"Andere Bibliothek" Hans Magnus Enzensberger will kündigen

Anspruchsvoll, eigensinnig und kostbar ist sie, die exklusivste Buchreihe Deutschlands: Die "Andere Bibliothek" wird ihrem Namen voll und ganz gerecht. Ihre Herausgeber Hans Magnus Enzensberger und Franz Greno wollen das Renommierprojekt allerdings vorzeitig beenden. Der Eichborn-Verlag ist not amused.


"Andere Bibliothek"-Herausgeber Enzensberger: Bücher, die man selber lesen will
DPA

"Andere Bibliothek"-Herausgeber Enzensberger: Bücher, die man selber lesen will

Frankfurt/Main - Die Nachricht kam beiläufig per E-Mail und hat dennoch in der Kulturlandschaft bereits für Aufregung gesorgt: Hans Magnus Enzensberger, Herausgeber der "Anderen Bibliothek", will das Projekt nur noch bis September 2005 fortsetzen. Dabei läuft der Vertrag mit dem Eichborn-Verlag, bei dem die exklusive Buchreihe erscheint, erst Ende 2007 aus.

"Die Grundversorgung des Bücher liebenden Teils der Republik mag gesichert sein, doch wer liefert nun den Luxus?", fragte heute die "Frankfurter Allgemeine Zeitung"; die "Süddeutsche Zeitung" sprach vom "größten verlegerischen Projekt der vergangenen zwanzig Jahre". Tatsächlich ist das 1985 gestartete Projekt ein Ausnahmefall im auf Bestseller abgestellten Buchgeschäft.

Monat für Monat brachten Enzensberger und Franz Greno Titel heraus, die sie nach eigener Aussage selbst gern lesen würden. Liebevoll gestaltet und aufwändig von Enzensberger und dessen Mitarbeiter Rainer Wieland lektoriert, formierte sich über die Jahre ein Buchprojekt, das weit über den Tellerrand der Genregrenzen hinausblickte und mit Titeln wie dem Berliner Tagebuch der Anonyma und Asfa-Wossen Asserates "Manieren" sogar veritable Verkaufserfolge verbuchen konnte.

Wenn es nach den Herausgebern geht, soll mit dem für September angekündigten Band 249, Otto Kallschauers "Wissenschaft vom lieben Gott", allerdings Schluss sein. "Wir wollen einfach nicht mehr", erklärte Mit-Herausgeber Greno der dpa. Grund für die vorzeitige Vertragskündigung könnten die personellen und wirtschaftlichen Turbulenzen in dem börsennotierten Eichborn-Verlag sein. Seit dem Börsengang des Unternehmens im Jahr 2000 gab es wiederholt Wechsel an der Spitze des Managements. Greno äußerte in diesem Zusammengang gegenüber der dpa, die Bedingungen, die heute im Verlagsgeschäft gälten, seien "sehr viel schwieriger geworden".

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Schwierigkeiten, dies räumte Eichborn-Vorstand Matthias Kierzeck heute ein, habe es tatsächlich gegeben. So soll sich Enzensberger für das im September angelaufene Humboldt-Projekt mehr Marketing gewünscht haben. Dabei war die Herausgabe der drei wichtigsten Werke des Wissenschaftlers und Naturforschers Alexander von Humboldt ein umfassender Erfolg. Trotz des hohen Preises sollen bisher rund 100.000 Exemplare verkauft worden sein, wobei Eichborn stolze 1,5 Millionen Euro in das Projekt investiert hat.

Sollten Enzensberger und Greno Eichborn den Rücken kehren, kann der Verlag die "Andere Bibliothek" zwar weiterführen, ohne die beiden prominenten Herausgeber würde die Reihe jedoch erheblich an Prestige einbüßen. Greno selbst hielt sich heute bedeckt, ob er mit Enzensberger ein anderes Verlagshaus für seine Projekte suchen will. Die dpa spricht unterdessen von brancheninternen Gerüchten, denen zufolge eine Kollaboration von Enzensberger mit dem Hanser Verlag möglich sei. Auch Suhrkamp werde als möglicher Partner gehandelt, zumal Enzensberger dort seit Jahrzehnten Hausautor ist.

Vielleicht wird Deutschlands anspruchsvollste Edition also bald Gegenstand eines ganz prosaischen Rechtsstreits sein. Eichborn besteht darauf, dass der Vertrag bis Ende 2007 fortgesetzt wird - Kündigung hin oder her. Außerdem seien mit einigen Autoren schon Verträge bis Mitte 2006 abgeschlossen worden. Die will sich Greno aber im Einzelnen vorlegen lassen, um dann von Fall zu Fall zu entscheiden.



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