Dystopie-Roman "American War" Alles auf Rot!

Einzelkämpferin auf Rachefeldzug: Der Roman "American War" des Journalisten Omar El Akkad zeichnet ein verheertes, postposttrumpisches Amerika am Ende aller Visionen und Träume.

Im Krieg (Archivbild)
Getty Images

Im Krieg (Archivbild)


Man schreibt das Jahr 2075: Es herrscht - gefühlt - ewiger Winter im einstigen Land der Freien. Ein postapokalyptisches Glosen, neblig-trüb, verdüstert den Himmel, als verfeuere die Sonne ihre letzten Energiereserven. Das Amerika, wie wir es heute noch kennen, existiert nicht mehr.

Von Stürmen, Epidemien, einem dramatisch angestiegenen Meeresspiegel und einem mörderischen zweiten Bürgerkrieg um fossile Brennstoffe verheert, hat sich das Land in eine riesige, zweigeteilte Brache verwandelt: hier der "blaue" Norden, dort der "rote" Süden. Das Land ist übersät von Camps, in denen die Überlebenden auf was auch immer hoffen - es ist die Zeit der großen Wanderungen. Millionen sind auf der Flucht, irren über die Schlachtfelder. Die Rolle des Weltpolizisten haben längst andere übernommen: ein Reich namens Bouazzi, das weite Teile Asiens, Russlands und Nordafrikas in sich vereint. Amerika brennt zu großen Teilen. Und dazwischen, im Grenzland zwischen den verfeindeten Parteien: Sarat Chestnut, die einsame Heldin des Buches, die auf der Seite der "Roten" kämpft - und nach schweren persönlichen Verlusten nur noch ein Ziel kennt: "Ich will sie töten."

Ersonnen hat das Ganze der ägyptischstämmige Journalist und Schriftsteller Omar El Akkad - ein Mann mit kühnen literarischen Fantasien. Als sein Roman "American War" vor nicht einmal einem Jahr in den USA erschien, war das Staunen über so viel literarischen Untergangsmut groß - und die Zustimmung der Kritiker einhellig. Denn solch ein sargschwarzes Untergangsgemälde von Amerika hatte man lange nicht mehr gesehen.

Omar El Akkad
Kateshia Pendergrass

Omar El Akkad

Akkads Roman wurde neben die unheilschwangeren, zivilisationskritischen Epen von Cormac McCarthy gestellt und mit Philip Roths Meisterwerk "Verschwörung gegen Amerika" verglichen. Vielleicht sind die Vergleiche ein wenig zu hoch gegriffen. Doch tatsächlich holt das Buch in seiner dystopischen Wucht ähnlich weit aus.

Die Gedankenschraube unerschrocken weitergedreht

"Gute Romane werden von Leuten geschrieben, die keine Angst haben", befand dereinst George Orwell, der andere große Apokalyptiker und Endzeitvisionär. Akkad scheint ein Furchtloser zu sein. Er hat begriffen, dass die Beschreibung der Wirklichkeit (und sei sie auch noch so utopisch zerdehnt) immer noch eine lohnende Sache ist, auch wenn sie erstunken und erlogen ist. Denn seine 448-seitige Dystopie potenziert den amerikanischen Ist-Zustand ins wahrhaft Endzeitliche. Zudem ist Akkad schlau genug, nicht in die Falle billiger Untergangsmalerei zu tappen. Vielmehr bleibt sein Buch an unsere heutige Gegenwart angedockt. Das vor allem macht es in seinem Vorausblick so erschreckend - weil es vom Bestehenden ausgeht, die Gedankenschraube bloß unerschrocken ein paar Windungen weiterdreht - und von unabweisbaren Zeichen und Hinweisen ausgehend mit dem Gedanke spielt "Was wäre, wenn?".

"Man könnte sagen, dass ich den Süden im Blut habe". bekennt die Einzelkämpferin Sarat grimmig, nachdem sie ihren Vater bei einem terroristischen Selbstmordanschlag verloren hat - und ihre Mutter und ihre Schwester Dana bei einem Massaker sterben. "Wenn es so weit ist, dann ist es so weit, aber ich werde nicht als Feigling sterben. Die einzig sichere Arbeit ist Blutarbeit." Sie wird einiges Blut vergießen auf ihrer Rachemission, in welcher Akkad stellvertretend den Weg jener frühradikalisierten Muslime nachzeichnet, die sich, religiös verblendet, in scheinbar gefühllose Killer verwandeln.

