Rebellion gegen Amazon Die Autoren schreien - und wir sollten zuhören

Amazon soll kein Monopolist werden? Dagegen hilft vor allem eins: Einfach mal wieder in den Buchladen um die Ecke gehen. Dort gibt es keine Algorithmen, aber echte Menschen.

Ein Kommentar von Thomas Andre

Paketversand bei Amazon: Aufstand der Autoren
DPA

Paketversand bei Amazon: Aufstand der Autoren


Nach den angloamerikanischen melden sich jetzt auch die deutschsprachigen Autoren: Mehr als hundert von ihnen haben einen offenen Brief an den Amazon-Boss Jeff Bezos unterzeichnet. Sie werfen Amazon vor, Verlagen, Autoren und damit letztlich auch den Kunden mit einer aggressiven Preispolitik zu schaden. Bezos ist im Augenblick einer der wohl umstrittensten Unternehmer des Planeten - zumindest in der Literaturbranche.

Eine Monopolstellung des Beinahe-Alleskönners Amazon, der gleichzeitig Bücher publiziert und verkauft, hätte tatsächlich verheerende Folgen für die Bedingungen, unter denen Bücher geschrieben werden. Wenn Amazon erst einmal die Preise diktiert, bestimmt es damit indirekt die Verträge, die Autoren und Verlage schließen. Und weniger Geld für Bücher bedeutet am Ende wohl auch weniger Geld für Autoren. Denn wenn Amazon diese Autoren erst einmal mit Traumkonditionen zu sich gelockt und damit die Verlage ausgeschaltet hat, werden die Honorare schon bald nicht mehr so traumhaft sein.

Eigentlich will kein Autor Amazon abschaffen

Die Autoren sind übrigens in einer unangenehmen Situation, weil sie ja eigentlich gerne die Dienste von Amazon in Anspruch nehmen. Es soll sogar Autoren geben, die ihren Tag damit verbringen, regelmäßig ihren aktualisierten Verkaufsrang zu checken. Und selbst wenn in Deutschland nicht so viele Bücher wie in Amerika über Amazon verkauft werden und auch der Anteil der E-Books bedeutend geringer ist: Geshoppt wird heute eben auch in Digitalien und nicht nur im Laden um die Ecke. Mal ganz abgesehen von den ländlichen Regionen, in denen es gar keine Buchläden gibt. Mit Ausnahme der ganz Radikalen will daher keiner der protestierenden Dichter und Denker Amazon abschaffen.

Als Verkaufsfläche können und wollen sie auf Amazon also nicht verzichten, und ein glatter Sieg in dem oft als "Bücherkrieg" bezeichneten Streit ist auch nicht drin - weder für Verlage noch für Autoren. Denn es ist der Markt, der entscheidet, und ganz am Ende vielleicht das Kartellamt. Was bringt der Protest dann überhaupt?

Jede moderne Buchhandlung hat einen Online-Shop

Er bringt: ganz schön viel. Es ist die erste Liga der Autoren, die sich zu Wort meldet - wenn Stephen King, Paul Auster und Elfriede Jelinek sich in offenen Briefen beschweren, dann sorgt das für Aufmerksamkeit. Der Protest lenkt den Blick der Kunden - unser aller Blick - also auf die Methoden des Konzernriesen. Und damit letztlich auch auf unser Konsumverhalten. Denn wir haben es selbst in der Hand, wie groß Amazon noch wird. Wir müssen ja nicht jedes Buch bei Amazon bestellen. Man kann heute in jeder modernen Buchhandlung E-Books kaufen, weil jede moderne Buchhandlung einen Onlineshop hat. In Deutschland kosten Romane und Sachbücher dank Buchpreisbindung ja bis auf Weiteres auch überall das gleiche.

Und außerdem darf man als Käufer ja auch ein wenig romantisch sein. In der guten, alten Buchhandlung riecht es förmlich nach Literatur, und man kann, eine erwiesene Tatsache, sogar in den Büchern blättern, bevor man sie kauft. Man kann sich auch vom Buchhändler des Vertrauens beraten lassen - ein unschlagbares Vergnügen (meistens) und ein klein bisschen persönlicher als die eiskalten und streberhaften Fingerzeige der Algorithmen.

