"Alles ist gut" von Helmut Krausser Die Loser-Oper

Eine satirische Grätsche in das Genre der Künstlergeschichte: In "Alles ist gut" porträtiert Helmut Krausser einen arbeitslosen Komponisten, dem eines Tages ein vielversprechendes Manuskript zugesteckt wird - vom Teufel persönlich.

Romancier Krausser: Das Lied von der abgehalfterten Schluckerexistenz
Susanne Schleyer

Romancier Krausser: Das Lied von der abgehalfterten Schluckerexistenz


Treten Autoren in ihren eigenen Büchern auf, ist zumeist Vorsicht geboten. Vor allem, wenn sie sich wie Helmut Krausser in seinem neuen Roman "Alles ist gut" als dicklich, unsympathisch und maßlos selbstverliebt beschreiben. Bei aufkommenden Allmachtsfantasien von narzisstischen Schriftstellerfiguren - man denke nur an Daniel Kehlmanns Alter Ego Leo Richter in "Ruhm" - werden alle Ironiesignale aufgerufen.

Man fragt sich: Was kann man diesem Buch glauben? Wie seriös ist sein Verfasser?

Krausser erscheint in "Alles ist gut" erst spät selbst. Dass wir es mit einem Schelmenroman zu tun haben, ist aber schnell klar: Krausser leitet die Handlung nicht einfach mit einem Komponisten, sondern mit einem volltrunkenen Komponisten ein - was die satirische Richtung recht deutlich vorgibt.

Seit Jahren schreibt der brotlose Musiker Marius Brandt allerhand Libretti und Lieder, darunter avantgardistisch klingende Titel wie "Glitzernde Finsternis", ohne aber je in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit zu gelangen. Entweder antworten Operndirektoren erst gar nicht auf seine Einsendungen, oder sie üben sich in Hinhaltetaktiken. Und während der Ich-Erzähler in einer Mischung aus Selbstmitleid und vergeblichen Engagement in eigener Sache, zwischen Liebeshunger und detaillierten Sozialstudien seines Wohnblocks vor sich hinlebt, reichert der Autor die Prosa mit kunstdiskursivem Debattenmaterial an: Tonale gegen atonale Musik, neue gegen alte Oper.

Die Geister der Unterwelt

Bereits in seinem 1993 erschienen Roman "Melodien" erzählte Krausser von einem Zauberer der Töne. Ähnlich einem Beschwörer suchte sein Held Castiglio dort in den gespielten Noten dem Göttlichen nahe zu kommen. Schopenhauer, Bloch, Adorno - die großen Musiktheoretiker und -schwärmer versammelten sich in dieser literarischen Partitur.

Ironiefrei war auch dieses Unterfangen nicht. Und vollendet offenbar ebenso wenig. Denn "Alles ist gut" liest sich wie eine groteske Fortschreibung jenes Romans. Statt aber das Metaphysische wie in diesem Frühwerk durch eine Klangtreppe auf die Erde zu holen, weckt die Musik nunmehr die Geister der Unterwelt.

Alles beginnt harmlos, mit einem eigenartigen Manuskript, das Brandt eines Tages zufällig in die Hände fällt. Obwohl die Komposition zunächst wenig reizvoll daherkommt, lässt sich der arbeitslose Komponist mehr und mehr darauf ein und erkennt in dem altertümlichen Werk verschiedene Codes, die es neu zu arrangieren gilt. Der hehre Vorsatz, durch die eigene Kreation "das Volk mit Liebe [zu] gewinnen", wird jedoch zum tödlichen Spiel. Schon bei der Erstaufführung landen drei Besucher im Krankenwagen. Brandt muss einsehen, dass das Fundstück direkt aus der Hand des Teufels stammen dürfte.

Woran sich Krausser sichtlich abarbeitet, ist der klassische Künstlerroman. Ob Goethes Wilhelm Meister, Mörikes Mozart-Figur oder Thomas Manns Doktor Faustus - das Genie strebt nach Erfüllung durch Kunst und Muse. Das bewusst in konventioneller bis teils flapsiger Sprache gehaltene Porträt von Marius Brandt zeigt allerdings eine abgehalfterte Schluckerexistenz, einen scheiternden Habenichts, dem die Macht der Musik förmlich unter der Hand weggleitet. Deswegen ist dieses Erzählwerk vor allem auch eine satirische Genregrätsche.

Die Frage nach der Urheberschaft

Ferner stellt der Autor die durchaus virulente Frage nach der Urheberschaft. Da parallel zu Brandts Geschichte vexierbildartig die Genese der tödlichen Notensammlung, die zeitweilig Mördern und Irren gehörte, geschildert wird, mag bereits in der Vergangenheit die Frage nach dem Besitz unklar gewesen sein. Als sich auf den letzten Seiten Helmut Krausser als reicher Oligarch in das Geschehen hineinkatapultiert, welcher dem Komponisten das Manuskript entreißt und ihn nonchalant als literarische Figur entlarvt, entfaltet sich die gesamte Absurdität dieses amüsanten Kampfes um künstlerische Freiheit und Autonomie.

Selbst wenn dieses an "Matrix" erinnernde Aufklärungsfinale aus purem Spott und angenehmer Selbstironie heraus geboren sein mag, selbst wenn man einem gefährlichen Ton-Cocktail oder Dämonen auf den Opernrängen nichts abgewinnen kann, bleibt am Ende jedoch ein Quantum Wahrheit übrig.

Eines verschleiert dieser dunkle magische Realismus nicht: Musik und Literatur sind ein Medium der Bewahrung. "Sie sind im Grunde unsterblicher als ich", sagt die Roman-Figur Krausser zu dem Protagonisten. Leben über den Tod hinaus bietet nur die Kunst, das Erzählen.

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