Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Amazon-Streit: Die Diktatur des drohenden Monopolisten

Ein Debattenbeitrag von Jan Brandt

Versandhandel Amazon: Auf dem Weg zum Monopolisten? Zur Großansicht
DPA

Versandhandel Amazon: Auf dem Weg zum Monopolisten?

Der Konflikt zwischen Verlagen und Amazon zeigt: Es ist eine Frage der Haltung, bei dem Internetriesen einzukaufen oder nicht. Die Kunden müssen wählen - zwischen Demokratie oder Alleinherrschaft.

  • DPA
    Jan Brandt, Jahrgang 1974, ist Schriftsteller und Journalist. Sein Debütroman "Gegen die Welt" erschien 2011 und war für den Deutschen Buchpreis nominiert. Derzeit lebt Brandt in den USA und arbeitet an seinem zweiten Roman.
In den vergangenen vier Wochen wurde ich, weil ich derzeit in Amerika lebe, von deutschen Medien oft gefragt, ob Kindle Unlimited, die E-Book-Flatrate von Amazon, der Untergang des Abendlandes sei. In den USA bietet der Internetriese dieses Modell nämlich seit Mitte Juli seinen Nutzern an: Für monatlich 9,99 Dollar haben sie Zugriff auf mehr als 600.000 Bücher. Eine permanent verfügbare gigantische digitale Bibliothek ist der Traum eines jeden Lesers und der Albtraum des stationären Buchhandels, der alteingesessenen Verlage, der langsamen anspruchsvollen abseitigen Schriftsteller. Wenn man so wenig Geld bezahlt, um so viele Texte zu lesen, wer - außer Amazon - soll dann noch daran verdienen?

Flatrates gibt es schon für Musik, Filme und Fernsehserien. Bekannteste Anbieter sind hier Plattformen wie Spotify oder Netflix (das im September in Deutschland starten soll). Serien wie die von Netflix produzierten "House of Cards" oder "Orange Is the New Black" sind ein gemeinschaftstiftendes Erlebnis: das postmoderne Kaminfeuer, vor dem sich abends Freunde, Ehepaare, Familien versammeln. Wird eine Show für gut befunden und empfohlen, wachsen die Zuschauerzahlen exponentiell. Während man Songs ein paar Hundert Mal hört, liest man ein Buch oft nur einmal im Leben. Lesen ist eine einsame und zeitintensive Tätigkeit. Manchmal dauert es Wochen, ehe man mit einem Buch durch ist und ein Urteil fällen kann. Das Buch ist also, was die Rezeptionsgeschwindigkeit angeht, gegenüber anderen Medien klar im Nachteil. Und deshalb hat eine Literatur-Flatrate auch eine ganz eigene kulturelle Bedeutung.

Die Bezahlung richtet sich bei den Abo-Modellen nach Nutzerzahlen und gelesenen Seiten. Je mehr ausdauernde Leser, desto mehr fällt für die Urheber ab. Aber erst ab zehn Prozent gelesenen Textes gilt das selbst verlegte E-Book der Autoren als gekauft. Und die Ausschüttung stammt aus einem Fonds - dem Kindle Direct Publishing Select Global Fund - dessen Größe Monat für Monat variiert.

Schlechtes Angebot

Schließlich wird dann auch noch die Ausleih- oder Downloadzahl jedes einzelnen Buches mit der Gesamtzahl aller Bücher, die an Kindle Unlimited oder der Leihbibliothek Kindle Owner's Lending Library teilnehmen, verrechnet. Ob sich dieser Deal für die Urheber als lukrativ erweist, ist zweifelhaft - zumal bei E-Books der Verdienst dann noch vom reinen Datenvolumen eines Buches abhängt.

