"Die französische Kunst des Krieges": Blutig wie ein abgehackter Hammelkopf

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Das Schlachtfeld, auf dem wir leben: In seinem preisgekrönten Großroman "Die französische Kunst des Krieges" erzählt Alexis Jenni, wie die Prinzipien von Kampf und Tod die westlichen Gesellschaften durchziehen - ein großartiges Buch mit einigen phantastischen Szenen.

Polizeieinsatz in Marseille: Krieg als Vater aller Dinge Zur Großansicht
AFP

Polizeieinsatz in Marseille: Krieg als Vater aller Dinge

Wie kann man vom Krieg berichten, und wo überhaupt findet der Krieg statt? Geht es nach Alexis Jennis Roman "Die französische Kunst des Krieges" durchzieht er unser Leben, die ganze Gesellschaft - auch in Zeiten des Friedens. Zu Beginn des monumentalen Buches beobachtet der in Frankreich lebende Erzähler den Krieg auf eine Weise, wie es die meisten Europäer gewohnt sind: Im Fernsehen, in Form der Berichte vom damaligen Golfkrieg, im Kino, in Form eines Spielfilms über die US-amerikanische Invasion in Somalia.

Bereits in diesem ersten Abschnitt aber lässt Alexis Jenni keinen Zweifel an seiner Sicht, dass das Prinzip des kriegerischen Kampfes alltäglich ist: So im Wirtschaftsleben, als der namentlich nicht genannte Ich-Erzähler seine Arbeit verliert. Er zieht sich zurück in die Etappe, pflegt dort, wie es Männer im Hinterland der Gefechte klassischerweise tun, eine Liebesaffäre. Bereits hier gelingen Jenni starke Szenen, einhergehend mit einer sympathisierenden Darstellung der Leistungsverweigerung, die der deutschsprachigen Literatur völlig fremd ist. Der Krieg ist eine Maschinerie, die deutsche Gesellschaft auch - und die deutschsprachige Literatur begleitet sie.

Schnell tritt in Jennis Roman die zweite entscheidende Figur auf: Victorien Salagnon, ein Veteran jenseits der Siebzig. Ihn lernt der Erzähler kennen, als er auf einem Flohmarkt Salagnons Kunstwerke bestaunt. Der frühere Soldat erzählt von den Feldzügen Frankreichs in einer Weise, für die es keiner Worte bedarf: Er hält sie im Bild fest. Die beiden Männer gehen ein Geschäft ein. Dafür, dass Salagnon ihm das Zeichnen beibringt, wird der Ich-Erzähler zum Chronisten von dessen Leben, in das der Krieg Einzug hielt, als während der deutschen Besatzung Lyons die Wehrmachtssoldaten vor der Tür standen.

Vorläufer der Anti-Terror-Feldzüge

So durchläuft die Annäherung Salagnons an das Handwerk des Tötens verschiedene Abschnitte: Von der Landesverteidigung in der Résistance, über den von ihm zu Beginn noch mit hehren Idealen verbrämten Kolonialkrieg in Indochina, zu dem sich Salagnon nach Ende des Zweiten Weltkriegs eher aus Orientierungslosigkeit meldet, bis hin zum Kampf gegen die Befreiungsbewegung in Algerien Anfang der Sechziger. In dem zeigt sich das Grundprinzip eines asymmetrischen Krieges gegen einen für die französischen Truppen schwer auszumachenden Gegner - in Alexis Jennis Roman erscheint der Algerienkrieg als Vorläufer gegenwärtiger, als Anti-Terror-Feldzüge ausgewiesener Kämpfe mit all ihren Grausamkeiten und Torturen.

Er habe einen klassischen Roman mit all seinen Stärken, mit exotischen Schauplätzen und abenteuerlichen Szenen schreiben wollen, hat Alexis Jenni sinngemäß in einem Interview gesagt. In den Kapiteln dieses gewaltigen Buches, in denen von Salagnons Kriegseinsätzen, die für ihn immer auch Abenteuer sind, die Rede ist, gelingt Jenni dies mit der Wucht eines großen Epikers. "Die französische Kunst des Krieges" ist farbenprächtig und mitreißend erzählt.

Wohl auch deshalb erhielt der Biologielehrer aus Lyon, der zuvor noch nie einen Roman veröffentlicht hatte und das Manuskript unverlangt an Gallimard, einen der angesehensten Verlage Frankreichs geschickt hatte, den Prix Goncourt, den wichtigsten Literaturpreis des Landes.

