Nachruf auf Amos Oz Immer fantastisch, nie fanatisch

Er liebte Israel und haderte immer wieder mit seinem Land. Seine schöpferische Kraft bezog der Schriftsteller Amos Oz aus den Widersprüchen seiner Heimat. Er war Kämpfer, Zweifler, Botschafter, vor allem aber: ein wunderbarer Poet.

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Ein Nachruf von


Politik und Poesie waren in diesem Leben aufs Engste verschränkt, Literatur und Leben bisweilen kaum zu unterscheiden. Schon als Kind hängte er ein Schild an seine Tür: "Amos Klausner, Schriftsteller". Und schon als Jugendlicher im Kibbuz legte er den Namen seiner russischstämmigen Eltern ab und nannte sich fortan Oz - das hebräische Wort für "Stärke".

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich seine Mutter bereits das Leben genommen. Sein eigenes Leben widmete der 1939 in Jerusalem geborene Junge dem Aufbau des Staates Israel. Seine eigene Adoleszenz und die seiner Heimat verliefen parallel. Oz erlebte im zionistischen Elternhaus die mahnende Erinnerung an den Holocaust, auf den Straßen den Kampf gegen die Briten während der Mandatszeit, im Kibbuz die Furcht vor dem Krieg um ein von mehreren Seiten beanspruchtes Land - und dann die Kriege selbst, in denen er unter anderem in einer Panzereinheit diente und verwundet wurde.

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Amos Oz: Die israelische Stimme für den Frieden

Zwischen dem Sechs-Tage- und dem Jom-Kippur-Krieg erschienen seine "Gespräche mit israelischen Soldaten", deren Ton und tieferer Inhalt im Titel einer Neuauflage sehr gut getroffen ist: "Man schießt und weint". Die israelischen Besatzungen, damals noch landesweit bejubelt, wagte er schon früh zu kritisieren: "Selbst unvermeidliche Besatzung ist eine korrumpierende Besatzung", schrieb er in einer Zeitung.

Freiräume für das eigene Schreiben erkämpfte er sich, notfalls eingeschlossen auf dem Klo. "Ein anderer Ort", sein erster Roman, spielte vor dem Hintergrund realer Erfahrungen im Kibbuz. An den Kibbuz flossen seine Einnahmen, der Kibbuz sozialisierte ihn sozialistisch.

In vielen anderen Werken - und ganz gleich, welches Genre er gerade wieder bediente, indem er dessen Grenzen verschob - tröpfelte die komplexe Realität des modernen Israel, namentlich die Angst vor dem nächsten Attentat, die Angst vor dem Krieg oder die Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld. Auch dann, wenn es in seinen Werken "nur" um Alltägliches ging. Er interessiere sich, sagte er einmal, nicht für die Tragödie, sondern für "die Komödie der unglücklichen Familie".

Befürworter der Zwei-Staaten-Lösung

Schon früh erregte daher auch sein fiktives Schreiben den Unmut rechtskonservativer und orthodoxer Kreise. Umso mehr, als sein ausgleichender Standpunkt aus der eigenen Lebensgeschichte resultierte. Die Rede von der "Sprache als Heimat", bei Oz traf sie ausnahmsweise einmal zu. Er liebte das Hebräische mehr als sein Land, für dessen Zukunft er publizistisch stritt.

Als früher Befürworter der Zwei-Staaten-Lösung gehörte er zu den Gründern von "Peace Now", einer Säule der israelischen Friedensbewegung. Als renommierter Autor wurde er auch außerhalb von Israel gehört, eine mäßigende Stimme in Zeiten der Intifada oder des Libanon-Krieges. Ein Romantiker aber war er nicht. So befürwortete er den Krieg gegen die Hisbollah im Libanon ebenso wie den Kampf gegen Hamas in Gaza. Nicht aus Hass. Aus Notwendigkeit - und revidierte seine Meinung bald darauf wieder, wie überhaupt alles Fanatische ihm stets fremd bleiben sollte.

Deutschland wollte er nie besuchen und tat es, auf Einladung von Siegfried Lenz, 1983 dann doch. In Lenz, Böll und Grass wollte er geistesverwandte Literaten erkennen, beharrte aber: "Normale Beziehungen zwischen Israel und Deutschland sind nicht möglich und nicht angemessen".

Frieden im Nahen Osten war seiner Meinung nach nicht dadurch zu erzielen, dass "Juden und Araber" gemeinsam "Kaffee trinken und sich besser kennenlernen". 1996 sagte er in einem Interview: "Ganze Flüsse aus gemeinsam getrunkenem Kaffee können nicht die Tragödie zweier Völker auslöschen, die das gleiche kleine Land als ihre einzige Heimat betrachten. Wir müssen es teilen. Wir müssen einen Kompromiss erarbeiten, den beide Seiten akzeptieren könnten". Gerade so, wie Tschechen und Slowaken sich trennten, "ohne Blutvergießen".

Stockholm rief nie an

Sein subtiles literarisches Werben für eine solche Lösung, etwa in seiner autobiografisch gefärbten "Geschichte von Liebe und Finsternis", machte ihn Jahr für Jahr zum Anwärter auf den Literaturnobelpreis. Sein großer Durchbruch gelang ihm mit "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis", das 2002 in hebräischer Sprache und 2004 als deutsche Ausgabe erschien. 2015 kam der gleichnamige Film in der Regie von Natalie Portman in die Kinos. Zu seinen weiteren Werken zählen der Briefroman "Black Box", "Ein anderer Ort", "Unter Freunden" und zuletzt "Judas". Darin schildert er den angeblichen Verräter Christi als dessen loyalsten Jünger; wieder ein Blickwechsel, wieder eine Erkenntnis.

Doch Stockholm rief nie an, dafür wurde ihm so gut wie jede andere Ehre zuteil. Ein kleines Meisterwerk ist die Rede, die Oz 2007 anlässlich der Verleihung des Prinz-von-Asturien-Preises hielt. Hier ist seine ganze Poetologie enthalten. Die Tragödie sei, "dass so viele von uns, Juden wie Araber, uns gegenseitig nicht vorstellen, uns nicht in den anderen hineinversetzen können: die Lieben, die schrecklichen Ängste, die Wut, die Leidenschaft. Es gibt zu viel Feindschaft zwischen uns, zu wenig Neugier".

Hier könne das Fiktive, das Imaginäre, das Subjektive, eben: das Freie im Erzählen eine Brücke sein: "Lest Geschichten, liebe Freunde. Sie werden euch viel erzählen".

Am Freitag ist Amos Oz in Jerusalem gestorben. Er wurde 79 Jahre alt. Fania Oz-Salzberger, die Tochter des Schriftstellers, gab den Tod ihres Vaters auf Twitter bekannt: "Mein geliebter Vater ist heute an Krebs gestorben. Er starb ruhig und im Schlaf, umgeben von seinen Lieben. Bitte beachten Sie unsere Privatsphäre. Ich werde keine Telefonanrufe beantworten. Ich danke allen, die ihn geliebt haben."



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