"Alles, was ich über die Liebe weiß" Instagram, aber als Memoir

Achtung Klischee: Die Autobiografie einer 28-Jährigen ist das, was man sich vorstellt. Dolly Aldertons "Alles, was ich weiß über die Liebe" ist entsprechend inhaltsdünn. Schade, sie kann nämlich auch anders.

Autorin Dolly Alderton
Joanna Bongard/ KIWI

Autorin Dolly Alderton

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Wenn man irgendwann liest, dass Dolly Alderton am Anfang ihrer Karriere ein paar Folgen der gescripteten britischen Reality-TV-Serie "Made in Chelsea" über ein paar Upperclass-Teenies mit geschrieben hat, ergibt ihr Buch auf einmal doch Sinn.

Also "Sinn", im Sinne von: Genau so liest es sich. Eben doch kein Zufall, dass einem Seite auf Seite dauernd das Genre "Klischeetriefende Mädchen-TV-Soap nach Schema F" einfällt und man lieber umschalten würde. "Alles, was ich weiß über die Liebe" ist Aldertons Debüt - und das "Ich" ist sie selbst als Teenager und junge Frau: eine, die zu viel trinkt; sauer auf ihre Freundin Farly ist, weil die jetzt einen festen Freund hat; zu viel Geld ausgibt, das sie nicht hat; für nächtliche Taxifahrten aufs Land wegen irgendwelcher Typen oder Essen in Edelrestaurants, und weiter zu viel trinkt. Was man eben so macht, als Studentin, die nicht studiert, als Anfängerjournalistin in London, als Beziehungskolumnistin. Und als 28-Jährige ein "Memoir" über diesen gescripteten Gähn schreibt. Essenz: "Jungs waren ein Problem. Ein Problem, für dessen Lösung ich fünfzehn Jahre brauchen sollte."

Ein Coming-of-Age-Buch einer knapp 30-Jährigen im Jahr 2018 hat man sich dann doch, nun ja, aufgeklärter vorgestellt. Ohne die fixe Idee, dass das eigene Leben nur erfüllt ist, wenn man die Sache mit den "Jungs" und der Liebe verstanden hat. Und so sitzt man da und wundert sich über den Erfolg dieses Buchs. Alderton hat dafür im vergangenen Jahr immerhin den National Book Award gewonnen. Die einzige plausible Erklärung: Die Leserinnen bekommen genau das, was sie kennen. Ein Buch wie ein schnell durchscrollbarer Instagram-Stream aus Selfies, auf Effekt gebürsteter Lebensdarstellung und den täglichen Sinnsprüchen, bisschen Empowerment, bisschen Achtsamkeit, bisschen Zwinkerzwinker.

Natürlich erinnert das Setting an Candace Bushnells um sich selbst und dann immer weiter kreisende Kolumnen, aus denen die Serie "Sex and the City" werden sollte. Nur dass dies hier in seiner sterbenslangweiligen Banalität nicht zu überbieten ist.

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Dolly Alderton:
Alles, was ich weiß über die Liebe

Friederike Achilles

KiWi-Paperback; 336 Seiten; 15,00 Euro.

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Das ist aus zwei Gründen erstaunlich. Diese Ambitionslosigkeit verblüfft und macht wütend, weil eine wie Alderton mit ihrer Fanbase entscheiden kann: Entweder sie hat etwas zu sagen - oder eben nicht. Ein Buch von ihr wird sich so oder so verkaufen. Sie hat eine eindeutige Wahl getroffen. Und das in einer Zeit, in der Frauen Bücher übers Selbst-Sein schreiben, die Vorbildfunktion haben können, wie Margarete Stokowski oder Laurie Penny, um einfach mal zwei zu nennen.

Nur dünnflüssige Lebenserkenntnis

Der andere Grund: Alderton tut genau das auch. Aber anderswo. In dem Podcast "High Low" debattiert sie seit zwei Jahren mit ihrer Freundin Pandora Sykes über Nora-Ephron-Filme und Kochbücher, über Serien wie "The Marvelous Mrs. Maisel" - aber eben auch über den Vergewaltigungsgehalt des Weihnachtssongs "Baby, it's cold outside", Rassismus in Comedy, faire Bezahlung für Freischaffende.

In ihrem "Memoir" gibt's dagegen nur dünnflüssige Lebenserkenntnis, gleich zwei Stück auf den letzten Zentimetern: Dass ihre Beziehungen zu ihren Freundinnen das ausmachen, was sie in Partnerschaften noch nicht erlebt hat. Und dass sie auf der Suche nach ihrem fehlenden "Selbstgefühl" weder Dating-Apps noch die Telefonnummern toxischer Typen braucht, Motto: "Ich muss nicht vor meinem eigenen Unbehagen davon- und in ein männliches Sichtfeld laufen." Denn: "Ich bin genug. Mein Herz ist genug. Die Geschichten und Sätze, die in meinem Kopf herumgeistern, sind genug", so geht das noch einen ganzen Absatz lang voll triefender Instagram-Sprüche weiter, der endet mit: "Ich bin mein eigenes Universum, eine Galaxie, ein Sonnensystem. Ich bin die Vorband, der Headliner und die Background-Singer." Heieieieiei. Okay. Bitte. Und dafür braucht man 330 Seiten?

Frei Haus an dieser Stelle daher der einzige kräftige Satz des ganzen Buchs: "Arbeite ehrenamtlich in einem verdammten Frauenheim, wenn du dich nützlich fühlen willst, verschwende nicht Stunden damit, die politische Rolle deines Schamhaars zu diskutieren." Und, klar, besser auch nicht damit, dieses Buch zu lesen.



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