Nordkoreaner in Texas: Ein Strahlungsmesser für den "Geliebten Führer"

Von Thomas Andre

Kim Jong-Il, Familie: Lieber ein kratziges Toilettenpapier als 40 weiche Zur Großansicht
AFP

Kim Jong-Il, Familie: Lieber ein kratziges Toilettenpapier als 40 weiche

Ein Held Nordkoreas auf heimlicher Mission: In "Das geraubte Leben des Waisen Jun Do", einem Spannungsroman mit satirischen Zügen, erzählt Adam Johnson die bizarre Geschichte einer Karriere unter Kim Jong Il - und wurde dafür mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

Wer Nordkorea für das rätselhafteste und merkwürdigste Land der Welt hält, kann sein Bild mithilfe der Literatur verfestigen: Der Roman zur Nordkorea-Farce heißt "Das geraubte Leben des Waisen Jun Do", geschrieben hat ihn der amerikanische Schriftsteller Adam Johnson. Nun wurde er für dieses Buch mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

Vielleicht ja, um auch den US-Amerikanern eine fremde Welt näher zu bringen, deren Bild im Westen von Atomstreit, Raketenstarts und den präpotenten Posen des Obersten Führers Kim Jong Un bestimmt wird. Und über die der kosmopolitische Autor Christian Kracht einmal sagte: "Ich bin froh, dass es dort nur eine Seife statt 70 gibt. Und lieber ein kratziges Toilettenpapier als 40 weiche."

Johnson, Jahrgang 1967, war selbst in der einst als Bauern- und Arbeiterstaat gegründeten Diktatur unterwegs. Unter strengen Auflagen. Außerdem interviewte er dem totalitären Regime glücklich entkommene Koreaner. Johnson sammelte genug Stoff, um den Menschen in einem der dysfunktionalsten Länder der Erde ein Denkmal zu setzen: den ewig hungernden, zu Führerkult und absolutem Gehorsam erzogenen Nordkoreanern, deren Alltag aus unserer Sicht absurd anmutet. Nachts wird der Strom ausgestellt, rechtzeitig für die Lautsprecherdurchsagen ist er aber wieder da: "Guten Morgen, liebe Bürger."

Der Held des Buchs ist der Waisenknabe Jun Do, er trägt wie alle elternlosen Kinder den Namen eines Märtyrers. Zusammen mit diesem erst allmählich schärfere Konturen gewinnenden Jun Do reist der Leser durch das bizarre Land, in dem Filme Titel wie "Eine wahre Tochter des Vaterlands" tragen und das einzig Barocke die Fülle der eigenen Mythen und Heldengeschichten ist.

In der Erzählgegenwart des Romans ist noch Kim Jong Il, der Vater des derzeitigen koreanischen Autokraten, Herrscher über Günstlinge, Untertanen und Weggesperrte. Mit ihm tritt Jun Do über Umwege in eine verhängnisvolle Beziehung: Als Kidnapper an Japans Küsten und Funkspion auf einem Fischerboot qualifiziert er sich zum Helden Nordkoreas. Als solcher reist er auf heimlicher Mission nach Texas, um seinem "Geliebten Führer" ein Gerät zur Messung radioaktiver Strahlung wieder zu beschaffen, das die Amerikaner ihm weggenommen haben.

Spätestens da trägt "Das geraubte Leben des Waisen Jun Do" auch deutlich satirische Züge. Es sind nicht die schwächsten Teile dieses Pageturners. Wie sollte man das Land anders beschreiben als mit sanftem Spott? Die Bedrängnis in den Spionage- und Fluchttunneln wird in den brutalen Arbeitslagern, die Johnson schonungslos beschreibt, noch gesteigert.

Ungefähr in der Mitte des Romans nimmt der Waisenknabe eine andere Identität an. Jun Do ist nun ein hochgestellter Kommandant und mit der berühmten Volksschauspielerin Sun Moon verheiratet - niemandem ist diese Wandlung verdächtig. In dem Überwachungs- und Terrorstaat Nordkorea ist einzig die richtige Geschichte über "uns" und "die", über die Kommunisten und die Imperialisten von Bedeutung. Oft ist sie gelogen oder strategisch der Wirklichkeit angepasst. Aber Jun Dos Lüge ist eine unstrategische Lüge, er ist ein Held, der sich dem System widersetzt.

Damit steht er allein. Der falsche Heroismus der anderen vermischt mit dem Pathos der Selbstbehauptung: So versucht sich derzeit auch Kim Jong Un die Legitimation zu verschaffen, im isolierten Nordkorea zu herrschen.

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