Bestseller-Autor Eschbach "Politik und Science Fiction sind nicht fern voneinander"

Lichtjahre entfernte Galaxien sind seine Welt: Bestseller-Autor Andreas Eschbach kennt sich aus mit Zukunftsszenarien. Ein Gespräch über das Politische an Science Fiction und den Kampf gegen Desillusionierung.

Futuristische Stadt (Symbolbild)
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Futuristische Stadt (Symbolbild)

Ein Interview von


Zur Person
  • Olivier Favre/ Bastei Lübbe
    Andreas Eschbach, Jahrgang 1959, ist Bestsellerautor vieler Science-Fiction-Bücher, darunter "Das Jesus-Video", "Ausgebrannt", die "Out"-Reihe, zuletzt erschien "NSA" (Lübbe, Herbst 2018). Er lebt in der Bretagne. In seiner Zukunft liegt ein neuer Perry Rhodan-Roman: ein 850-Seiten dickes Prequel zur legendären Reihe, das im Februar bei S. Fischer erscheint.

SPIEGEL ONLINE: Herr Eschbach, Sie schreiben Science-Fiction-Romane. Wir schaffen es meist gerade einmal, das nächste Kalenderjahr im Blick zu haben. Sie werfen Ihre Phantasie um Lichtjahre voraus. Wie geht das?

Andreas Eschbach: Das ist lebenslanges Training. Ich habe schon immer gerne Extreme von Regeln, Abläufen, Möglichkeiten ausgelotet. Ich bin von Hause aus Ingenieur, nicht Germanist: Ich habe Luft- und Raumfahrttechnik studiert, lange als Softwareentwickler gearbeitet. Da denkt man in größeren Zusammenhängen, in Machbarkeit, Abläufen, Strukturen. Ich versuche, meine Welten so zu konstruieren, dass sie auch funktionieren würden: wie ein Tankfüllsystem oder ein Bugrad. Es ist alles eine Frage der Vorausberechnung.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Zukunftsromane sind Bestseller. Aber wozu denn überhaupt übers Überüberübermorgen schreiben?

Eschbach: Um eine bestimmte Entwicklung der Zukunft zu verhindern. Um zu sagen: Hört zu, Leute, wenn wir das weiter so und so machen, läuft es auf das und das hinaus. Wollen wir das? In der Regel sind die Geschichten so geschrieben, dass die Antwort lautet: Nee, wollen wir nicht. Ob das nun George Orwell mit "1984" ist oder Aldous Huxley mit "Schöne neue Welt": Es sind Appelle an die Leser, in eine andere Richtung abzubiegen.

SPIEGEL ONLINE: Also ist Science Fiction für Sie vor allem eines: hochpolitisch?

Eschbach: Genau. Politik und Science Fiction sind nicht fern voneinander. Für beide ist die Frage zentral: Wie geht es weiter mit uns?

SPIEGEL ONLINE: Und? Wie geht es weiter?

Eschbach: Wieviel Zeit haben Sie? Es gibt viele Horrorvorstellungen, sei es mit Blick auf unsere Umwelt, das Klima, die Energieversorgung. Oder auch die Vernetzung in den Sozialen Medien. Ich habe einen Roman über die Möglichkeit geschrieben, Hirne direkt miteinander zu vernetzen...

SPIEGEL ONLINE: … ... die Jugendromanreihe "Out" ...

Eschbach: ... aber kaum waren die Romane erschienen, hörte ich, dass es solche Experimente mit Rattenhirnen gibt und auch beim Menschen versucht wurde, Gedanken auf elektronischem Weg zu übertragen. Was in der Konsequenz dazu führen würde, dass wir als Individuen aufhören zu existieren. Kurz: Es sind viele ungute Entwicklungen für die Zukunft denkbar.

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Andreas Eschbach:
NSA - Nationales Sicherheits-Amt

Lübbe; 800 Seiten; 22,90 Euro

SPIEGEL ONLINE: Okay, schreiben um das Schlimmste zu verhindern. Nun gibt es neben Ihrem Erdölkritik-Roman "Ausgebrannt" eine ganze Reihe Ökothriller, bis hin zur Anti-Atomkraft-Netflixserie "Dark". Und trotzdem wird der Hambacher Wald abgeholzt. So richtig scheinen die fiktionalen Dystopien nicht zu helfen, oder?

