Afrikanische Krimireihe Ein Huhn für die Nachbarin

Seine Bücher um die afrikanische Detektivin Mma Ramotswe verkauften sich weltweit sensationelle 25 Millionen Mal, in den USA wird die Heldin gar als "Miss Marple Botswanas" gefeiert. Das Erfolgsrezept von Alexander McCall Smith: ansteckende Heiterkeit und gesunder Menschenverstand.

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"Ich mag es, wenn nichts passiert", sagt der Mann mit den weißen Haaren und sein Publikum im überfüllten Münchner Afrika House lacht – das ist wirklich ein guter Witz! Denn im Leben von Alexander McCall Smith, 60, passiert ziemlich viel. Eigentlich könnte er mit seiner Frau, den zwei Töchtern und Kater Augustus beschaulich im schottischen Edinburgh leben, doch dauernd treibt es ihn um die Welt. Er tourt durch England, Skandinavien, die USA und Deutschland. Anlass seiner Reisen ist – meistens – die afrikanische Krimireihe, die ihn weltberühmt gemacht hat.

Autor McCall-Smith: "Ich schreibe wie in Trance"
Graham Clarke

Autor McCall-Smith: "Ich schreibe wie in Trance"

Liebenswürdig erläutert McCall Smith, wie er seine Kindheit teils in Afrika, teils in Schottland verbrachte, an der Universität Edinburgh Jura studierte, an der Universität von Botswana lehrte und 1977 schließlich Professor für Medizinrecht wurde. Geschrieben habe er immer, erzählt er. Kinderbücher, Sachbücher, alles Mögliche. Wie kam er ausgerechnet auf eine afrikanische Detektivin?

McCall Smith, der Botswana regelmäßig besucht, sah dort eines Tages eine Frau, die ihren Nachbarn ein Huhn schenkte. Er war beeindruckt von ihrer Ausstrahlung, Freundlichkeit und Würde. Von da an, erzählt er, befand sich diese beleibte Frau in seinem Kopf und er fand es notwendig, über sie zu schreiben. 1998 erschien der erste Roman um die lebenskluge, warmherzige Heldin, neun Bände sind es mittlerweile.

Der Erfolg ist überwältigend: 25 Millionen Bücher verkauften sich bislang in 42 Ländern, Oscar-Preisträger Anthony Minghella ("Der englische Patient") nahm sich des Ramotswe-Stoffes an, doch der Film liegt nach dem Tod des Regisseurs im März diesen Jahres im Moment auf Eis.

Die Geschichte ist die: Precious Ramotswe, robust an Magen und Gemüt, eröffnet eines Tages in Botswana ihre "No.1 Ladies Detective Agency" und erhält bald schon so viele Aufträge, dass sie Grace Makutsi als Assistentin einstellt. Mal geht es um untreue Ehemänner, mal um verschwundene Kinder oder undurchsichtige Betrügereien. "Blaue Schuhe für eine Kobra" heißt der jüngste Band. Darin sieht sich die junge Köchin einer Universitätskantine in eine Erpressung verwickelt und bittet die Detektivin um Hilfe. Andere Fragen, die Mma Ramotswe umtreiben: Betreibt Arzt Lugeba in seiner Praxis Abrechnungsbetrug? Ist der Verlobte von Grace Makutsi auf Abwege geraten? Was geht Mysteriöses vor im Wildreservat Mokolodi?

Eigentümlich beschwingt

Wie immer ist das Buch glänzend geschrieben, wie immer spielen Schuhe eine Rolle sowie Männer – und das Land selbst. McCall Smith liegt daran, ein positives Bild vom demokratischen Botswana zu zeichnen. Schwärmerisch berichtet er von der Schönheit des Landes, in dem es so viele großzügige Menschen gebe und so gut wie keine Korruption. Er hat dort gerade ein kleines Opernhaus errichten lassen, er freut sich, dass seine Bücher den Tourismus befördert sowie den Absatz von Roibuschtee, dem Lieblingsgetränk seiner Heldin, gesteigert haben.

"Die Miss Marple Botswanas", schrieb die "New York Times" begeistert, ein Kompliment, mit dem Mma Ramotswe wohl wenig anfangen könnte. Sicher hat sie noch nie von Miss Marple gehört und sieht sich – in selbstbewusster Bescheidenheit – einfach nur als "traditionell gebaute" Afrikanerin. Sie verfügt über detektivischen Spürsinn, gesunden Menschenverstand, Herzenswärme und Humor. Dazu kommen eine ausgeprägte Schwäche für Kuchen und Roibuschtee und gelegentliche Anfälle von Diätwahn, die dankenswerterweise nur von kurzer Dauer sind

McCall Smith' Heldin hat einiges mitgemacht und ein großes, verzeihendes Herz für ihre Mitmenschen. Immer, wenn man eines der Bücher beendet hat, fühlt man sich eigentümlich beschwingt, die Geschichten haben eine ansteckende Heiterkeit.

So sagt McCall Smith denn auch selbst, dass Bücher das Leben fröhlicher oder wenigstens ein wenig leichter machen sollten. Er, der neben botswanischer Heiterkeit viel Ruhe ausstrahlt, verfasst außerdem noch drei weitere Buchreihen - durchschnittlich veröffentlicht er vier Bücher pro Jahr. Wie schafft er das? Leicht und mühelos. Oft wacht er morgens um 4 Uhr auf und schreibt zwei Stunden. Dann legt er sich wieder hin und schläft noch eine Stunde. "Ich schreibe wie in Trance", sagt er.

Die nächste Geschichte um Mma Ramotswe hat sich während des Flugs nach Deutschland in seinem Kopf entfaltet. Schön für seine Fans - eine charmantere, originellere Krimiheldin wird sich schwerlich finden lassen.


Alexander McCall Smith: "Blaue Schuhe für eine Kobra". Heyne Verlag. 288 Seiten, 18,95 Euro.



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