Alex Capus' "Königskinder" Fabulieren gegen den Kältetod

Entscheidend ist nicht, ob die Geschichte wahr ist. Wichtig ist, dass sie stimmt: Alex Capus setzt seine Figuren im Roman "Königskinder" den Kräften der Natur aus - durch Erzählen kommen sie aus der Krise.

Auto im Schneetreiben - noch kann es fahren
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Auto im Schneetreiben - noch kann es fahren


Warum erzählen wir uns Geschichten? Um der Langeweile zu entgehen, um uns zu unterhalten, um den ernsten Fragen des Lebens aus dem Weg zu gehen - oder vielleicht gerade umgekehrt: um sich ihnen zu stellen. Erzählungen helfen uns dabei, das Chaos zu ordnen und zu durchdringen. Literatur taugt, wie der neue Roman "Königskinder" von Alex Capus belegt, als Lotsin und Trostspenderin gleichermaßen.

Seine Protagonisten Tina und Max können in einer verschneiten Winternacht etwas Hoffnung gut gebrauchen. Aufgrund eines Schneegestöbers bleiben sie auf einem Gebirgspass stecken. Kein Netzempfang, kein Räumungsdienst in Sicht. Was bleibt, ist die Gewissheit, die Stunden bis zum nächsten Morgen im Auto zu verbringen.

Vor 26 Jahren sind sie sich zum ersten Mal begegnet: "Über die kleinen Dinge zankten sie sich unablässig, aber in den großen Dingen verstanden sie sich prächtig." Da sich die beiden also gut kennen, verwundert es kaum, dass der Mann ganz genau weiß, wie er die missliche Situation so angenehm wie möglich für seine Frau gestalten kann - nämlich indem er beginnt, ihr eine "wahre" Geschichte zu erzählen.

Leben im Rhythmus der Melkzeiten

Wir schreiben das Jahr 1779. Im Greyerzerland, einer Schweizer Grenzregion zwischen deutschem und französischem Sprachraum, lebt ein 22-jähriger Kuhhirt auf einer entlegenen Berghütte. Die Bewohner des Dorfes im Tal halten Jakob, den eigenbrötlerischen Naturburschen und Fossiliensammler, für "einen Kauz, einen Eremiten, ein Wolfskind".

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Alex Capus:
Königskinder

Hanser, 176 Seiten, 21 Euro

Als er sich in die Bauerntochter Marie verliebt, regt sich im Provinzvolk reger Widerstand gegen die Verbindung. Jakob tritt daraufhin die Flucht an, findet seinen Platz im französischen Militär und gerät nach verschiedenen Verwicklungen an den Hof Ludwigs XVI., wo er fortan wieder Tiere auf der Weide hüten und bald schon seine Jugendliebe empfangen darf. Nahezu unberührt bleiben die zwei von den politischen Umwälzungen in Europa, die von der französischen Revolution bis zum Sturz der Versailler Königsfamilie reichen.

Warum? Vielleicht, weil sie so ganz nach dem im Buch direkt anzitierten Rousseauschen Ideal leben. Ihr ganzes Dasein spielt sich auf Feld und Flur ab, sie leben im Rhythmus der Jahres- und Melkzeiten, haben sich, wie die beiden Reisenden der Rahmenhandlung, ganz dem Schicksal gefügt - by the way ist während der imaginären Reise in die Vergangenheit auch die Zeit für die beiden Insassen des Autos wie im Flug vergangen.

Max erweist sich als begnadeter Fabulierkünstler, Tina als dankbare Zuhörerin und ebenso kritische Kommentatorin. "Wobei es gar nicht so wichtig ist, ob eine Geschichte wahr ist oder nicht. Wichtig ist, dass sie stimmt", so Ersterer, der damit zugleich eine Anleitung en miniature zum gelingenden Erzählen gibt.

"Hundsfott" hier, "Hemvé" dort

Denn jenseits der letztlich einfachen Binnenhandlung um Jakob und Marie scheint Capus vor allem an das Modell der Sheherazade anzuknüpfen. Um ihrer Hinrichtung zu entgehen, präsentiert sie dem persischen König jede Nacht aufs Neue eine der weltbekannten Geschichten aus "Tausendundeiner Nacht". Das Prinzip von "Königskinder" ist dasselbe: Erzählen als Daseinsversicherung, gegen den außerhalb des Toyotas drohenden Kältetod.

Alex Capus
Ayse Yavas

Alex Capus

Ein solcher Roman, der mehr ist als er vordergründig sagt, bietet eine intelligente wie kurzweilige Lektüre über Ambition und Funktion von Literatur. Für ein besonderes Amüsement sorgt die gekonnte Rollenprosa des 1961 in der Normandie geborenen Autors.

Bereits 2014 hat er mit seinem autobiografisch geprägten Buch "Mein Nachbar Urs" den Ton der kleinen Leute in der ländlichen Schweiz rund um seinen Lebensmittelpunkt Olten getroffen. Nun übt er sich im rauen Jargon einer vormodernen Bauerngemeinde. Ausdrücke wie "Alpentrampel" oder "Hundsfott" werden dem Hirten Jakob nachgerufen. Geziemter geht es wiederum am Hof zu - ist doch dort für Heimweh das elegante Wort "Hemvé" gebräuchlich.

Als Leser kann man bequem durch alle Welten und Zeiten gleiten. Und falls man selbst einmal in eine schwierige Situation gerät, gibt Alex Capus' Roman genug Stoff her, um dem zähen Warten auf Besserung mit Zuversicht zu begegnen.

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insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
sara_kelly-husain 01.09.2018
1. Mathilde?
Die Protagonistin heißt doch Marie.... - - - Danke für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. MfG Redaktion Forum
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Seite 1

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