Liebe unter Hipstern In den Betten von Brooklyn

Ein Flattern im Schritt macht noch keine Romanze: Die Amerikanerin Adelle Waldman dekonstruiert mit ihrem Debütroman das Liebesleben prekär lebender Großstädter.

Autorin Waldman: Das Projekt der groß angelegten Entzauberung
Lou Rouse

Autorin Waldman: Das Projekt der groß angelegten Entzauberung

Von Thomas Andre


Nathaniel Piven ist das, was Frauen gemeinhin als Arschloch bezeichnen. Weil er ein wenig zu sehr auf sein Ungebundensein achtet. Weil er weibliche Sehnsüchte unterläuft - gerne auch, indem er gleichzeitig seine eigenen leiblichen Sehnsüchte stillt. Danach zieht er weiter.

Nate ist Held und Antiheld des Romans "Das Liebesleben des Nathaniel P.", dem erstaunlichen Debüt der New Yorkerin Adelle Waldman. Das Buch sorgte im vergangenen Jahr einigermaßen für Furore in Amerika und stand auf etlichen Bestenlisten.

Warum das so ist und warum sich zum Beispiel "Girls"-Erfinderin Lena Dunham als begeisterte Leserin outete, lässt sich nicht nur mit der Hauptfigur und ihrem Paarungsverhalten, sondern mit der Tatsache erklären, dass sich hier eine Frau in einen Mann versetzt. Man könnte sicherlich allein angesichts der Grundkonstellation der amourösen Anordnung - bindungsunwilliger Typ, anhängliche Dame - den Klischeeknopf drücken. Das hieße aber, den relativen Wiedererkennungswert zu übersehen, den einige Motive haben.

Die Soziologie der Liebe

Waldman stürzt sich mit Verve in die Dating-Wirklichkeit Brooklyns, jenes Intellektuellen- und Hipster-Habitats also, in dem der 30-Irgendwas Nate als freier Journalist und Literaturkritiker lebt. Bald wird sein erstes eigenes Buch erscheinen, der Vorschuss hebt ihn fürs Erste auf eine andere Stufe in der Klasse des Kreativprekariats.

Nate hat in Harvard studiert. Und wie Waldman in einem Rückblick die dort anzutreffenden Typen der Überprivilegierten mit ihrer an wahrer Erkenntnis uninteressierten Ambition beschreibt, ist beispielgebend für diesen Roman.

Ihren Protagonisten zeichnet sie als klugen Zeitgeistkritiker, was ihr erlaubt, alle auftretenden Charaktere und nicht nur den selbstreflektierten Nate permanent infrage zu stellen. Literatur schreibt Waldman stets aus dem Geist der Psychologie und mit einem speziellen Interesse für die Soziologie der Liebe. Wer würde bestreiten, dass die Art und Weise, wie wir lieben, viel mit dem Milieu zu tun hat, in dem wir uns bewegen?

Das von lauter ehrgeizigen und nach Selbstverwirklichung strebenden Männern und Frauen bevölkerte New York ist für Berliner, Hamburger oder Münchner übrigens in vielerlei Hinsicht anschlussfähig - auch, was die Liebesmodelle angeht. Oder die Dating-Codes: Zu sagen, dass man derzeit keine Beziehung wolle, ist in der Regel ein Hinweis, dass man One-Night-Stands nicht abgeneigt sei.

Die Geschichte von Nate und Hannah

Bei Nate, der in Waldmans dialoggetriebener Zusammenschau der Partys, Rendezvous, Abendgesellschaften und der "guten Gespräche" mit dem Kumpel und der besten Freundin gleichzeitig sympathisch und jämmerlich daherkommt, ist das so nicht der Fall. Er ist zu ernsthaft für die Oberflächlichkeit des Einmal-Sexes, aber auch zu wählerisch für die endgültige Entscheidung.

In vielen biografischen Aufblendungen schildert Waldman das Liebesleben Nates, der vom Frauenversteher zum unsicheren erotischen Kantonisten gereift ist. Mit zunehmendem beruflichen Erfolg kriegt er auch die Schönste herum, um sie dann nach einem Jahr zu verlassen. Und dann kommt Hannah und mit ihr die scheiternde Romanze, von der "Das Liebesleben des Nathaniel P." hauptsächlich handelt.

Mit stellenweise frappierender Unerbittlichkeit erzählt Waldman von einer Erziehung des Herzens made in Brooklyn: Wie Nate, nachdem die erste Verliebtheit und erotische Sensation verflogen ist, auf Abstand geht; wie Hannah immer unsicherer wird. Es ist das alte Lied: Wie schön doch die Anbahnungsphase der Liaison noch war! Hannah war smart, selbstbewusst und schlagfertig, und Nate dachte bei diesen ersten Treffen oft an Blowjobs und fühlte "ein leichtes Flattern im Schritt".

Mit ihrem Debüt verfolgt Waldman das Projekt der groß angelegten Entzauberung von Männlichkeit und urbaner Romanze. Sie schafft es zudem, die Psychodynamik von Beziehungen ähnlich kunstvoll wie Jonathan Franzen zu beschreiben. Dass sie, anders als Franzen, auf jegliche das Liebesleid überwölbende Geschichte verzichtet, ist übrigens nur konsequent: Selten hat man das Scheitern von Liebesangelegenheiten so konzentriert gelesen wie hier.

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