Fußballultra-Krimi "ACAB" Fight Club forever

Verfeindete Gruppen, gewaltbereit, brutal: Ende der Nullerjahre prallten in Italien Bereitschaftspolizisten und Ultras aufeinander. Carlo Boninis Roman "ACAB" erzählt die Geschichte der Kämpfe.

Szene aus Stefano Sollimas Film "A.C.A.B. - All Cops Are Bastards"
01 Distribution/ Rai Cinema/ Emanuela Scarpa

Szene aus Stefano Sollimas Film "A.C.A.B. - All Cops Are Bastards"


Badia al Pino, eine Autobahnraststätte in der Nähe von Arezzo, ein Sonntagmorgen im November 2007. Ultras aus Rom treffen auf Juve-Fans, es geht heftig zu, die Polizei kommt dazu, Schüsse fallen. Gabriele Sandri, genannt DJ, 26-jähriger Lazio-Anhänger, stirbt, von einer Kugel in den Hals getroffen. Die Reaktion der Ultras: Ausschreitungen in vielen Städten, in Rom kommt es zu kriegsähnlichen Szenen zwischen Polizei und Fußballfans.

Fast fünf Jahre wird es dauern, bis der Polizist Luigi Spaccarotella im Februar 2012 wegen Totschlags zu fast zehn Jahren Haft verurteilt wird. Zu diesem Zeitpunkt ist "ACAB - All Cops Are Bastards", Carlo Boninis Roman über die Gewalt rund um die italienische Ultra-Szene und die zweifelhaften Methoden der Bereitschaftspolizei, bereits drei Jahre alt. Jetzt, mit neunjähriger Verspätung, liegt er endlich auf Deutsch vor.

Ein Thriller, wie auf dem Einband versprochen wird, ist "ACAB" nicht. Aber ein wichtiges Buch darüber, wie Gewaltspiralen entstehen und außer Kontrolle geraten. Wie sich Gewalt immer gleicht, ob sie vom Staat oder der anderen Seite kommt. Wie Individuen die Verlierer sind, zerrieben werden zwischen Machtinteressen und Ideologien. Und über das Jahr 2007, als der italienische Fußball am Boden lag, Ausschreitungen der Normalzustand waren, die Stadien leer.

Das "schwarze Herz der Polizei"

Buchautor Carlo Bonini
Getty Images

Buchautor Carlo Bonini

Bonini ist Journalist bei der Tageszeitung "La Repubblica", hat sich in den vergangenen Jahren auch mit seinen Artikeln über die Verquickung der Mafia mit der Politik in Rom profiliert sowie mit Giancarlo de Cataldo zwei Thriller zum Thema geschrieben. Weil er ein guter Journalist ist, stellt er auch in seinem Romandebüt "ACAB" niemanden an den Pranger, sondern zeigt die Verhältnisse auf, basierend auf intensiven, monatelangen Recherchen, vor allem bei der Bereitschaftspolizei, die immer dann zum Einsatz kommt, wenn der Staat Härte zeigen will. Bei Demonstrationen, bei Fußballspielen, und - auch damals schon - gegen Flüchtlinge.

Einer dieser Polizisten im Buch ist Michelangelo Fournier, der das Einsatzkommando VII leitete, das während des G8-Gipfels in Genua im Juli 2001 mit unfassbarer Brutalität gegen Demonstranten vorging: 70 Männer, die gedrillt und hochgerüstet wurden für den Einsatz - effektiveres Tränengas, härtere Schlagstöcke, zweimonatiges Fitnesstraining. "Eine Dobermann-Meute. Entfesselte Typen, als würden in Gefangenschaft gehaltene Tiere endlich von der Kette gelassen", lässt Bonini Fournier in seinem Roman sagen.

Szene aus der Verfilmung "A.C.A.B. - All Cops Are Bastards"
01 Distribution/ Rai Cinema/ Emanuela Scarpa

Szene aus der Verfilmung "A.C.A.B. - All Cops Are Bastards"

Schon bei einer Simulation im Vorfeld des G8, bei der Polizisten aus Neapel den schwarzen Block simulierten, gab es Dutzende Verletzte. Beim Gipfel selbst kam es zu Gewaltexzessen, die noch Jahre später den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg beschäftigen sollten.

Fournier, der überzeugte Rechte, der erst befördert und später kaltgestellt wird, ist die zentrale Figur des Buchs, das vielleicht nicht nur kein Thriller ist, sondern eigentlich auch kein Roman. Alles, was Bonini schildert, ist tatsächlich passiert, seine Protagonisten nennt er mit wenigen Ausnahmen bei ihren Klarnamen.

Er verzichtet auf zusätzliche Dramaturgie, reiht elf Szenen aus dem Rom des Jahres 2007 aneinander, ergänzt durch ein Nachspiel aus dem Neapel während der Müllkrisen-Krawalle 2008. Bonini montiert Protokolle aus Polizei-Chats, Auszüge aus Ultra-Manifesten, Songtexte und anderes Doku-Material zu einer Collage, der erschreckenden Zustandsbeschreibung einer zutiefst verunsicherten und zerrissenen Gesellschaft.