Blutwurst und Hahnenkamm

Und doch sind die Kapitel über Victorien Salagnon vergleichsweise konventionell und in ihrer breitangelegten Epik vergleichbar mit einem der besseren deutschsprachigen Buchpreis-Träger, so Uwe Tellkamps "Der Turm". Zu einem Werk von herausstechender literarischer Qualität wird dieses Buch in einigen der atmosphärisch dichten Episoden, die Jenni in der Gegenwart angesiedelt hat: Hier zeigt sich der Rassismus, die hochgerüstete Polizeiarbeit des gegenwärtigen Frankreichs und, in der besten Passage, die alltägliche Verdrängung von Blut und Gewalt im Umgang mit dem Schlachtvieh.

Bei der Planung eines stimmungsvollen Abendessens für befreundete Ehepaare verwirft der Erzähler die Idee, die im Supermarkt in einer Schaumstoffschale abgepackt angebotenen Zutaten für ein Boeuf Bourguignon mitzunehmen. Stattdessen kauft er auf dem Markt am Lyoner Saone-Ufer bei chinesischen und afrikanischen Fleischhändlern Kaldaunen, Blutwürste, knallrote Hahnenkämme und drei Hammelköpfe.

Während sich seine Frau hübsch macht und die Gäste empfängt, gerät der Erzähler in der Küche in einen Rausch und platzt schließlich in die "geschickt inszenierte" Kulisse aus "Gerede und Musik" mit einem so malerisch drapierten wie schockierend wirkenden Mahl, bei dem die Tatsache, dass hier getötete Tiere und keine bis zur Abstraktion verfremdete Delikatesse aus dem Schmortopf auf den Tisch kommt, allzu offensichtlich ist. Der Abend endet im Eklat - und Jenni gelingt in dieser brillanten Passage ein Gleichnis für die Verdrängung des Tötens in der westlichen Welt.

In der Summe ergibt "Die französische Kunst des Krieges" ein Panorama des gegenwärtigen Frankreichs und der jüngeren französischen Geschichte, das nicht nur fast allgemeingültig ist, sondern in der zuletzt erschienenen europäischen Literatur auch ziemlich einzigartig. Der Krieg sei der Vater aller Dinge, heißt es - zu verdanken hat man ihm nun auch diesen grandiosen Roman.

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1.
testthewest 21.11.2012
Zitat von sysopDas Schlachtfeld, auf dem wir leben: In seinem preisgekrönten Großroman "Die französische Kunst des Krieges" erzählt Alexis Jenni, wie die Prinzipien von Kampf und Tod die westlichen Gesellschaften durchziehen - ein großartiges Buch mit einigen phantastischen Szenen. Alexis Jenni: "Die französische Kunst des Krieges" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/literatur/alexis-jenni-die-franzoesische-kunst-des-krieges-a-867256.html)
Wenn also bereits die Nahrungsbereitstellung bei einem Allesfresser (Mensch) nun schon Krieg ist - dann ist bei manchem die Fähigket zum Denken wohl zur Last geworden. Oder soll das Geschreibsel nun feststellen: Die Gesellschaft ist Krieg, also ist der Krieg im Grunde dem Menschen unaustreibbar, gehört quasi dazu. Der Pazifismus als Geisteskrankheit? Dazu noch die völlig sinnfreie Anmassung, dass der Krieg nur westlich sein. Dabei war sowohl Fleischkonsum als auch Kampfhandlungen überall auf der Welt verbreitet - und sind es immernoch. Teilweise gar religiös verbrähmt (Jihad), teilweise als Übung (Blumenkriege der Maya), teilweise philosophisch hinterlegt (Sun Tzu). Aber hier wird behauptet: Krieg = Westen.
2. Die Franzosen verstehen ja auch Wirtschaft sei jeher als Krieg
lefs 21.11.2012
Vielleicht sollten das unsere Oberindianer jetzt endlich verstehen, bevor Frankreich den großen Rettungsschirm von uns deutschen Wirtschafts-Pazifisten einfordert. Krieg ist immer, da hat Jenni absolut recht. Und man muss auch in diesem Sinne wissen: Die Franzosen beherrschen die Kunst dieses Krieges ähnlich gut wie die Angelsachsen.
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