Siebzigerjahre-Krimi Vorsicht, der "Dirty Harry" von Glasgow ermittelt

Auf die Straßen einer Arbeiterstadt führt "Blutiger Januar" von Alan Parks. Glück verspricht hier nur das nächste Heroin-High, erkauft wird der Rausch durch Sex. Und Satanismus kostet extra.

Glasgow in den frühen Siebzigern
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Glasgow in den frühen Siebzigern


Ein Wort. Drei Buchstaben. Dazu ein Fragezeichen. "Was?".

Die ratlose Antwort eines vielleicht 16-jährigen Mädchens, das in einem Hochhaus in der schlimmsten Gegend von Glasgow haust und dafür mit ihrem Körper bezahlt. Wieder und wieder. Eines Mädchens, das gerade mit anhören musste, wie ihr Sugar Daddy im Speedrausch einen Mann wegen zehn Pfund gefoltert hat.

"Was?" Ihre Antwort auf die Frage, wie sie das alles nur aushält. Aber was sonst? Was gibt es für Alternativen? Glasgow 1973 - in Alan Parks' Roman "Blutiger Januar" fühlt sich die Stadt an wie der Vorhof zur Hölle.

Parks war 1973 zehn Jahre alt, wuchs in der Nähe von Glasgow auf. Später zog er nach London, machte Karriere im Musikbusiness. In seinem Debütkrimi "Blutiger Januar" besucht er die Straßen seiner Kindheit wieder, und wenn dieser Roman eines nicht ist, dann nostalgisch.

Knallhart und finster geht es zu in der Arbeiterstadt, in der immer weniger Menschen Arbeit haben. Die Straßen und Häuser verfallen, die Gesichter werden täglich grauer. Alkohol, Speed und immer öfter auch Heroin versprechen für ein paar Stunden Glück oder wenigstens Vergessen. Und dazu kommt das Wetter: die Kälte und der Schnee und die Dunkelheit. "Bloody January", so der Originaltitel, heißt ja auch: verdammter Januar.

Auf der dunklen Seite der Stadt zu Hause

Einer, der unermüdlich durch den unwirtlichen Winter stapft, ist Harry McCoy, gerade 30 geworden, gerade zum Detective ernannt. Aus welchen Gründen auch immer: Den ein oder anderen Fall hat er bereits verbockt, dem ein oder anderen Granden der Stadt ist er auf die Füße getreten. Auch sein Privatleben: ein Desaster.

Er bringt sich mit Speed auf Touren und mit Dope runter, ist entweder besoffen oder verkatert und Stammgast in einem der weniger schäbigen Bordelle der Stadt. Sein einziger Freund gehört zur Crème de la Crème der Glasgower Unterwelt - ein brutaler Zuhälter und Großdealer. Kurzum: McCoy ist auf der dunklen Seite der Stadt zu Hause, was ihm bei seinem neuesten Fall zugute kommt. Ein junges Mädchen wird auf offener Straße erschossen, der Killer begeht vor Ort Selbstmord.

Autor Parks
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Autor Parks

Das Opfer hat sich das mickrige Kellnerinnengehalt als Prostituierte auf den ziemlich wüsten Sexpartys der besseren Gesellschaft aufgebessert, Sadomaso-Spielchen und ein bisschen Satanismus gegen Aufpreis. Bei seinen Ermittlungen gerät McCoy in das genreübliche Geflecht aus organisierter Kriminalität und lokalen Wirtschaftsgrößen. Und natürlich ist er irgendwann auf sich allein gestellt, weil eigentlich niemand Interesse daran hat, dass dieser Fall aufgeklärt wird.

