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Palästina-Konflikt: Der Verrat als Notwendigkeit

Von Stephan Lohr

U.S.-Außenminister Kerry, israelischer Premier Netanyahu: Realpolitisches Kalkül Zur Großansicht
REUTERS

U.S.-Außenminister Kerry, israelischer Premier Netanyahu: Realpolitisches Kalkül

Israels berühmtester Schriftsteller erzählt vom Verrat als kreativem Prozess: Amos Oz' "Judas" ist auch eine Anregung, sich im Nahost-Friedensprozess von eingefahrenen Denkmustern zu lösen.

Die Erzählweise von Amos Oz gerät (auch in der Übersetzung durch Mirjam Pressler) so eindringlich, dass man den Autor zu hören meint. Einen Autor, der sich nicht scheut, einige Formulierungen wieder und wieder aufzunehmen und zu wiederholen, etwa, wenn er die das Gesicht rahmende, wilde Haarpracht seiner Hauptfigur Schmuel Asch schildert oder den Geruch von Veilchenduft und Shampoo, den Atalja Abrabanel verströmt und damit Begehrlichkeiten bei Schmuel Asch weckt.

Zusammen mit dem sehr alten, auf Krücken angewiesenen Gerschom Wald verbringen der Mittzwanziger Schmuel und die 45-jährige Atalja den unwirtlichen Winter 1959/60 in einem heruntergekommenen Haus.

Vom Lesen, Schreiben, Reden, Schweigen, von Trauer und ein wenig auch von der Liebe in diesem Haus erzählt der Roman in beklemmenden, meist nachtdunklen Bildern.

Gegner der israelischen Staatsgründung

Schmuel Asch hat sein Studium geschmissen, seine Freundin hat ihn verlassen, schließlich versiegt der finanzielle Zuschuss der Eltern, weil die kleine Firma des Vaters in Konkurs gegangen ist.

Also bewirbt er sich erfolgreich im Haushalt Abrabanel/ Wald um die Stelle eines Gesprächspartners für den körperbehinderten 70-jährigen Wald, dem er allabendlich Gesellschaft leisten soll: gegen Kost, Logis, ein Taschengeld und die Zusicherung absoluter Geheimhaltung seiner Tätigkeit.

Der Alte und der gescheiterte Student kommen ins Gespräch, über Stunden erörtern sie vor allem Themen der jüdischen Geschichte. Allein die Rolle der Atalja, deren Äußeres Schmuel zunehmend für sie einnimmt, bleibt dubios. Immerhin erfährt Schmuel, dass sie die Tochter von Scheatiel Abrabanel ist, jenes Mannes, der als entschiedener Gegner der israelischen Staatsgründung und ihres Repräsentanten Ben Gurion Berühmtheit erlangt hatte. Dann aber wegen seiner vielen Kontakte zu Arabern als Verräter geächtet wurde.

Streiter für die Zwei-Staaten-Lösung

Amos Oz hat, als er sich im November 2014 in Hamburg für den erstmals verliehenen Siegfried-Lenz-Preis bedankte, Anmerkungen zum Typ, zur Rolle und Funktion des Verräters gemacht: "Ich bin mehrfach in meinem Leben so bezeichnet worden. Das erste Mal war ich ungefähr acht Jahre alt, es war noch zur britischen Besatzungszeit, da hatte ich mich mit einem dicken, asthmatischen Sergeant angefreundet. Er hat mir ein bisschen Englisch beigebracht und ich ihm im Gegenzug ein paar Brocken Hebräisch..."

Oz erinnerte daran, wie oft er noch immer wegen seines Eintretens für einen palästinensisch-israelischen Kompromiss als Verräter beschimpft werde. Oz gehört zu den Gründern der peace-now-Bewegung und streitet für die Zwei-Staaten-Lösung. "In meinem neuen Roman werden auch einige Personen als Verräter bezeichnet, einschließlich Judas Ischariot, doch eigentlich sind sie die idealistischsten, eifrigsten und hingebungsvoll Gläubigen gewesen".

