Deutschland vor der Wende Tief im Westen

Jochen Schimmang setzt mit "Altes Zollhaus, Staatsgrenze West" eine Erzählung über die Befindlichkeiten in der alten Bundesrepublik fort, die er vor acht Jahren begann - ein herzerwärmendes Spin-off.

Deutsch-niederländischer Grenzübergang bei Gildehaus (10.3.2017)
DPA

Deutsch-niederländischer Grenzübergang bei Gildehaus (10.3.2017)


Jochen Schimmangs Roman "Das Beste, was wir hatten" von 2009 war ein ruhiger Erzählfluss aus der dritten Person, chronologisch mit mehr oder weniger langen Rückblenden. Sein Spin-off "Altes Staatshaus, Zollgrenze West" pflegt einen anderen Sound: Der dünne Roman ist aus der Ich-Perspektive geschrieben, wenn auch prominent abgesichert: "All dies muss als etwas betrachtet werden, was von einer Romanfigur gesagt wird", zitiert der Autor zu Beginn des Buchs Roland Barthes.

Es dauert also ein bisschen, bis man sich als Leser in diesem Buch eingerichtet hat. Die ersten zehn, fünfzehn Seiten sind eine Art doppelte Orientierungsstufe. Einmal muss man sich erneut zurechtfinden in der Welt des Gregor Korff, biografische Eckdaten aus "Das Beste, was wir hatten" vergegenwärtigen, überlegen, wie der Roman begann und wie er endete. Vor allem aber muss man sich an die neue Form gewöhnen.

In "Das Beste, was wir hatten" folgte Jochen Schimmang seiner Romanfigur, dem Rheinländer Gregor Korff, von der Kindheit über seine Zeit im linken Milieu des studentischen Berlins bis zu seiner Position als wichtiger Berater des Innenministers in den späten Achtzigerjahren. Eine Position, die er aufgeben muss, weil eine ehemalige Geliebte als Stasi-Spitzel enttarnt wird, was wiederum die Grundlage für die Geschichte ist, die in diesem Buch erzählt wird.

Dazu am Dorfrand ein Bordell

Mehr als zwei Jahrzehnte nach seinem Ende als Teil des politischen Betriebs ist Korff zu einem wohlhabenden Mann geworden, weil er - nun, eigentlich war es als Ghostwriter der Redakteur einer großen Regionalzeitung - über diese Zeit ein Buch geschrieben hat, das zu einer Fernsehserie wurde. "Das Sonja-Komplott" war dabei an Realitäten nicht übermäßig interessiert, sondern ein "Politthriller mit sämtlichen Geheimdiensten dieser Welt, mit kaltblütigen Morden, Intrigen, Ministerstürzen und allen Arten von Verrat, nicht zu vergessen der Liebesverrat".

Ein irrer Erfolg, der Korff nicht nur angenehm ist, ihm aber finanzielle Unabhängigkeit geschenkt hat: Nun lebt er also in der ehemaligen Grenzstation Granderath. Hinter dem Garten liegt schon das holländische Dörfchen Tingeloo, eigentlich nur drei Höfe, "prächtig herausgeputzt und strahlend weiß, dazu am Dorfrand ein Bordell".

Korff schließt langsam Freundschaften. Zu Martin Taubert, der früher als Zöllner dort arbeitete, wo Korff nun lebt. Zu Hanno, einem jungen Mann, der seine Doktorarbeit über Carl Schmitt schreiben möchte, jenen Staatsrechtler, über den auch Korff einst forschte, die Freundschaft beginnt vor allem deshalb rumpelig. Zu seinem Vermögensberater, den eine seltsame Rastlosigkeit umgibt und zu Groeneveld, einem früheren Doppelagenten, der auf der holländischen Seite der Grenze lebt, dort "das Buch der Bücher" schreiben möchte.

Autor Schimmang
Eric Wolfe/ Edition Nautilus

Autor Schimmang

Vielleicht kann man zu diesen Freundschaften sogar die Begegnung mit zwei serbischen Flüchtlingskindern zählen, die eine Nacht bei ihm Unterschlupf finden: Zwar klauen sie seine Barschaft, lassen ihm aber als Gegenleistung eine Zeichnung da: "Im Fluchtpunkt der Skizze sah man mich im Türrahmen stehen, den Kopf leicht gesenkt und mit einer Miene, die so viel Freundlichkeit und Güte verriet, wie sie vermutlich noch nie jemand an mir entdeckt hat."

Es ist ein relativ sparsames Ensemble, auf das sich Schimmang hier verlässt. Doch er ist ein versierter Erzähler, ein Stilist, der aus dem Aufeinandertreffen dieser sehr unterschiedlichen, aber stets hoch sympathischen Menschen Momente schnitzt, die gleichzeitig beiläufig und feierlich erscheinen, die Unterschiede, sei es solche des Alters oder solche des sozialen Stands, glaubwürdig und nachhaltig aushebeln. Er benutzt dieses Ensemble aber nicht nur, um Geschichten zu erzählen, sondern auch, um eine Struktur zu schaffen, die er fein mit dem Vergangenen verwebt: Da lässt er seinen Protagonisten darüber räsonieren, ob er gerne Kinder gehabt hätte und schickt ihn auf eine Fahrradtour ins nahe Holland, die Erinnerungen an seine Jugend wachruft.

ANZEIGE
Jochen Schimmang:
Altes Zollhaus, Staatsgrenze West

Edition Nautilus GmbH, 192 Seiten, 19,99 Euro

Irgendwann steht die aus "Das Beste, was wir hatten" bekannte Figur Ulrich Goergen vor der Tür, emeritierter Professor und ein Freund aus Berliner Tagen. Es ist ein Abschiedsbesuch. Zwischen alldem ist Platz für Traumsequenzen, für Exkurse in die Philosophie und für Ausflüge in die deutsch-deutsche Vergangenheit: Die Motive, die "Das Beste, was wir hatten" ausmachten, finden sich in abgewandelter Form auch hier.

Neben den formalen Unterschieden fällt ein inhaltlicher auf. Wo "Das Beste, was wir hatten" der Bilderbogen einer ganzen Ära ist, wo sich Schimmang dort bemühte, die Personen als Stellvertreter für gesellschaftliche und politische Entwicklungen in einer sorgfältig abgepausten Bundesrepublik Deutschland der Vorwendezeit zu skizzieren, dringt er nun zu deren Kern vor.

Freundschaft, das Altern, der Tod, die Liebe: Es sind große Themenkomplexe, die der Autor in diesem kleinen Buch - es umfasst keine 190 Seiten - abhandelt. Er federt sie ab, mit Bob Dylan oder den Kinks, die im Hintergrund ihre Songs singen, mit der Hoffnung auf die jüngere Generation, die die richtigen Sätze auf Altglascontainer schmiert und mit einem überraschenden Ende, das vernehmlich nach einer erneuten Fortsetzung ruft.

Mehr zum Thema
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps


zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.