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Omar El Akkad:
American War

Aus dem Amerikanischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié

S. Fischer; 448 Seiten; gebunden; 24,00 Euro.

Akkad, der das Schreibhandwerk als Reporter des kanadischen "The Globe And Mail" erlernte und später als Kriegsreporter aus Afghanistan berichtete, hat ein ausgeprägtes Gespür für Stimmungsumschwünge und Brüche in den Seelen seiner Figuren. Große Literatur, das belegt sein Buch erneut, ist immer auch stückweit gelebte Literatur. Hier schreibt einer aus eigener Anschauung. Akkad hat im Zuge seiner Reportertätigkeit palästinensische Flüchtlingslager ebenso besucht wie Guantanamo. Er weiß, dass nicht enden wollende Folter aus Menschen entseelte Zombies machen kann. Seine düstere Heldin Sarat ist ein dunkler Zwilling von Johanna Mason, der ebenfalls um alles beraubten Widerstandskämpferin aus "Die Tribute von Panem", die von sich sagt: "Sie können mir nichts anhaben. Ich bin nicht wie ihr. Es ist keiner mehr da, den ich liebe." Beide sind Opfer ihrer Verhältnisse: menschliche Cruise Missiles, emotional ausgekühlt, im Krieg mit den Mördern ihrer Familie.

"Ich hasse eigentlich Bücher über Gewalt", bekannte Akkad, 35, kürzlich in einem Gespräch mit dem SPIEGEL. "American War" erzählt jedoch genau davon. Von ihrer schrecklichen, alles zersetzenden Macht - vorgeführt am Beispiel einer jungen Frau, die, nachdem sie durch die Hölle gegangen ist, zwar war von sich sagen kann: "Ich lebe!" Ob sie das aber tröstet? Wir wissen es nicht.

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insgesamt 4 Beiträge
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Shoxus 02.08.2017
1. Wow.
Nicht falsch verstehen. Aber das wird von Kritikern gelobt? Nach der Beschreibung hat der Gute alles ins Buch gepackt was es auch nur gibt. Hmm. Naja ok. Wundert mich. Dachte sowas wird immer von den Kritikern zerrissen. So kann man sich täuschen.
diezweitemeinung 02.08.2017
2. Langweiler
Ich habe diesen Science Fiction Thriller vor einigen Wochen gelesen. Es hat mich gelangweilt, aber ich habe mich trotzdem durchgebissen. Es langweilte mich, da es eines von mehreren Büchern ist, das sich im Trump-Jahr mit dem drohenden Untergang der Menschheit - wie wir sie kennen und tolerieren - beschäftigt. Ich vergaß den Titel schnell. Das ist keine Literatur wie von Roth - bestenfalls ein guter Science Fiction Roman. Nun bin ich vor wenigen Tagen durch Zufall wieder auf das Buch gestoßen und habe angefangen es abermals zu lesen. Erst nach vielen Seiten fiel mir auf, dass es mir bekannt vorkam. Das habe ich dann geschnallt und die Lektüre beendet. Vielleicht sind diese Bücher für Otto Normalverbraucher ein haarstäubender Knüller, da er auf seinem Ponnyhof noch nie so etwas bedrohliches gelesen hat. Wer aber ohnehin ein Pessimist ist, für den wird lediglich ein wahrscheinliches Szenarium abgehandelt, das nicht überrascht. Eine Menschheit, die sich von den vorhandenen Politikern bereitwillig für blöd verkaufen läßt, die kann nach einem Blutbad nur in der Gosse enden.
lalito 02.08.2017
3. Okay
Blutig ohne degenerierte Zombies? Nun gut, blutig degeneriert scheint in gut 50 Jahren ja der ganze Kontinent zu sein, so wie umrissen, die Frage die sich stellt, wer hat's verbockt?
j.christinck 03.08.2017
4. @2
schon mal daran gedacht, dass man ein buch auch aus purer unterhaltung lesen kann und nicht bloß, weil es einem ein schockierendes zukunfstszenario darbieten kann, welches dann dringlichst verhindert werden muss?
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