Und auch für die Leser ist die Flatrate nicht unbedingt eine gute Option. Kindle Unlimited hat zwar bereits jetzt große Titel im Sortiment: Klassiker wie Herman Melvilles "Moby Dick" oder Joseph Conrads "Herz der Finsternis", die, da das Urheberrecht ausgelaufen ist, ohnehin umsonst sind, zeitgenössische Romane wie Michael Chabons "Wonder Boys" oder Yann Martels "Life of Pi" und unzählige eigene Romane, vor allem aus den Genres Science-Fiction, Fantasy und Romance, darunter auch mehr als 30.000 adjektivreiche und handlungsschlichte deutschsprachige Unterhaltungsbücher von Autoren namens Roxann Hill ("Wo die toten Kinder leben"), Nicole S. Valentin ("Trotzdem irgendwie verliebt") und Elke Bergsma ("Stumme Tränen"). Aber es fehlen fast alle literarisch und gesellschaftlich relevanten Titel, weil Amazon sich im Gegensatz zu Mitbewerbern wie Oyster oder Scribd bisher nicht mit einigen großen Verlagskonzernen einigen konnte. Und wer Amazon Prime Mitglied ist, hat ohnehin schon Zugriff auf die hauseigene Leihbücherei.

In den vergangenen Jahren wurde öffentlich viel über die Arbeitsbedingungen bei Amazon diskutiert, über die Bezahlung der Mitarbeiter und die Steuervermeidungsstrategien - all das findet sich bei vielen global operierenden Firmen wie etwa Starbucks oder Apple auch. Und die negativen Schlagzeilen taten der Popularität keinen Abbruch: 2013 setzte Amazon allein in Deutschland 7,7 Milliarden Euro um - eine Steigerung von mehr als 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Deutschland ist nach Nordamerika der größte Absatzmarkt von Amazon.

Trotz dieser beeindruckenden Zahlen macht Amazon jedoch Verluste. Das wird noch billigend in Kauf genommen. Expansion und Dumpingpreise funktionieren so lange, wie die Aussicht auf eine Monopolstellung erhalten bleibt, weil Amazon nach Ausschaltung der Konkurrenz die Preise beliebig anheben kann.

Düstere Zukunftspropheten?

Doch ein schon bezähmt geglaubter Global Player der Buchbranche begehrt auf: der Verlagskonzern Hachette, der weltbekannte Autoren wie J.K. Rowling oder James Patterson im Programm hat. Deren Bücher sind bei Amazon seit Monaten entweder nicht vorbestellbar oder werden mit Verzögerung ausgeliefert. In Deutschland sind die Verlage der Bonnier-Gruppe betroffen: Ullstein, Piper, Carlsen und der Berlin Verlag.

Amazon behauptet gerne, das kundenfreundlichste Unternehmen der Welt zu sein. Darum ist es bemerkenswert, dass hier ein wirtschaftlicher Streit um Rabatte und E-Book-Preise gerade zulasten der Kunden geht. Kürzlich erschien in der "New York Times" eine Doppelseite mit einer Anzeige, in der 909 Schriftsteller - darunter Bestsellerautoren wie Paul Auster, Stephen King und Donna Tartt - Amazon aufforderten, die Auseinandersetzung respektvoll und professionell fortzusetzen, anstatt die beteiligten Geschäftspartner weiterhin zu drangsalieren. Auch deutschsprachige Schriftsteller haben jetzt einen Protestbrief an Amazon-Chef Jeff Bezos geschrieben. Zu den Erstunterzeichnern gehören die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek und der Undercover-Journalist Günter Wallraff.

Das Engagement der US-Kollegen zeigte schon Wirkung. Amazon veröffentlichte auf readersunited.com ein Statement, wo unter dem Reiter "Ein wichtiges Anliegen von Kindle" darauf hingewiesen wird, dass es bei den Verhandlungen allein um zu hohe E-Book-Preise gehe und mediale Umbrüche bei etablieren Parteien historisch gesehen immer auf Ablehnung gestoßen seien. Als Beispiel wird die Einführung von Taschenbüchern vor dem Zweiten Weltkrieg genannt, die sowohl von den Verlagen als auch von den Autoren bekämpft worden seien. Amazon zitiert in Bezug auf das neue Format ausgerechnet den düsteren Zukunftspropheten George Orwell mit den Worten: "Wenn Verleger bei Verstand wären, würden sie sich dagegen zusammenschließen und es zu verhindern versuchen."

