Bergroman "Alles was glänzt" Erzschmerz

Im Berg brodelt es, im Ort auch. Marie Gamillscheg erzählt in ihrem Debütroman vom Aufbruch, der Sehnsucht und der Suche nach einem Platz im Leben - voller Lakonie und Traurigkeit.

Stein - und Erzbergbau in der Steiermark
picture-alliance/ / Helga Lade Fotoagentur

Stein - und Erzbergbau in der Steiermark

Von Britta Schmeis


Es glänzt nicht mehr viel in dem Ort. Vielleicht noch die Zapfanlagen, wenn Susa sie poliert hat. Und ganz manchmal auch der Berg, wenn das Quellwasser einen dünnen Film über die Steine zieht und die Sonnenstrahlen sie glitzern lassen. In dem Dorf irgendwo in Österreich, wohl irgendwo in der Steiermark, der Region mit den riesigen Eisenerzvorkommen, viele davon bereits seit Jahren abgebaut.

Dieser Ort, von dem Marie Gamillscheg in ihren Debütroman "Alles was glänzt" erzählt, quetscht sich in das Tal, verlassen von den vielen Bergarbeitern und ihren Familien, der Arbeit, die der Berg gebracht hat, und dem Leben, das sogar Touristen in die einstige Idylle führte. Doch ein paar Menschen leben noch dort.

Susa zum Beispiel, die Wirtin der Dorfkneipe "Espresso", deren "Poren auf der Nase unglaublich groß sind", wie sie eines Morgens feststellt, die so etwas wie die gute Seele des Ortes ist, vielleicht auch die inoffizielle Ortsvorsteherin. Oder die Jugendliche Teresa, die vom Konservatorium in der Stadt träumt, ihre Schwester zurücklassen will, damit "das Gleichgewicht im Ort bestehen bleibt". Und da sind der alte Wenisch, der einst im Bergwerk arbeitete und nicht verstehen kann, dass seine Tochter die Stadt vorzieht, und Merih, der Regionalmanager aus der Stadt. Er soll die Menschen im Ort von der Optimierung und Umstrukturierung überzeugen.

Da sind natürlich auch noch ein paar andere. Doch sie bleiben namenlos, eine Ahnung von ihnen bekommt man dennoch. Vom Bürgermeister, der dem Treiben seines Ortes eher hilflos zuschaut und immer nur wieder sagt, egal, was gerade passiert: "In der Stadt wäre das nichts, aber hier bei uns, das trifft uns direkt ins Herz." Oder Teresas Mutter, die auch Jahre später von ihrer Hochzeitsreise nach Brasilien schwärmt. Doch als sie die Gelegenheit hat, dort eine Farm aufzuziehen, "konnte sie nur noch an ihre Wohnung hier denken, an die orange-roten-Spiralen des Teppichbodens im Vorzimmer, den ersten Blick nach dem Aufwachen…", dem Ort, wo die Rollen verteilt sind.

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Marie Gamillschegs:
Alles was glänzt

Luchterhand Literaturverlag; 224 Seiten; 18 Euro

Denn darum geht es in diesem Roman, um Zugehörigkeit und seinen Platz in einer Gesellschaft, um die eigene Identität und um Sehnsuchtsorte. Merih, der junge Mann, von dem seine Freundin sagt, er sei ein uninteressierter und daher vielleicht auch ein uninteressanter Mensch, ist froh, dass er die Rolle des Regionalmanagers zugeteilt bekommen hat. Er findet in dem von lähmendem Stillstand geprägten Ort das, was er lange gesucht hat, für ihn hat die Abgeschiedenheit des Dorfes etwas Beruhigendes.

Für Teresa ist es das Grauen. Sie träumt sich in ein Leben mit Merih in einer sonnendurchfluteten Altbauwohnung in der Stadt. Susa, die Kneipenwirtin, kann sich gar kein Leben an einem Ort vorstellen, wo es nicht diese Hügel, nicht die Familie gäbe, wo sie ganz allein wäre und nicht wüsste, wer sie war. Für den alten Wenisch, der zunehmend dement wird, hat alles, so wie es ist, seine Richtigkeit.

Sprengungen im Berg

Susa, Teresa, Merih und Wenisch sind die Protagonisten in Gamillschegs Roman. Mit deren Namen überschreibt sie ihre teils sehr kurzen Kapitel, erzählt von ihnen, behält dabei aber immer eine auktoriale Perspektive, die eine nüchterne Distanz schafft. Eine Distanz, die ihre Figuren auch zueinander haben. Seltsam beziehungs-, fast emotionslos sind diese Menschen füreinander. Wie gelähmt scheinen sie von dem Ort, die einen haben sich zufrieden damit eingerichtet, die anderen glauben, das Glück woanders finden zu können. Nach den Sprengungen in dem Berg droht dieser auseinanderzubrechen. Doch der Knall lässt auf sich warten.

Autorin Marie Gamillscheg
Leonie Hugendubel/ Luchterhand

Autorin Marie Gamillscheg

Diese Lakonie schafft die 1992 in Graz geborene Gamillscheg auch mit ihrem Sprachstil, und das ist der große Reiz dieses Romans. Immer wieder schiebt die Autorin Sachtexte über die Berge, über Eisenerze oder über die Restrukturierung von Wohnsiedlungen ein. Mal stehen einzelne Sätze typographisch für sich allein.

Gamillscheg verwendet viele Symbole wie den Berg, der auseinanderzuklaffen droht, die vielen kleinen Alltagsgeräusche oder auch die Ruhe, das Glänzen und die Überlegungen zum Gleichgewicht und der Symmetrie in Gemeinschaften. Und sie nutzt viele Bilder von hinterwäldlerischen Orten, die man schon hundertfach gelesen hat wie die bestickten Vorhänge, die gelben Milchglasscheiben der Kneipe, der Sporttasche mit dem Sparkassen-Logo und dem pfirsichfarben gestrichenem Haus als Ausdruck von Modernität, wie Dörfler sie sich eben vorstellen.

Doch mit ihrer Sprache, die den Inhalt so fulminant widerspiegelt, entwickelt sie einen sanften Sog, dem sich nicht zu entziehen ist. Zu Recht gilt Gamillscheg als eine der aufregendsten jungen Stimmen der deutschsprachigen Literatur.

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