Eschbach: Ja, leider verändern Romane den Lauf der Welt nicht, sie können ihn nur kommentieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie motivieren Sie sich da, morgens noch aufzustehen?

Eschbach: Es ist manchmal schon desillusionierend. Vor allem, wenn immer wieder alte Diskussionen aufkommen, etwa über die Wahlcomputer. Jeder sollte inzwischen wissen, dass es Quatsch ist, mit Computern zu wählen. Auch darüber habe ich einen Roman geschrieben und erklärt wieso. Wenn dann wieder die gleichen Argumente kommen, frage ich mich schon: Okay, wieso schreibe ich überhaupt darüber? Es liest ja doch niemand. Oder die, die es lesen, sind die, die es nicht lesen müssten.

Wahlcomputer
DPA

Wahlcomputer

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mal formuliert: "Die Geschichten, die wir uns über die Zukunft erzählen, können unsere Zukunft beeinflussen". Welche sollen wir uns denn erzählen?

Eschbach: Es ist gefährlich, sich Geschichten zu erzählen über die Zukunft und dabei die negativen Entwicklungen zu beschönigen oder unter den Tisch kehren. Wenn wir uns gegenseitig versichern, dass alles prima ist, während im Hintergrund schon die Abrissbirne auf uns zu kommt, tun wir uns keinen Gefallen. So verhindern wir, dass wir mögliche Gegenmaßnahmen ergreifen. Wenn wir uns andererseits die Zukunft so schwarz malen, dass das Gefühl entsteht, man kann sowieso nichts mehr tun - und dann eben nichts tut, ist es genau so verderblich.

SPIEGEL ONLINE: Ist das ein Plädoyer für die Goldene Mitte?

Eschbach: Nein. Eher für möglichst großen Realismus. Gerade wohlmeinende Umweltschützer neigten in der Vergangenheit dazu, Entwicklungen zu übertreiben. Wenn die Projektion vom durch sauren Regen bedingten Waldsterben gestimmt hätte, dürften wir seit 1995 keinen Wald mehr in Deutschland haben. Solche Irrtümer haben die Glaubwürdigkeit von Prognosen beschädigt.

Waldsterben (Symbolbild)
DPA

Waldsterben (Symbolbild)

SPIEGEL ONLINE: Wo lagen Sie selbst daneben?

Eschbach: Ich war zum Beispiel fest davon ausgegangen, dass die Atomenergie keine Zukunft mehr hat. Da habe ich mich wohl geirrt.

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben auch viele Jugend-Science-Fiction-Serien: Welche Welt entwerfen Sie mit solchem Wissen der kommenden Generation?

Eschbach: Meine optimistischste Serie ist da wohl das Mars-Projekt: über eine Welt, in der es keine Wertunterschiede zwischen den Völkern gibt, eine Welt der Möglichkeiten, in der unsere heutigen Probleme überwunden sind. Es gibt immer noch politische Streitigkeiten, aber in einer Weltregierung. Es gibt immer noch Verschwörungen, aber sie werden rechtzeitig aufgedeckt. Die Mars-Projekt-Welt ist eine der Chancengleichheit, eine, die selbst eine Zukunft hat.

SPIEGEL ONLINE: Also doch eine Utopie?

Eschbach: Meine Grundthese ist: Selbst wenn es uns in einer Million Jahren noch geben sollte, sind wir immer noch getrieben von Leidenschaften, edlen und niederen Beweggründen in dem ganzen Durcheinander, das wir Leben nennen. Und genau so statte ich meine Figuren aus, mit allen menschlichen Facetten. Selbst wenn es auf dem Mars oder in der Andromeda-Galaxis stattfindet: Es wird sich nicht so sehr unterscheiden von dem, was wir kennen. Nur ausgestattet mit anderen technischen Spielzeugen.

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
achim j. 21.12.2018
1. Bitte an die Redaktion
Lichtjahre sind keine Zeiteinheit, sondern eine Entfernungseinheit. sollte jemand, der ein Interview mit einem Science-Ficton-Autor führt, eigentlich wissen
ekel 22.12.2018
2. Gelesen
Sehr geehrter Herr Eschbach Ich habe Ihren Roman mit den Wahlcomputern gelesen. Ich kann mich leider nicht mehr an den Titel erinnern, irgendetwas wie „Ein König für Deutschland“, glaube ich. Ich war damals jung und nicht an Themen wie Politik und Wahlmanipulation etc. interessiert, Ihr Buch hat dies geändert. Ich habe begonnen, Computergesteuertes zu hinterfragen und mich mit der Manipulation und Korrumpierung von Menschen zu beschäftigen (nur hobbyweise). Noch immer hat diese Geschichte Auswirkungen auf mein Leben. Z.B. bin ich in einer Firma von 50‘000 Mitarbeitern eine der wenigen, die ihr Diensthandy nicht per Fingerabdruckscan entriegelt und ich beobachte die Vernetzung von z.B. Autos mit kritischer Neugierde. Dieses eine Buch, von dem Sie manchmal denken, niemand hätte es sich zu Herzen genommen hat mein Leben sehr beeinflusst und tut dies noch heute. Es hat mich zu einem kritischer denkenden Menschen gemacht. Danke dafür.
Simon-f 22.12.2018
3. Eschbach
Ich habe, denke ich zumindest, die meisten Eschbach-Bücher gelesen (obwohl mir besonders bei den Jugendromanen welche fehlen). Ich bin meist sehr begeistert über den Detailgrad des jeweiligen Themas. Mein Einstieg war damals "Eine Billion Dollar", welches einfach brillant war. Ebenso gut fand ich "Das Jesus-Video" (obwohl mich der Titel lange vom Lesen abgehalten hat), "Der letzte seiner Art", "Ausgebrannt", "Ein König für Deutschland", "Herr aller Dinge" (das besonders; hab ich glaube ich schon 4x gelesen mittlerweile) und zuletzt "NSA". Vielleicht sprechen mich die Bücher auch deshalb so an, weil ich auch eher technisch unterwegs bin (als Software Entwickler) - aber es sind wirklich hervorragende Geschichten. Die wenigen Ausnahmen, die mir nicht gefallen haben ("Todesengel", "Teufelsgold"), gehören für mich in die Kategorie "Vermutlich muss er aufgrund des Vertrags mit dem Verlag in Zeitraum X etwas liefern und hatte nicht ausreichend Zeit für die übliche Tiefe". Trotzdem bestelle ich weiter jedes Buch vor, sobald es angekündigt ist. Ich freue mich jedes Mal, sobald ein neues Buch angekündigt wird und bin schon vor dem Start traurig, dass es nach so kurzer Zeit wieder vorbei ist.
sardor99 22.12.2018
4.
"SPIEGEL ONLINE: Okay, schreiben um das Schlimmste zu verhindern. Nun gibt es neben Ihrem Erdölkritik-Roman "Ausgebrannt" eine ganze Reihe Ökothriller, bis hin zur Anti-Atomkraft-Netflixserie "Dark". Und trotzdem wird der Hambacher Wald abgeholzt. So richtig scheinen die fiktionalen Dystopien nicht zu helfen, oder?" 'Dark' ist eine Anti-Atomkraft Serie?? Was hab ich dann da auf Netflix gesehen? Erdöl, Atomkraft und trotzdem wird der Hambacher Wald abgeholzt (bzw. eben noch nicht) wegen Braunkohle! Muß alles böse sein, oder wo ist der Zusammenhang?
wettersbach 22.12.2018
5. Atomkraft und Hambacher Forst
Der Hambacher Forst wird abgeholzt (oder hoffentlich doch nicht?), weil wir zur Sicherung der Stromversorgung noch lange auf die Braunkohle angewiesen sind. Das wäre wohl anders, wenn wir statt auf Kohle auf Kernkraft gesetzt hätten wie die Franzosen, die fast ihren ganzen Strom atomar erzeugen. Herr Eschbach sagt: "Ich war fest davon ausgegangen, dass die Atomenergie keine Zukunft mehr hat. Da habe ich mich wohl geirrt." Das wundert mich, denn einem naturwissenschaftlich gebildeten SF-Autor hätte doch eigentlich klar sein müssen, dass die klimafreundliche, weil CO2-freie Kernenergie angesichts des Klimawandels noch lange global eine wichtige Rolle im Energiesektor spielen würde. Aber was Deutschland angeht, hat er freilich recht behalten. Bei uns ist das Thema Kernkraft erledigt.
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