Viel mehr als ein Reißbrettkrimi

Trotz seiner relativen Vorhersehbarkeit ist "Blutiger Januar" weit mehr als ein Reißbrettkrimi. Weil Parks seine Figuren ernst nimmt, er uns ihren Schmerz und ihre Hilflosigkeit und ihre Verzweiflung spüren lässt. Und weil er zeigt, wie eine Stadt funktioniert, das Geflecht aus Macht und Ohnmacht, wie alles mit allem zusammen- und voneinander abhängt. Die kleinen Dealer und Nutten, die gerade genug verdienen, um sich selbst das nächste High zu verschaffen. Die Polizisten, die schon lange vergessen haben, wofür sie eigentlich kämpfen. Die Politiker und Unternehmer, für die Moral und Anstand nur Schlagworte sind, um das Fußvolk im Zaum zu halten.

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Alan Parks:
Blutiger Januar

Aus dem schottischen Englisch von Conny Lösch

Heyne; 400 Seiten; 16 Euro

Und mittendrin Harry McCoy, der sich selbst nicht kennt, nicht weiß, wo er wirklich steht. Der in einem Moment den aufrechten Kämpfer gegen Korruption und Verbrechen gibt und im nächsten Augenblick für ein paar Hundert Pfund und einen kostenlosen Blowjob zu kaufen ist. Ein Wunder eigentlich, dass bislang niemand auf die Idee gekommen ist, ihm den Spitznamen "Dirty Harry" zu verpassen, nach dem Clint-Eastwood-Krimi, der gut ein Jahr zuvor das Genre des Copfilms runderneuerte.

Aber das kann ja noch passieren: Insgesamt zwölf Romane will Parks über das Glasgow der Siebzigerjahre schreiben, für jeden Monat des Jahres einen; "February's Son" erscheint Anfang 2019 in Großbritannien. Wie sein Vorbild James Ellroy es für Los Angeles meisterhaft vorgemacht hat, will Parks eine Chronik der geheimen Seiten seiner Stadt schreiben, ans Licht bringen, wie Machtgier und Korruption, Sex und Gewalt die wahren Motoren des Fortschritts sind.

Könnte klappen, auch wenn es sein geschundener Held Harry McCoy am Ende des Romans anders sieht: "Andererseits war's aber vielleicht doch besser, wenn manches im Verborgenen blieb."

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
nikaja 19.09.2018
1. Mutig
Das Lob für diesen Krimi ist mutig, da das Setting doch sehr klischeehaft ist. Mir fällt sofort Ian Rankin ein, der in Edinburgh aufräumt.Zwar nicht dem Alkohol verfallen ist, aber berufsmaessig auch nicht zu den Ueberfliegern gehört. Bei einer Buchrezension sollte man schon den Vergleich mit anderen Autoren desselben Genres suchen und herausarbeiten, warum gerade dieser neue Autor lesenswert ist. Mir fällt noch spontan Car o Ramsey ein, DCI Rebecca Quinn ermittelt auch in Glasgow.Andernfalls ist man als Leser geneigt an einen Gefälligkeitsartikel zu denken, der dann das Gegenteil von Neugierde auf den Autor erzeugt.
klogschieter 20.09.2018
2. Niemand:
Nennt irgendeinen Harry "Dirty", der nicht von Clint Eastwood gespielt wird. Man tut das einfach nicht. Dankeschön gleichwohl für den Lesetipp; nachdem der letzte große bösartige Krimischriftsteller, nämlich eben genau James Ellroy, seit geraumen Büchern nur noch Mediokres veröffentlicht, rolle ich jedem, der das kann, was Ellroy einmal konnte, und erst recht jedem, der das auf seine eigene Weise kann und nicht nur Ellroy hinterherschreibt, einen dicken tiefroten samtenen Teppich aus.
odenkirchener 20.09.2018
3. Edinborough
J.Rebus hat dort, naja nicht aufgeräumt, ehet vorsortiert. Und natürlich, gesoffen hat der. . . Scheint nördlich von Schleswigwohl Grundbedigung für Ernittler zu sein. Welche Musik hört der Neue denn? Jazz?!?
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