Almut Klotz' postumes Ehebuch Liebe wird manchmal unterbewertet

Sie ist im Berliner Künstlerprekariat zu Hause, er ist ein existenzieller Außenseiter mit Hang zum Fluchen: Im Memoir "Fotzenfenderschweine" geht es um eine Liebe, die hält, trotz allem. Bis zum viel zu frühen Ende.

Almut Klotz mit Christian Dabeler
Robin Hinsch

Almut Klotz mit Christian Dabeler

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Wo von der Liebe erzählt wird, übernimmt schnell der Kitsch das Ruder, und es wird gelogen, dass es kracht. Die Lassie Singers haben in den Neunzigerjahren die "überflüssigen Liebeslieder" der Kollegen besungen: "falsch und schlecht und laut/ tun so, als wär das Leben auf der Sehnsuchtsbasis aufgebaut", heißt es in "Liebe wird oft überbewertet", einem Popsong über die irreführenden Versprechen der Zweisamkeitsideologie.

Almut Klotz war bis zum Bandsplit 1998 eine der beiden Lassie-Singers-Sängerinnen. Ihr autobiografisches Buch "Fotzenfenderschweine" ist - das musikalische Werk der Autorin und der Buchtitel weisen bereits darauf hin - ausgesprochen unsentimental geraten. Der Text beschreibt eine Liebe zwischen zwei Menschen mit einer seltenen Klarheit: Eine Frau weiß, dass sie nicht mehr lange zu leben hat und schreibt auf, wie es war und was für sie bedeutsam ist an dem Mann, den sie liebt.

Erschienen ist "Fotzenfenderschweine" postum. 2013 ist Almut Klotz mit nur 51 Jahren an Krebs gestorben. Herausgegeben haben das Buch ihr Sohn Aaron und Reverend Christian Dabeler, der Mann von Almut Klotz.

Von Anfang an ist beides da: die Faszination wie die Diskrepanz zwischen dem düsteren Organisten aus Hamburg und dem Berliner Künstlerprekariat, in dem Klotz zu Hause ist: "Während alle nach der Lesung draußen überdreht herumspackten, in kurzen Jacken und fleckigen Hosen, stand der geheimnisvolle Mann (...) etwas abseits und sah in seinem sehr langen Mantel mit xxx Kragen fast aus wie ein Pastor."

"Wahrscheinlich Legastheniker oder Schlimmeres"

Der typisierte Ablauf einer anständigen Beziehungsgeschichte geht ja in etwa so: Liebe auf den ersten Blick, ozeanische Glücksgefühle und Euphorie in der ersten Phase, Überwindung etwaiger Konflikte in der zweiten, dann der gemeinsame Marsch Richtung Eigenheim und Kinder. Er wird von Klotz gleich zu Beginn wie im Vorbeigehen zerdeppert.

Nach der ersten, nicht eben berauschenden gemeinsamen Nacht schreibt Dabeler seiner späteren Frau, und die bekommt erstmal einen Schreck: "Ich konnte die Mail kein zweites Mal lesen und musste davon ausgehen, dass Reverend nicht nur narkoleptisch, impotent und esoterisch war, sondern wahrscheinlich auch noch Legastheniker oder Schlimmeres."

Der Verdacht der Impotenz bestätigt sich nicht. Aber es folgt "ein ganzes Jahr, in dem wir uns nur stritten. Es gab keine Basis, der eine verstand den Humor des anderen nicht, es gab keine einzige Meinung, die wir teilten." Der Christian Dabeler des Buches lässt keine Gelegenheit verstreichen, die Schlechtigkeit und Dummheit der Menschen mit donnernden Schimpfkanonaden anzuprangern.

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Almut Klotz beschreibt ihren Mann als existenziellen Außenseiter, der die Wahl, ob er lieber drinnen oder draußen sein will, nicht gehabt hat. Anders als die Angehörigen der Szene, in der Klotz sich bewegt: "Mir wird schlecht", zitiert sie Dabeler, "wenn ich diese verklemmten, unsexy Provinz-Fuzzis sehe, wie sie zu schlechtem Indie-Elektronik-Scheiß tanzen und denken, jetzt haben sie es geschafft."

Auch wenn man nach dem Lesen junge Menschen aus Akademikerhaushalten, die in Berlin was mit Medien oder Musik machen, mit anderen Augen sieht - ein Szeneroman ist "Fotzenfenderschweine" nicht geworden. Im Zentrum stehen zwei Menschen, die trotz allem aneinander festhalten und für das Durchhalten belohnt werden.

Ein lebensbejahendes "Trotz allem"

Almut Klotz und Christian Dabeler beginnen, zusammen zu schreiben, aufzutreten und Musik zu machen. Zwei sehr schöne Platten unter den Namen Klotz+Dabeler und zwei Bücher sind so entstanden. Man hört den gemeinsamen Stücken an, dass hier Menschen am Werk sind, die sich keine Illusionen mehr machen möchten und die zum Beispiel wissen, dass Liebe und Freiheit nicht gut zusammengehen. "Ich hab mir die Haare nicht abschneiden lassen", schreibt Klotz. "Aus der Lebenserfahrung heraus, dass das Durchdrücken des eigenen Bedürfnisses nicht immer das Mittel der Wahl ist; oder anders ausgedrückt: weil ich nicht alle vier Jahre wieder von vorne anfangen will. Mit einem neuem Mann."

"Fotzenfenderschweine" ist ein Fragment geblieben, Almut Klotz konnte den Text nicht mehr fertigstellen. Viele Formulierungen wirken nicht ausgearbeitet, an einigen Stellen markiert ein "xxx" Leerstellen, die nicht mehr gefüllt werden konnten.

Man stolpert beim Lesen hin und wieder, aber das Fragmentarische entspricht dem Erzählten, das nicht auf Schließung und Verallgemeinerbarkeit angelegt ist. Im Anhang des Buches ist eine Passage aus dem letzten Interview mit Almut Klotz und Christian Dabeler abgedruckt, den zentralen Satz kann man als programmatisch verstehen: "Sauber ist verlogen".

Und doch ist die selbstverständliche Treue, die hier beschrieben wird, auch ein Versprechen an den Leser. Die Autorin erinnert sich: "Als dann später aufgrund einer Chemotherapie alle meine Haare ausfielen, streichelte er oft über meine Glatze und sagte: 'Ich lieb' dich auch so.'" In dem lebensbejahenden und abgeklärten "Trotz allem", das hier immer wieder mitschwingt, liegt die eigentliche Schönheit dieser Geschichte.

Damit schließt sich der Kreis zum Werk von Almut Klotz' erster Band. Trotz aller Skepsis haben die Lassie Singers der Welt in den zehn Jahren ihres Bestehens einige der lustigsten und lakonischsten Liebeslieder in deutscher Sprache geschenkt. Musik und Text behaupten: Man kann lieben, ohne zu dabei verblöden.



insgesamt 1 Beitrag
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mondxyzz 19.07.2016
1. Grossartige....
.....Künstlerin, der Einfluss der Lassie Singers ist gar nicht hoch genug einzuschätzen - und dann waren da ja noch Parole Trixi und Flittchen Records. Ein Freigeist dem meine - späte - Jugend viel zu verdanken hat.
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