Buch von Adam Thirlwell Wie ein Junge mit ADHS

Fulminant und überfordernd: Der britische Schriftsteller Adam Thirlwell hat ein Buch geschrieben, das dem Roman huldigt. "Der multiple Roman" mutet akademisch an - beeindruckt aber mit einer Fülle von Anekdoten und der Liebe zu anarchischer Literatur.

Ulf Andersen/ StudioX

Literarischer Shootingstar der vergangenen 300 Jahre? Klar: der Roman. Als hässliches Entlein neben Lyrik und Epos gestartet, sind die Buchläden heute prall gefüllt mit ihm, längst hat Prosa die Poesie in die hinteren Ecken verdrängt. Bestseller allenthalben, Tolkien, Rowling, Brown: natürlich Romanautoren.

Der britische Schriftsteller Adam Thirlwell teilt den Zeitgeist, er liebt die Form des Romans. Mit "Strategie" und "Flüchtig" hat er selbst zwei Exemplare dieser Gattung geschrieben. Nun erscheint ein sechs Jahre altes Buch von ihm erstmals auf Deutsch, dessen Titel lautet: "Der multiple Roman". Das Werk ist kein Roman, sondern ein Kniefall vor dem Genre, verfasst mit Furor. Thirlwell zeigt die Möglichkeiten des Romans und huldigt all jenen, die mit ihm experimentiert haben. Besonderen Spaß hat er dabei an Laurence Sternes "Tristram Shandy", dem "versautesten Roman der Literaturgeschichte", wie er ihn nennt. Darin: umständliche Beschreibungen, die im Nichts oder in Widersprüchen enden, eine Fülle von Doppeldeutigkeiten und Anspielungen, oft mit Auslassungszeichen gekennzeichnet.

Das Besondere an "Tristram Shandy" sei das langsame Erzähltempo, ein Effekt der "verstopften und zerrütteten Oberflächenstruktur". Kapitel werden beliebig eingeteilt, mal endet eines nach einem Komma, ein anderes besteht aus nur einem Satz. Der neunbändige Roman, Mitte des 18. Jahrhunderts erschienen, sei avantgardistisch und politisch unkorrekt, er sei "anti-alles", schreibt Thirlwell bewundernd.

Emphatische Fürreden und feurige Kritiken

Thirlwell selbst liebt Literatur voller Unterbrechungen, Abschweifungen oder Kritzeleien. Auch Leerseiten, schwarze oder marmorierte Seiten in Romanen. Er schätzt den rumänischen Surrealisten Gherasim Luca, der gerade deshalb auf Französisch schrieb, weil die Sprache für ihn fremdartig war. Oder Witold Gombrowicz, der sein Romandebüt "Ferdydurke" durch Kurzgeschichten unterbrach, die in keinem Zusammenhang zum sonstigen Geschehen standen. Auch den Tschechen Bohumil Hrabal und seine Ein-Satz-Romane, mit denen er das Genre neu erfand - als Collage.

Worum es Thirlwell die ganze Zeit geht, ist sein Projekt des "multiplen Romans". Was das sein soll? Man kann es auch nach mehr als 500 Seiten nur ahnen. Auf jeden Fall international. Deshalb gibt es ausschweifende Überlegungen zu literarischen Übersetzungen, und auch hier prasseln die Beispiele auf den Leser ein: wie etwa das von Gombrowicz, der fast kein Spanisch verstand, aber mit sechs Lateinamerikanern, die kaum Polnisch konnten, einen Roman vom Polnischen ins Spanische übertrug. Soll eine Übersetzung wortgetreu sein oder vielmehr den ursprünglichen Stil erhalten? Diese Frage stellte sich Vladimir Nabokov und beantwortete sie im Laufe seines Lebens in unterschiedlicher Weise.

"Der multiple Roman" ist fulminant und überfordernd, das Buch strotzt vor Wissen und Erzählfreude und scheint gerade deshalb auf jeder Seite seinem eigentlichen Ziel davonzugaloppieren. Kaum fassbar, dass der Autor gerade einmal 28 war, als er es schrieb. Aufgebaut ist Thirlwells Werk wie eine wissenschaftliche Abhandlung, streng eingeteilt in Kapitel, die Aspekte des Romans beleuchten wollen: "Geschichten", "Wörter", "Übungen", später "Das perfekte Werk" und "Das mangelhafte Werk". Es folgen "Exkurse für besondere Leser" und rund dreißig Seiten Literaturnachweise, auf die im Text Fußnoten in Form von kleinen lateinischen Ziffern verweisen.

Langweilig? Von wegen!

Was innerhalb der Kapitel geschieht, ist ganz und gar nicht strukturiert. Es sprudelt darin vor Anekdoten, vor Exkursen, emphatischen Fürreden und feurigen Kritiken. Akademisch mutet das Buch zwar in seinem Aufbau an, doch ein betreuender Professor würde angesichts dieser Arbeit verzweifeln. "Konzentrieren Sie sich auf wenige Autoren und Werke", hört man ihn durch die Zeilen flüstern.

Spielfreude dank uferloser Detailverliebtheit

Aber Thirlwell hat anderes im Sinn. Er ist gnadenlos subjektiv, geschwätzig, plappert und springt wie ein Junge mit ADHS von Seite zu Seite, füllt sie mit Größen aus Literatur, Kunst und Philosophie. Thomas Mann, Kafka und Cervantes, Marcel Duchamp, Picasso und Warhol, Roland Barthes, Adorno und Wittgenstein: Sie und Dutzende mehr finden Erwähnung, manch einer muss sich mit ein, zwei Sätzen Ruhm begnügen. Doch Thirlwell betreibt kein bloßes Namedropping, er will sein Wissen nicht zur Schau stellen. Seine Gedanken sind akribisch und zugleich anarchisch, gerade in der uferlosen Detailverliebtheit liegt das Moment der Spielfreude. Mal benutzt Thirlwell sprachliche Ungetüme, schreibt von "pluraler Kausalität" und "Strukturen der Bedeutungsbildung", mal ist sein Ton flapsig und albern, dann wendet er sich an die "lieben sterblichen Leser", er spricht sie mit "Ragazzi" an oder als "Amigos".

Thirlwell zu folgen, ist mitunter mühevoll. Man sollte die Hoffnung auf eine stringente Aussage aufgeben und es stattdessen genießen, von Schriftstellern wie Macedonio Fernández oder Sigismund Krshishanovski zu erfahren. Autoren, die trotz unterschiedlicher Herkunft und Schicksal etwas verband. Die schrieben, um das zu überwinden, wofür Thirlwell einen poetischen Ausdruck findet: "die endlose Lücke zwischen Wort und Welt".


Adam Thirlwell: Der multiple Roman. Aus dem Englischen von Hannah Arnold. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 536 Seiten; 24,99 Euro.



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