbstmördern.

Verbot oder Stilisierung

Die Sammlung umfasst Briefe aus mehreren Jahrzehnten, an denen sich deutlich der Einstellungswandel gegenüber der Selbsttötung ablesen lässt. Noch bis 1983 verbot die katholische Kirche das Begräbnis von Selbstmördern auf ihren Friedhöfen. Die Entscheidung über Leben und Tod nicht Gott zu überlassen, galt als besonders verwerfliche Sünde. "Vielleicht könnte man meinen Eltern sagen, ich sei mit dem Auto tödlich verunglückt oder so", schreibt eine junge Frau, bevor sie sich zu Tode stürzt.

"Sowohl die moralische Verurteilung durch die Kirchen, aber auch die als Gegenbild dazu entwickelte heroische Deutung mancher Philosophen haben zu einer Überschätzung der letzten Handlung beigetragen", schreibt Grashoff. Er sieht sein Buch als Plädoyer für einen rationalen Umgang mit dem Thema: "Selbsttötung ist weder ehrenvoll noch skandalös, sondern ein normaler Ausdruck des Scheiterns, wie er in unserer Gesellschaft Tausende Male im Jahr stattfindet."

Die Abschiedsbriefe stützen diese Haltung. Es sind meist keine tiefgründigen Reflexionen über das eigene Leben oder die Schlechtigkeit der Welt. Sie geben Einblicke in die Gedankenwelt kurz vor dem Tod. Weit reichende Einsichten und Banalitäten stehen oft direkt nebeneinander. Nachdem ein Ehemann angekündigt hat, seinen Nebenbuhler mit in den Tod zu nehmen, bittet er seine Frau, den Wagen in die Werkstatt zu bringen: "Oder ruf dort wenigstens an, sonst ist der Termin weg."

Selbsttötung als Gewalttat gegen andere

Viele Menschen geben detaillierte Anweisungen für ihre Beerdigung: "Liebe Lissy, sag meiner Mutter, sie möchte den Gartenzwerg auf mein Grab stellen", bittet ein junger Mann seine Geliebte, bevor er sich erschießt. Eine Ärztin schildert minutiös ihre Todesursache, um eine Obduktion ihrer Leiche überflüssig zu machen.

Grashoff-Buch "Ich möchte jetzt schließen": Selbstmord als anthropologische Konstante

Grashoff-Buch "Ich möchte jetzt schließen": Selbstmord als anthropologische Konstante

Die Briefeschreiber scheinen auch zu wissen, dass ihre Familien die Selbsttötung als quasi-terroristischen Akt empfinden - ein Aspekt, der laut Grashoff erst in den vergangenen Jahren mehr Beachtung gefunden hat. Je nach Motiv bitten sie im Voraus um Verzeihung für die schwere Last, oder aber sie beabsichtigen genau diese Wirkung. Eine verlassene Ehefrau etwa schreibt ihrer Rivalin: "Ich hoffe nur, dass Du so viel Gewissen hast, um zu erkennen, dass Du die Schuld an meiner Handlung trägst. Ich wünsche Dir in einer Ehe mit meinem Mann mindestens fünf Kinder."

Grashoff meint dennoch eine gewisse Entkrampfung im Umgang mit Selbsttötung festzustellen: "Die Briefe zeigen, dass die Motive und Umstände sehr vielfältig sind. Heute ist man eher bereit, sich den Einzelfall genau anzuschauen statt pauschal zu verurteilen." Die mitfühlende öffentliche Reaktion auf den Freitod von Hannelore Kohl sei dafür ein deutliches Zeichen.

In den letzten Jahren wird das Phänomen der Selbsttötung in den Medien zunehmend thematisiert; zudem koordiniert seit 2002 ein nationales Präventionsprogramm die Bemühungen privater und öffentlicher Einrichtungen. In dem Maße, in dem das öffentliche Interesse steigt, sinken die Zahlen. Seit 1982 ist die Suizidrate um 40 Prozent gefallen. Da Selbsttötung ein nur schwach erforschtes Gebiet ist, kann Grashoff über die Gründe jedoch nur mutmaßen.

Studien haben ergeben, dass Selbstmörder häufig in zerrütteten Verhältnissen aufgewachsen sind. Die zwischen 1930 und 1945 geborene Generation war einem Höchstmaß an Belastungen ausgesetzt - Verlust der Eltern, Gewalt, Vertreibung. Diese Generation sterbe langsam aus und trage nun nicht mehr im selben Maß wie früher zur Suizidrate bei. In einem Punkt ist sich Grashoff jedoch sicher: "Selbsttötung ist eine anthropologische Konstante. Es wird sie immer geben."

Steffen Becker, ddp


Udo Grashoff: "Ich möchte jetzt schließen". Reclam. 160 Seiten. 8,90 Euro.



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