Familienroman von Adam Haslett Das große Scheitern

In seinem zweiten Roman "Stellt Euch vor, ich bin fort" erzählt der Amerikaner Adam Haslett auf berührende Weise von den Opfern eines "wetteifernden amerikanischen Optimismus" - und dem Zerbrechen einer Familie.

Landschaft auf Martha's Vineyard
imago/ Loop Images

Landschaft auf Martha's Vineyard


Seit 2009 gilt Adam Haslett als Fachmann für Schwelbrände im System. Damals erschien sein Roman "Union Atlantic", in dem er der Bankenkrise von 2007 ein Gesicht gab: Das des Zockers Doug Fanning, an dem er zeigte, wie ein System, dessen Betreiber von der Idee getrieben sind, dass maßloser Erfolg sich irgendwann seine eigenen Regeln schafft, zwangsläufig kollabiert - und zuletzt genau jene frisst, deren maßlose Profitgier es einst schuf.

Der 47-jährige Yale-Absolvent hegt offenbar ein tiefergehendes Interesse an der Beschreibung aus der Spur getragener Existenzen. Das belegt auch sein zweiter, nun auf Deutsch vorliegender Roman "Stellt Euch vor, ich bin fort", in welchem er dem langsamen Zerbrechen einer Familie bis in seine feinsten psychologischen Verästelungen nachspürt.

In der Beschreibung der Familie legt Haslett die Widersprüche einer Gesellschaft frei, deren blindwütiges Glücks- und Erfolgsstreben sie solange zermürbt, bis irgendwann, am Ende aller Illusionen und Selbstbefreiungsversuche angelangt, bloß noch die ratlose Frage bleibt: "Was machen wir hier überhaupt?"

Wiederholt hat Haslett, in dem nicht wenige Kritiker den sensiblen, literarisch skrupulöseren Zwilling Jonathan Franzens zu sehen meinen, das Buch als sein persönlichstes bezeichnet. Denn es geht erzählerisch von der für ihn zweifellos einschneidenden Erfahrung seines Lebens aus: Dem Suizid seines Vaters, dem er als 14-Jähriger hilflos gegenüberstand.

Darüber hinaus macht Haslett seine eigene Homosexualität und die Erfahrung psychischer Erkrankung zum Thema, welche er offenbar ebenfalls mit seinen Figuren teilt. Es geht um ein oft nur schwer greifbares Gefühl: sich als fremd und aus der Welt gefallen zu empfinden. Doch inszeniert er das Ganze nicht als stumpfgraue Elendslitanei, sondern findet eine Sprache für das Ungemach, die sich subtil an das Geschilderte anschmiegt, statt es um Mitleid heischend auszustellen.

Kein Seelenfrieden

"Stellt Euch vor, ich bin fort" geht von John und Margaret aus, die einander im London der Sechzigerjahre begegnen, sich verlieben und drei Kinder bekommen, daraus entspinnt sich die Geschichte einer dysfunktionalen Familie. Diese erzählerische Exposition erinnert vordergründig an Jonathan Franzens Erfolgsroman "Die Korrekturen", in dem in bitterkomischen Sequenzen der Alltag einer im Würgegriff einer Parkinson-Erkrankung lavierenden Bostoner Mittelstandsfamilie beschrieben wird. Doch Hasletts Buch zeichnet ungleich leiser nach, wie Opfer ungewollt neue Opfer produzieren - und was es für einen Einzelnen bedeutet, einer genetischen Disposition ausgeliefert zu sein.

ANZEIGE
Adam Haslett:
Stellt Euch vor, ich bin fort

Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren

Rowohlt Verlag, 462 Seiten, 22,95 Euro

Eines der drei Kinder, Michael, hat die psychische Labilität seines Vaters John geerbt und schluckt Psychopharmaka wie andere bunte Smarties. In langen, eindrucksvollen Passagen eröffnet Haslett beklemmende Einblicke in das Innere des zum Kranksein Verurteilten. Einmal heißt es: "Wenn man die meisten Tage allein in einem Zimmer mit einem Tiger verbringt, der sich nur deswegen nicht auf einen stürzt, weil man ihn ständig anstarrt, kann jemand, der einem eine Pepsi einschenkt, so barmherzig wie Jesus erscheinen."

Adam Haslett porträtiert Opfer jenes "wetteifernden amerikanischen Optimismus'", an dem seine Figuren stellvertretend laborieren. Darüber verdichten sich die einzelnen Episoden seines multiperspektivisch erzählten Buches zur fesselnden Chronik eines angekündigten "Großen Scheiterns": Alec sucht als Verfasser journalistischer Texte in wechselnden gleichgeschlechtlichen Beziehungen Glück und Vergessen. Celia kümmert sich als Sozialarbeiterin um gestrauchelte Jugendliche - und sucht ihr Heil in einer bewusst kinderlosen Ehe. Und Margaret, ihre Mutter, fristet ihr Witwendasein als Bibliothekarin.

Beruhigung oder einen abschließenden Seelenfrieden gewährt Haslett seinen Figuren nicht. Wie auch? Die Anspannung verschwindet schließlich nie.

Mehr zum Thema
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps


zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.