Tatsächlich nähern sich die Nachtgespräche des Romans dem Verratsthema. Zuvor kommt es zu behutsamen Annäherungen zwischen Schmuel und der spröde-stolzen Atalja, die einer Art geheimdienstlicher Tätigkeit nachzugehen scheint. Sie gesteht Schmuel, dass sie die Witwe von Micha Wald, dem Sohn des alten Wald sei. Der sei im ersten Jahr ihrer Ehe und am zweiten Tag des arabisch-israelischen Unabhängigkeitskrieges gefallen.

Judas Liebe zu Jesus

Das junge Ehepaar hatte zusammen mit seinen Vätern in jenem Haus gelebt. Nach Michas Tod beschwiegen sich die alten Männer. Atalja und ihr Schwiegervater blieben nach dem Tod des friedensbeseelten Scheatiel Abrabanel weiter in diesem Haus.

Schmuel erfährt von der Witwe und ihrem Schwiegervater weitere Details: Sie erörtern die utopische Denkweise des alten Abrabanel, referieren Voraussetzungen und Positionen der Staatsgründung, die dem Völkerbund-Mandat für Palästina folgte und noch im Mai 1948, dem Monat der Unabhängigkeitserklärung durch David Ben Gurion, zum ersten israelisch-arabischen Krieg führte, in dessen Folge Israel erhebliche Territorialgewinne machte, der Region indes andauernder Unfrieden beschert wurde.

Vor diesem Hintergrund erscheinen die friedensutopischen Konzepte des zum Verräter stigmatisierten Abrabanel, der die kriegerischen Konsequenzen der Aufteilung Palästinas vorhergesagt hatte, als immerhin bedenkenswerte Argumente im abendlichen Gespräch zwischen Gerschom Wald und Schmuel Asch.

Die Darstellung der umfassenden Dialoge erfährt dramatische Unterbrechungen. Etwa durch eine schwere Erkrankung des alten Wald, einen Unfall, den Schmuel erleidet oder die sexuelle Begegnung Schmuels mit Atalja. Miteinander vertrauter geworden, besprechen Schmuel und Gerschom schließlich leidenschaftlich die so widersprüchlichen Facetten des Verrats am Beispiel des Judas Ischariot, des zwölften Jüngers Jesu.

Eben des Mannes, der für die Kreuzigung und den Tod verantwortlich war und dessen Name zum Synonym für Verräter wurde. Doch wie hätte sich das Werk des Gottessohnes ohne seinen Tod als Voraussetzung der Auferstehung vollenden können? Entsprach dieser Verrat nicht der Vorsehung des Allmächtigen? Beweist nicht auch der Selbstmord des Judas, der an das ausbleibende Wunder eines lebendigen, ja triumphalen Kreuzabstieges geglaubt hatte, seine Loyalität und Liebe zu Jesus Christus?

Radikale Abweichung vom Mainstream

Der Romancier Amos Oz wirkt auch als kritischer Intellektueller. So dass man sich fragt, was bedeutet diese Erzählung über Zweifel am Konzept der Staatsgründung und über Judas, einen vielleicht notwendigen Verräter, für den Nahost-Diskurs?

Oz gibt mit der Form des Romans eine Antwort. Den mag er nicht verstanden wissen als Intervention im politischen Streit. Die so mutige wie dramatisch inszenierte künstlerische Auseinandersetzung appelliert an die Fantasie, den idealistischen Verrat als radikale Abweichung vom Mainstream zu denken.

Auch als Anregung, vermeintlich realitätsferne Konzepte auf ihr Potenzial für unkonventionelle Lösungen zu untersuchen, lässt sich dieser Roman lesen. Zumal das realpolitische Kalkül Israel und seine Nachbarn bisher nicht zu friedlichen Lösungen hat finden lassen.

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