PR-Fehler von Amazon

Diese Argumente erweisen sich bei näherer Betrachtung als Propaganda. Reclam veröffentlichte mit seiner Universal-Bibliothek schon im 19. Jahrhundert Taschenbücher. Der britische Taschenbuch-Verlag Penguin wurde 1935 gegründet. Rowohlt brachte nach 1950 die ersten rororo-Bändchen auf den Markt. Und George Orwell war einerseits von Taschenbüchern begeistert - mit seinem Kommentar zu Taschenbüchern wirbt Penguin noch heute: "Für sechs Pence sind Penguin-Bücher prachtvoll, so prachtvoll, dass, wenn andere Verleger bei Verstand wären, sie sich dagegen zusammenschließen und sie zu verhindern versuchen würden." Andererseits wies er, was Penguin gern verschwiegt, tatsächlich auch auf die Nachteile hin: "Es ist natürlich ein großer Fehler, zu glauben, dass billige Bücher gut für die Buchbranche sind. In Wahrheit ist es andersherum." Und begründete dies mit der Aufnahmefähigkeit der Leser, die sehr schnell an eine natürliche Grenze stoße: "Du kaufst nicht zehn Bücher, weil du so viele gar nicht brauchst. Dein Sättigungspunkt wird weit davor erreicht sein."

Solche PR-Fehler zeigen, wie stark der Druck auf dem Unternehmen lastet. Die Anleger wollen endlich Gewinne sehen. Und die Angst, dass sich die Kunden abwenden könnten, ist berechtigt. Richtig ist, dass die E-Book-Preise zu hoch sind. Aber bei dem Streit zwischen Amazon und den anderen Verlagen geht es nur vordergründig darum. In Wirklichkeit will Amazon höhere Rabatte eingeräumt bekommen, um mehr Profit zu machen, ganz gleich, wie viel ein E-Book kostet. Und schiebt, als wäre das auch ihr Anliegen, die vereinigten Leser vor.

Die Debatten um Flatrates, Mindestlohn und Steuern sind jedoch nur Nebenkriegsschauplätze. Und angesichts der Buchpreisbindung ist eine Literaturflatrate in Deutschland ohnehin wenig wahrscheinlich. Im Kern geht es um etwas ganz anderes: um eine moralische Haltung. Darum, ob wir einem Unternehmen, das sich, so die Legende, ursprünglich relentless - gnadenlos - nennen wollte, noch mehr Macht einräumen wollen.

Das Alleinstellungsmerkmal von Amazon ist seine Omnipotenz. Amazon ist nicht nur das größte Buchkaufhaus, sondern seit der Übernahme des Antiquariatsportals ZVAB auch Deutschlands größte Buchgebrauchtwarenplattform - und womöglich in Zukunft auch eines der größten Verlagshäuser. Dann wäre das Ideal eines geschlossenen Warenkreislaufs in einer Firma verwirklicht. Und Amazon ist nicht nur in einer Branche aktiv, sondern in nahezu allen gleichzeitig. Das hat es noch nie gegeben. Und das macht die Firma so gefährlich.

George Orwell ist mit seinen dystopischen Roman "1984" berühmt geworden. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs galt sein Werk als überholt. Könnte sein, dass es 2014 auf ganz andere Weise eine Renaissance erlebt. Eine Gesellschaft, die sich politisch nie für die Diktatur entscheiden würde, wählt aus Bequemlichkeit und Geiz eine wirtschaftliche Alleinherrschaft. Im Namen der Kunden werden Erzeuger, Lieferanten, Händler geschröpft. Diese brutale Strategie wird irgendwann auf die Kunden zurückfallen. Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der es nur noch Amazon gibt. Denn daran darf kein Zweifel bestehen: Amazon wird sich erst zufriedengeben, wenn alle Mitbewerber ausgeschaltet sind. "Gnadenlos" ist immer noch der heimliche Schlachtruf. Wer heute relentless.com eingibt, wird auf amazon.com umgeleitet.


Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: