9/11-Buch "Der amerikanische Architekt" Mohammad spaltet die USA

Ein Denkmal für die Opfer? Oder ein Paradies für Märtyrer? In Amy Waldmans Gesellschaftsroman "Der amerikanische Architekt" soll eine Gedenkstätte am Ground Zero entstehen. Als ein Muslim die anonyme Ausschreibung gewinnt, eskaliert die Lage.

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"New York Times"-Journalistin Amy Waldman: Psychogramm der US-Gesellschaft
Pieter M. van Hattem/Vistalu

"New York Times"-Journalistin Amy Waldman: Psychogramm der US-Gesellschaft


Ein 9/11-Roman ohne 9/11: Auf den mehr als 500 Seiten von Amy Waldmans Debüt "Der amerikanische Architekt" taucht der Begriff kein einziges Mal auf. Ebenso wenig die Bezeichnung Ground Zero. Obwohl sich doch alles um diesen Ort dreht.

Die Handlung spielt im Jahr 2003. Eine 13-köpfige Jury ist beauftragt, den Sieger einer anonymen Ausschreibung für die Gedenkstätte am früheren World Trade Center zu wählen. Nach zähen Gesprächen entscheidet man sich für einen Kandidaten - und stellt entsetzt fest, dass der Gewinner Mohammad Khan heißt. Ein Muslim, der den Opfern eines islamistischen Anschlags ein Denkmal setzen soll: Darf man das? Und, ebenso bedeutsam: Darf man eine solche Frage überhaupt stellen?

In Amy Waldmans Roman über das größte Trauma der neuzeitlichen US-Geschichte geht es um Gedanken, die man aus politischen Gründen nicht auszusprechen wagt, um Wörter, die lieber verschwiegen werden. Und um Namen.

Mohammad, der von seinen Freunden Mo genannt wird und in den USA aufgewachsen ist, hat keinen Bezug zum Islam. Er ist der Prototyp des Durchschnittsamerikaners: karriereorientiert, egozentrisch, weitgehend unpolitisch. Doch sein Name reicht zur Provokation: Opferverbände demonstrieren, konservative Moderatoren hetzen in ihren Shows gegen Khans Entwurf "Der Garten", weil sie darin ein "Paradies für Märtyrer" entdeckt zu haben glauben. Die Gedenkstätte spaltet die Nation.

Schon auf den ersten Seiten des Buchs wird klar, dass es um weit mehr geht, als um ein Denkmal - nämlich um die Deutungshoheit über ein Gelände, das für viele US-Amerikaner ein Symbol der Niederlage, Trauer und Demütigung darstellt. Streit herrscht darüber, was am Ground Zero entstehen soll: ein Mahnmal für zukünftige Generationen oder ein Rückzugsort für betroffene Angehörige? Der Konflikt wird sich bis zum Ende des Buches hochschaukeln.

Psychogramm der US-Gesellschaft

Amy Waldman, die als Journalistin der "New York Times" über die Anschläge berichtete, entwirft das Psychogramm einer zutiefst verunsicherten Gesellschaft. Damit unterscheidet sich ihr Werk von anderen 9/11-Romanen: Jonathan Safran Foers "Extrem laut und unglaublich nah" oder Don De Lillos "Falling Man", die sich mit den Nachwehen des Anschlags beschäftigt hatten, indem sie Einzelschicksale erzählten.

Waldman beschränkt sich nicht auf Einzelpersonen, sondern entwirft in ihrem Werk ein Panorama der New Yorker Bevölkerung: Unter den Figuren des Buchs sind Terroropfer, Islamkritiker, Einwanderer, Aktivisten und Funktionäre. Auch deshalb wurde Waldmans Roman, der die US-Bestsellerlisten erstürmte, mit Tom Wolfes Gesellschaftssatire "Fegefeuer der Eitelkeiten" verglichen.

Ähnlich wie bei Wolfe, geht es bei Waldman darum, wie ein Fall instrumentalisiert wird: von machthungrigen Politikern, von islamischen Verbänden und natürlich auch von den Medien. Deren Vertreterin, die Journalistin Alyssa Spier von der "New York Post", ist die unsympathischste Figur. Und die einzige, die sich im Laufe des Romans nicht weiterentwickelt. Alle anderen müssen ihre Überzeugungen in Frage stellen, wirken mal erhaben, dann wieder schmerzhaft kompromisslos.

Seit 2011 hat New York übrigens tatsächlich eine Gedenkstätte am Ground Zero. "Reflecting Absence" nach einem Entwurf des Architekten Michael Arad besteht aus zwei Wasserbecken, die auf dem Fundament der ehemaligen Türme stehen. Streit gab es nur in Bezug auf die Kosten für das anliegende Museum.

Offensichtliche Parallelen hat die Gedenkstätte in Waldmans Roman aber zu einem anderen Bauprojekt in New York: dem religiösen Kulturzentrum Park51, das als "Ground-Zero-Moschee" verschrien wurde. 2010 hatte die Idee, ein islamisches Gebäude in die Nähe des Anschlagortes zu legen, tausende Demonstranten auf die Straße getrieben, angestachelt - wie in Waldmans Buch - von der "New York Post".

