Liebesroman "In einer anderen Haut": Flämmchen will mal Flamme werden

Von Johan Dehoust

Schriftstellerin Alix Ohlin: Erotisch überladener Fehlschuss Zur Großansicht
Corbis

Schriftstellerin Alix Ohlin: Erotisch überladener Fehlschuss

Therapeutin mit Helfersyndrom trifft auf Lebensmüden: In ihrem Liebesroman "In einer anderen Haut" erzählt die Kanadierin Alix Ohlin eine tragische Geschichte. Zu Beginn erscheint sie durchschaubar und kitschig - aber lesen Sie weiter ab Seite 12.

Es fängt geheimnisvoll an: Grace fährt auf ihren Langlauf-Skiern durch die verschneiten Berge und sieht vor sich in der Ferne etwas liegen. Einen Ast? Einen Holzscheit? Einen Schal? Die Psychotherapeutin ist sich zunächst unsicher. Erst als sie sich nähert, erkennt sie, was vor ihr in der Spur liegt: Ein Mann, etwa Mitte dreißig, mit einem Strick um seinen Hals.

Grace lockert die Schlinge und ruft den Notarzt. Danach begleitet sie den Bewusstlosen ins Krankenhaus. Nachdem der Lebensmüde erwacht, tut sie etwas, was sie als Psychologin nicht tun sollte: Sie wird Teil seiner Lügengeschichte. Sie seien ein zerstrittenes Ehepaar und er habe nur die Hilfsbereitschaft seiner Frau auf die Probe stellen wollen, erzählt er dem Arzt. Grace, Mitte dreißig und dazu geschieden, lässt sich darauf ein.

Jetzt erscheint der Roman "In einer anderen Haut" plötzlich doch nicht mehr so geheimnisvoll - nach zwölf Seiten. Denn als Tug, so heißt der Fremde, merkt, dass sich seine Retterin auf sein Spiel einlässt, strahlt in seinen Augen wieder ein "Lebensfunke", den Grace "unbedingt bewahren, vom leisen Flackern zu einer richtigen Flamme fächeln" will.

Nach diesem einen schwülstigen Satz scheint das, was noch kommt, allzu vorhersehrbar: Natürlich wird die aufopferungsvolle Grace eine Weile vergeblich Tugs Lebensflamme anfachen, letztlich aber ein gigantisches Feuerwerk entfachen. Man braucht nicht viel Fantasie um bei diesem Sprachbild an die Einleitung eines mit hölzernen Dialogen durchzogenen Erotikstreifens zu denken.

Einsam und überengagiert

Aber zum Glück hat Alix Ohlin doch um einiges mehr Phantasie als erwartet. Die kanadische Schriftstellerin verfährt in ihrem ersten ins Deutsche übersetzten Roman wie eine gute Biathletin nach einem Fehlschuss: Sie macht weiter, als hätte es ihn nie gegeben.

Der Arzt nimmt Grace und Tug ihre Lüge ab. Er erlaubt seinem Patienten, das Krankenhaus mit seiner vermeintlichen Frau zu verlassen. Grace fährt ihn nach Hause und bleibt - aus Sorge, er könne sich abermals etwas antun - über Nacht. Er spricht kaum mit ihr, gibt sich genervt. Trotzdem treffen die beiden sich danach wieder - und werden zu einander vorsichtig Liebenden. Warum der ehemalige Flüchtlingshelfer nicht mehr leben wollte? Das bleibt lange ein Geheimnis, in einer von Angst geprägten Beziehung.

In Ohlins Buch geht es aber nicht nur um das, was sich zwischen Grace und Tug entwickelt: Die 40-Jährige entwirft daneben die Lebenswege zweier weiterer Protagonisten, Annie und Mitch. Als Leser begegnet man ihnen an unterschiedlichen Orten, zu unterschiedlichen Zeiten. Montreal 1996, New York 2002, Igaluit 2006. Die Schicksale dieser zwei Menschen sind mit Grace, der einsamen, überengagierten Psychotherapeutin, verbunden.

Verzweifelte Suche

Annie ist lange Zeit bei Grace in Behandlung, sie leidet an ihren bevormundenden, gefühlskalten Eltern. Sie schneidet sich in die eigene Haut und manipuliert ihre Mitmenschen, damit sie ihr wehtun können. Erst nachdem sie nach New York geflohen und Schauspielerin geworden ist, findet sie so etwas wie eine Familie: In einer "schmuddeligen Ausreißerin" und einem "pickeligen Bauarbeiter", die sie in ihrer Not bei sich wohnen lässt.

Mitch, Ex-Ehemann von Grace, ebenfalls Therapeut, verlässt seine neue Frau, um in der Arktis einer Inuit-Gemeinde zu helfen - bei Alkoholsucht und Familienproblemen. Als einer seiner jungen Patienten vor einen Lastwagen springt und stirbt, nimmt ihn das aber so sehr mit, dass er wieder zurück nach Kanada fliegt. Zu spät, um zu seinem alten Leben zurückzukehren.

Was alle Figuren Ohlins eint, ist ihre Einsamkeit, ihre verzweifelte Suche nach Nähe. Aber nicht nur das: Sie wollen ihre Mitmenschen retten. Grace versucht, Tug vom Tod abzuhalten. Annie bewahrt ihre Mitbewohner vor der Obdachlosigkeit. Mitch kämpft für arktische Ureinwohner.

Warum helfen sich Menschen gegenseitig? Weil sie sich lieben? Weil sie selbst sich dann besser fühlen? Fragen, die sich durch diesen überraschend arrangierten Roman ziehen. Ohlin hat aus dem Impuls, anderen helfen zu wollen, eine tieftragische, wundervolle Geschichte konstruiert.

Und so legt sie nach dem erotisch-überladenen Fehlschuss auf Seite zwölf ein beeindruckendes Rennen hin.

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