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Carlo Bonini:
ACAB

All Cops Are Bastards

Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl

Folio Verlag; 224 Seiten; 18 Euro

Auf der einen Seite der Frontlinie stehen die Bereitschaftspolizisten, die "celerini", die sich selbst als "schwarzes Herz der Polizei" definieren, viele von ihnen fasziniert von den Idealen Mussolinis und der Härte der römischen Legionen. Mit diffusen Feindbildern, dem "Italien der Gutmenschen" etwa, und dem Gefühl, von allen verachtet zu werden. "Herr im eigenen Haus", wollen diese Polizisten sein, die sich schon lange nicht mehr mit ihrer Aufgabe identifizieren und eine Art Gang bilden, nur noch nach den eigenen Regeln spielen. Ein Gemisch aus Selbstmitleid, Verachtung und Arroganz, hochexplosiv.

Eindrucksvoll, fast unerträglich kühl

Prügelnde Anhänger von Lazio Rom (2010)
imago

Prügelnde Anhänger von Lazio Rom (2010)

Und auf der anderen Seite die Ultras. Die Lazio-Fans, weit rechtsaußen angesiedelt, die Roma-Anhänger, oder die NISS aus Neapel, deren Name auf Deutsch so viel bedeutet wie "Keine Begegnungen nur Kämpfe" und die als verlängerter Arm der Camorra gelten. Untereinander verfeindete Gruppierungen, die der Hass auf alles eint, das ihrem engstirnigen Weltbild nicht entspricht - und der Schlachtruf "ACAB".

Den theoretischen Überbau für die Gewalt liefern Vordenker, deren Weltbild sich von dem der Bereitschaftspolizisten kaum unterscheidet. Eine Melange aus dumpfen Jungmännertum und Pseudophilosophie, pathetisch bis zur Peinlichkeit: "Wir sind kein Business Club, sondern Kameradschaft, der Wille zu Provokation und Kampf", heißt es in einem Ultra-Manifest.

Was passiert, wenn diese Gruppen aufeinanderprallen, dokumentiert Bonini eindrucksvoll, fast unerträglich kühl. Im Feuerschein brennender Barrikaden, im Wirbel der Schlagstöcke, im Geschrei und Getöse werden Ideologien, hehre Absichten, finstere Pläne pulverisiert. Am Ende ist die einzige Realität die Schlacht, das Zerstören des Gegenübers, der dionysische Rausch des Untergangs, die Befreiung von der Maske der Menschlichkeit. Fight Club forever.

Bonini erzählt von Hass, Angst, Verunsicherung, fehlender Orientierung. Man sollte "ACAB" auch als Warnung vor all denjenigen lesen, die heute einfache Lösungsansätze für komplexe Situationen versprechen.

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
mens 22.03.2018
1. Respekt kein Wert
Die im Buch behandelte Situation ist für eine Ausprägung eines Grundproblems, dass auch jenseits der Ultra-Welt existiert. Der geringe Stellenwert körperlicher und geistiger Unversehrtheit in unseren (europäischen) Rechtssystemen. Der Mangel an Respekt vor dem anderen Individuum wird nicht ausreichend unter Strafe gestellt. Ein Vergleich zwischen der höhe der Strafen für Körperverletzung, bei der bleibende Schäden oder sogar Tod auftreten und denen für wiederholtes Schwarzfahren oder Finanz-Starftaten ist erschütternd. Einem wildfremden Menschen eins aufs Maul hauen bedeutet NICHTS. Daher verwundern mich diese Exzesse auch nicht. Sie schienen von den Gesetzgebern so gewollt.
Mindbender 22.03.2018
2. ..
Bitte zwischen Ultras und Hooligans unterscheiden. Dieser Artikel ist tendenziös, irreführend und entspricht nicht den Fakten.
acitapple 22.03.2018
3.
Zitat von MindbenderBitte zwischen Ultras und Hooligans unterscheiden. Dieser Artikel ist tendenziös, irreführend und entspricht nicht den Fakten.
Wo soll hier bitte ein Unterschied sein ? Auf beide Gruppierung kann die Gesellschaft sehr gut verzichten.
Eternal Afflict 22.03.2018
4.
Zitat von MindbenderBitte zwischen Ultras und Hooligans unterscheiden. Dieser Artikel ist tendenziös, irreführend und entspricht nicht den Fakten.
Dies ist eine Rezension !? Außerdem gibt es in Italien per dieser Definition keine "Hooligans".
DorianH 22.03.2018
5.
Zitat von MindbenderBitte zwischen Ultras und Hooligans unterscheiden. Dieser Artikel ist tendenziös, irreführend und entspricht nicht den Fakten.
Das mag vielleicht auf die Situation in Deutschland zu treffen. Italienische Ultras ticken da etwas anders....
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