Während Park51 in reduzierter Form fertig gestellt wurde, geht Waldmans Erzählung weniger friedlich aus - die Fassade der vermeintlich toleranten New Yorker Gesellschaft ist brüchig.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Ernst-Wilhelm Händlers "Der Überlebende", Anja Röhls "Die Frau meines Vaters", Marie Darrieussecqs "Prinzessinnen", David Wagners "Leben", Dave Eggers' "Ein Hologramm für den König", Linus Reichlins "Das Leuchten in der Ferne", Alexandre Lacroix' "Kleiner Versuch über das Küssen" und Georges Simenon, Ausgewählte Romane in 50 Bänden.

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insgesamt 10 Beiträge
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laureennamo 10.03.2013
1. Vorurteil!
Schade wirklich! Das es immer noch so viele Menschen gibt, die sehr wenig über den Islam wissen und sich doch so viel Meinung bilden. Wären die Terroranschläge mit christlichen Hintergründe ausgeführt, so hätte man natürlich nicht den Glauben schlecht darstellen lassen! Nur weil es einige Menschen gibt, die mit dem Glauben schlechtes abstellen, heißt es nicht, dass die Religion schlecht ist.
seneca55 10.03.2013
2. Ein nützliches Buch für die lieben Amis
"Nomen est Omen": Mohammad Atta und seine 18 Aktivisten der Al Qaida sollen bekanntlich in die 2 WTC-Türme plus X in NY gestürzt sein. Aus Rache hat die einzige Weltmacht seitdem in der Islamischen Welt Krieg geführt resp. führt noch Krieg mit 100.000en muslim. Opfern und hohen eigenen Verlusten an Gefallen, Verwundeten, Demokratie- und Kapitalkosten von über 3 Trillions USD sowie zusätzlich in den NATO-Staaten. Warum sollten gerade die von Islamisten mehrfach attackierten kapitalistisch-globalisierten NewYorker nicht lernfähig sein und ihren Feinden wie schon den Kriminellen "No Tolerance" entgegenbringen, allein schon aus Selbsterhaltungstrieb, oder?
monologue 10.03.2013
3. @ aeronaut79
Wie ist ihre sogenannte "Selbstliebe" der Nationen (besonders in den USA) zu verstehen? Ist es die Liebe zu allem, was christlich, weiß und konservativ ist oder ist es eine Liebe die auf einer vielfältigen, in vielen Bereichen fortschrittlichen Gesellschaft beruht? Auch wenn mir persönlich auch diese Ansicht sehr suspekt ist, dürfte ein islamisches Zentrum am Ground Zero dann auch kein Grund zur Diskussion sein.
whitemouse 10.03.2013
4. Verfilmung
Da ich mittlerweile außerdienstlich relativ wenig lese, bin ich auf die Verfilmung des Romans mit Tom Hanks sehr gespannt.
kulinux 10.03.2013
5. Zum religiösen Hintergrund
Zitat von laureennamoSchade wirklich! Das es immer noch so viele Menschen gibt, die sehr wenig über den Islam wissen und sich doch so viel Meinung bilden. Wären die Terroranschläge mit christlichen Hintergründe ausgeführt, so hätte man natürlich nicht den Glauben schlecht darstellen lassen! Nur weil es einige Menschen gibt, die mit dem Glauben schlechtes abstellen, heißt es nicht, dass die Religion schlecht ist.
… wurden sie aber doch! Oder haben Sie Informationen, dass Bush, Cheney, Rumsfeld und Rove (schon vor 2001) zum Islam konvertiert wären? Ich nicht. Also, wenn aber wie im Falle des Christentums ALLE FÜHRENDEN VERTRETER Schlechtes und Böses angestellt haben, dann darf man doch wenigstens sagen, dass der (dieser) Glaube eigentlich nicht missbraucht wurde, sondern sein "Gebrauch" sich genau darin manifestiert. Falls Ihnen zum Beleg das Verhalten der christlichen Kirchen in den letzten Jahrzehnten zu widerlich ist, um es wahrzunehmen, lesen Sie doch vielleicht die jetzt 10bändige "Kriminalgeschichte des Christentums" von Karlheinz Deschner. Die ist zwar auch nicht viel beruhigender, zeigt aber gut, dass diese Art "Glauben" zu "praktizieren" zumindest in der christlichen Welt 2000 Jahre Tradition hat. Aber seien Sie gewarnt: Es ist nicht nur eine "Blutspur", die das Christentum durch die Jahrtausende gezogen hat, sondern ein Canyon aus Gewalt, Unterdrückung, Mord und Totschlag. Und das Ganze natürlich immer im Bund mit denen, die am meisten davon profitiert haben. (Kleiner Tipp: in den Kriegen seit 2001 ist das vor allem die Rüstungsindustrie …*und dann schauen Sie mal, wo Cheney, Bush Vater & Sohn und die anderen besonders involviert sind?
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