Ästhetik des Schreckens Was erzählt uns der Terror, Don DeLillo?

Verschwörung, Bomben und die Macht der Medien – das sind die großen Themen von Don DeLillo. Im Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" warnt der 70-jährige Romancier vor einer möglichen Wiederkehr des Kalten Krieges.


Frage: Der sechste Jahrestag der Anschläge steht bevor – wie nah, wie fern ist Ihnen der Fall der Türme?

DeLillo: Er ist noch immer sehr nah, und natürlich habe ich ständig daran gedacht, weil ich darüber geschrieben habe. Ich habe noch nie einen Roman geschrieben, dem ich mich so wenig entziehen konnte, weil das Ereignis, das diesen Roman erzeugt hat, noch immer seine Schatten wirft.

Frage: Versetzt es Ihnen immer noch einen Stich, wenn Sie nach Manhattan kommen und die Lücke in der Skyline sehen?

DeLillo: Ja, die Leere ist auf eine unheimliche Weise präsent. Wenn man direkt in Ground Zero ist, hört man nur den Lärm, auf dem Gelände selbst und in den angrenzenden Straßen. Ich war gestern Abend noch dort, und der Lärm ist wirklich unerträglich. Es wirkt wie eine ganz normale Baustelle. Die Narbe ist sichtbar und zugleich unsichtbar geworden. Man liest dann höchstens, dass auch die Deutsche Bank dort baut und es bei den Arbeiten zu einem Unfall gekommen ist, was dann wieder wie eine periphere Erinnerung wirkt. Ich glaube, einige Leute sind auch der jährlichen Erinnerungsfeiern müde, sie wollen nichts mehr davon hören; andere wiederum brauchen es sehr, vor allem die Überlebenden und diejenigen, die Freunde und Angehörige verloren haben. Ich kümmere mich nicht um die offiziellen Gedenkfeiern, es ist einfach in meinem Kopf. Ich finde allerdings die ganze Neugestaltung gespenstisch, so vieles ist unentschieden, obwohl so viel Zeit vergangen ist. Heute scheint keiner zu wissen, was gebaut wird. Von Daniel Libeskinds Entwurf habe ich gar nichts mehr gehört. Da sind der Staat, eine enorme städtische Bürokratie und ein paar sehr, sehr reiche Individuen. Aber es soll demnächst ja wieder eine Präsentation geben.

Frage: Die Türme haben eine deutliche Spur in Ihren Büchern hinterlassen, von „Spieler“, wo es heißt, „Pammy erschienen die Türme als etwas Vorübergehendes“, über das Bild auf dem Buchumschlag von „Unterwelt“ bis zu Martin, dem Kunsthändler mit der obskuren Vergangenheit in „Falling Man“, der sagt, man baue so etwas nur, um es fallen zu sehen.

DeLillo: Die Türme schienen damals übergroß, man konnte sie gar nicht übersehen. Sie verzerrten die Skyline von Lower Manhattan. Sie waren keine attraktiven Gebäude, ich glaube, in einem meiner Bücher sagt jemand, der einzige Trost sei, dass es zwei von ihnen gibt, so dass eine Balance entstünde. Erst als sie weg waren, fing man an, sie zu vermissen.

Frage: Haben Sie jemals daran gedacht, dass die Türme zum Ziel eines terroristischen Angriffs werden könnten?

DeLillo: Ich habe gelegentlich an Unfälle gedacht, dass ein Flugzeug mit ihnen kollidiert, wie es vor vielen Jahren am Empire State Building passiert ist, aber ich habe mir nie vorgestellt, dass sie tatsächlich einstürzen könnten.

Frage: Man hat Sie ja auf Grund Ihrer Bücher zum Propheten ernannt. Ich weiß, dass Sie das nicht kümmert, aber ist es nicht dennoch gespenstisch, wie nah die Fiktion der Realität gekommen ist?

DeLillo: Eigentlich nicht. Drei Tage nach den Anschlägen rief mich ein Bekannter an und fragte: „Hast du dir kürzlich noch mal das Cover von ,Unterwelt‘ angesehen?“ Bis zu dem Moment hatte ich nie bewusst wahrgenommen, dass die Twin Towers auf dem Umschlag abgebildet sind. Es gibt keine Propheten! Es ist doch eher so, dass Menschen an etwas Transzendentes, eine höhere Macht, glauben wollen, insbesondere im Angesicht einer Katastrophe.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.