"Alternative Fakten" Orwells Klassiker "1984" wird wieder zum Bestseller

Auf Platz eins der meistverkauften Bücher von Amazon in den USA steht ein Buch von 1949: George Orwells Science-Fiction-Klassiker "1984". Die Verkäufe stiegen nach der Aufregung um "alternative Fakten" an.

Verfilmung von "1984"
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Verfilmung von "1984"


War das Neusprech, als Trump-Beraterin Kellyanne Conway in einem Interview sagte, Pressesprecher Sean Spicer habe vor Journalisten eben "alternative Fakten" gebraucht? Fakt ist: George Orwells Buch "1984", in dem er den Begriff Neusprech prägte, ist am Mittwoch das meistverkaufte Buch über Amazon.com und gehört zu den großen Aufsteigern auf Amazon.de. Verkaufszahlen gibt der Versandhändler nicht bekannt.

Die Phrase sorgte schon am Wochenende für Aufregung und wurde weltweit diskutiert. "Alternative Facts" war das trending topic auf Twitter, und viele US-Medien zogen den Vergleich zu Orwells "1984". "'Alternative Fakten' ist eine Phrase von George Orwell", sagte etwa eine Reporterin der "Washington Post", und der Historiker Allan Lichtman meinte auf CNN: "Das führt uns zurück zum 'Doppeldenk' aus '1984', wo 'Krieg' zu 'Frieden' wird und 'Hungersnot' zu 'Überfluss'".

Kellyanne Conway, Beraterin von Donald Trump, dachte sich das Neusprech "alternative Fakten" aus
AFP

Kellyanne Conway, Beraterin von Donald Trump, dachte sich das Neusprech "alternative Fakten" aus

George Orwell (1903-1950) schrieb den Roman von 1946 bis 1948, veröffentlicht wurde er 1949. Der Brite beschreibt darin einen totalitären Überwachungsstaat im Jahr 1984, den eine Einheitspartei regiert und in dem Privatsphäre ein Verbrechen ist. Die Hauptfigur Winston Smith will sich der allgegenwärtigen Ausspähung entziehen. Er gerät dadurch in Konflikt mit dem System und wird Folter und Gehirnwäsche unterzogen.

Das "Doppeldenk" aus "1984" lässt sich am ehesten auf die aktuelle Situation beziehen. Parteimitglied O'Brien sagt in dem Roman: "Die Wirklichkeit spielt sich im Kopf ab. (...) Sie müssen sich von diesen dem neunzehnten Jahrhundert angehörenden Vorstellungen hinsichtlich der Naturgesetze freimachen. Die Naturgesetze machen wir." Eine objektive Wahrheit außerhalb der Partei gebe es nicht.

"1984" wird in öffentlichen Diskussionen immer wieder ins Spiel gebracht, vor allem in Hinblick auf die Furcht vor einem Überwachungsstaat. Als etwa 2013 das PRISM-Überwachungsprogramm des US-Geheimdienstes NSA bekannt wurde, stieg es ebenfalls in der Amazon-Bestsellerliste, damals in den USA allerdings nur auf Platz 66.

kae

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insgesamt 151 Beiträge
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Spiegelwahr 25.01.2017
1. Wir sind nicht weit entfernt
Wer Orwell 1984 gelesen hat, wird mit Schrecken feststellen, wir sind nicht weit entfernt. Allgemeine Volkbespitzelung, gleichgeschaltete Medien, jetzt gibt es sogar schon den Vorläufer des Miniterium für Wahrheit. 1989 habe ich mal von Freiheit geträumt und jetzt ist es schlimmer als 1989.
ackergold 25.01.2017
2.
Das wundert mich überhaupt gar nicht. Ich habe nach vielen Jahrzehnten das Buch im letzten Jahr auch wieder aus dem Regal geholt. Es war erschreckend, wie realitätsnah es mittlerweile ist - bereits vor Trump. Dass sich jetzt der Neusprech "alternative facts" für "Lügen" etabliert, konnte ja wirklich niemand erahnen. Es bleibt spannend.
gunpot 25.01.2017
3. mich hat der Zukunftsroman
von George Orwell schon als Jugendlicher fasziniert. Wenn ich heute irgendwo in einer Innenstadt die vielen Überwachungskameras sehe, denke ich an seine Publikation. Betrachte ich das selbsternannte Kalifat des IS, so fällt mit die "thought police" (Gedankenpolizei)ein. Krieg findet in "1984" nicht mehr mit Atomwaffen statt, sondern mit konventionellen Superwaffen, die zwischen den beiden verbliebenen Weltmächten in Randzonen unseres Planeten zum Einsatz kommen, um u.a. auch getestet zu werden. 1984 stellt auch mutmaßlichen Verrätern nach, um die Bevölkerung in Angst und Schrecken zu halten. Es gibt noch viele andere Parallelen zur heutigen Entwicklung. Kein Wunder, das 1984 zum Bestseller wurde. BIG BROTHER IS WATCHING YOU!
Tikal69 25.01.2017
4.
Nun, es ist ja auch ohne Trump eines der wichtigsten und besten Bücher (neben Farm der Tiere) überhaupt. Sollte eigentlich jeder gelesen haben. Schade nur, dass Orwell so früh starb.
ralle58 25.01.2017
5. 1984
ist bei mir Pflichtlektüre im Unterricht. Immer wieder hochaktuell.
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