Wenn der Protest der Schriftsteller also hilft, dass künftig weniger Amazon-Empfehlungen verschickt werden - wunderbar. Was weiß die Maschine denn schon von guter Literatur?

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insgesamt 236 Beiträge
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Seite 1
Lankoron 15.08.2014
1. Welche
"gute alte Buchhandlung" beschreiben die Leute denn immer? 90% der "örtlichen Buchhändler" sind doch genauso Handelsketten wie Thalia und co. Ausserdem gibt es durch die Preisbindung keinen Wettbewerb, und beraten können einen die absolut wenigsten Verkäufer dort. Und: Zugunsten von Kitschpostkarten, Kleinkram, ja sogar ner Cafeteria hat man zumindest bei uns die Regale enger gestellt und die Leseecken abgeschafft...also dann bestell ich doch lieber bei amazon.
der:thomas 15.08.2014
2. typisch Bildungsbürger...
Egal welchen kleinen Arbeiter oder Gewerbetreibenden solche Entwicklungen dahinnrafft: Beim Kleinen Buchladen, Schriftsteller oder Bildbandfotographen da schreien sie dann Zeter und Mordio.. Nix. Buchhandel ist auch "markt" und Schriftsteller sind traditionell arm. Mehr zum Thema wenn ihr euch mal für andere Branchen einsetzt!
HaioForler 15.08.2014
3.
Zitat von sysopDPAAmazon soll kein Monopolist werden? Dagegen hilft vor allem eins: Einfach mal wieder in den Buchladen um die Ecke gehen. Dort gibt es keine Algorithmen, aber echte Menschen. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/amazon-kommentar-zum-autorenprotest-a-986179.html
Echtes hinfahren, echte Menschen, echte Schlangen, echtes Buchnichtvorhandensein, echte Nichtahnung, echtes Warten und Nachbestellen, echtes Teurersein, vor mir *echtesGeschenkpapierforder*, echte Waschmittelgespräche von echt Gelangweilten an der Kasse, echtes Mehrbezahlen. Alles echt toll. Und so menschlich-spannend. Nee. Leute, echte Menschen hat man 23/7 pro Tag, da muß es nicht auch noch bei der Buchbestellung sein. Sooo toll menschelnd ist das nun alles auch alles nicht, wie Ihr mir das schmackhaft machen wollt.
mymana1 15.08.2014
4. Buchhandel muss reagieren
10 Tage bis zum Geburtstag einer Freundin, auf Amazon entdecke ich ihr Wunschbuch und gehe dann wie immer in den Buchladen um die Ecke (Hugendubel), um es dort zu bestellen. Antwort im Buchladen: Ausgerechnet dieses Buch dauert 3(!) Wochen, da englisch. Ich protestiere: Zu spät für den Geburtstag! - Da könne man nichts machen, keine Chance. - Meine erste Amazon-Bestellung beförderte es dann nach nur 2 Tagen in meinen Briefkasten, Geburtstag gerettet! Sehr unflexibel vom Buchhandel, die hätten es notfalls auch bei Amazon bestellen können, um den Kunden zu halten. 3 Wochen, heutzutage?!
Thoregon 15.08.2014
5. Selten
habe ich hier einen dümmeren Artikel gelesen. Von keiner Sachkunde getrübt, schlägt der Autor sich auf die Seite jener Autoren, die, gut verdienend, ihren Besitzstand wahren wollen. Es ist beispiellos, dass in einem deutschen Presseorgan der Boykott eines Unternehmens wenn nicht gefordert, so doch nahe gelegt wird und das auch noch mit eher esoterisch anmutenden Argumenten. Die Literaturindustrie in Deutschland hätte frühzeitig ihre Hausaufgaben machen sollen, dann stünden sie heute besser da. Aber sie haben es vermasselt und rufen heute nach der Hilfe durch Politik und Presse. Lächerlich ist das. Und megapeinlich obendrein.
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