Das Werk Andrej Tarkowskis: Polaroids eines Wahrheitssuchers

Von Tom Vargen

Die größten Regisseure haben ihn verehrt. Ingmar Bergmann und Lars von Trier nannten ihn ihr Vorbild. Für nicht wenige ist er einer der wichtigsten Filmemacher des 20. Jahrhunderts. Jetzt erscheint eine große Werkbiografie über Andrej Tarkowski.

Das Werk Andrej Tarkovskijs: Polaroids eines Wahrheitssuchers Fotos
Schirmer/ Mosel

Er ist ein Unbekannter geblieben unter den ganz Großen. Auch wenn sein Werk von seinem ersten Kinofilm an bewundert und ausgezeichnet wurde: Andrej Tarkowski ist nie in den Cinedoms dieser Welt angekommen. Dafür ist sein Werk dann doch zu rätselhaft geblieben.

Der Verlag Schirmer/Mosel zeigt nun mehr als 25 Jahre nach Tarkowskis Tod dessen Werk und Leben in einer noch nie dagewesenen Vollständigkeit. Die Film-Stills aus seinem Werk, endlich in Ruhe betrachtet: Glaubensbekenntnisse eines Wahrheitssuchers. Sie fügen sich zu einem Ganzen zusammen, das ein tiefes Verständnis von Tarkowskis Werk erlaubt, von seiner Haltung, seinem spirituellen Weltzugang. Der Verlag hat in Zusammenarbeit mit Tarkowskis Sohn Andrej private Aufnahmen zu einem Familienalbum zusammengestellt. Sie werden ergänzt von Polaroids, die der Filmemacher von seiner Familie, seiner Heimat und am Set gemacht hat.

Das vorliegende Buch ergänzt diese Dokumente um Schreiben an Tarkowski und um Texte über ihn - Stimmen seiner Begleiter und prominenter Bewunderer. Darunter Sartre, der den Filmemacher leidenschaftlich verteidigt, als "Ivans Kindheit" 1962 in den italienischen Zeitungen in die Kritik gerät. Diese und auch die autobiografischen Texte runden das Gefüge ab. Allein, man hätte sich gewünscht, dass in dem Ganzen mehr Raum für die Hintergründe der Filmwerdung gewesen wäre, für die oft verzweifelte Arbeit des Regisseurs an seinem Werk.

Die rätselhaften Bilder einer rätselhaften Welt

Denn grob gesagt: Tarkowskis Filme handeln nicht wirklich von etwas. Dennoch zeigen sie fast alles: "Das Unendliche kann man nicht materialisieren", so Tarkowski, "man kann nur dessen Illusion, dessen Bild schaffen." Und wenn es eine rätselhafte Welt ist, so sei auch das Bild von ihr rätselhaft. Das klingt nach beinhartem Arthouse-Stuff, ist aber eigentlich ganz einfach. Man muss nur loslassen können vom ewigen Verstehenwollen. Wovon wird in "Stalker" erzählt, in "Solaris"? Das könnte in einem Satz gesagt werden. Aber genauso gut kann man es verschweigen, denn der Science-Fiction-Plot ist in "Solaris" ohne Bedeutung, die abenteuerliche Geschichte in "Stalker" nur Vorwand. Worum es wirklich geht? Um das Ganze. Um das Geheimnis des Menschen.

Tarkowski hat immer gekämpft. Gegen die Zensur, gegen die Kameramänner, das Filmmaterial. Die lange Szene in seinem letzten Film, das "Opfer", in der das Haus verbrennt, sie musste wiederholt werden, weil die Kamera defekt war. Es gab noch vorhandenes Material, das reichte Tarkowski nicht. Seine Mitarbeiter müssen verrückt geworden sein, als er nach einem komplett neuen Haus verlangte. Vielleicht, weil es immer ein Kampf war, ist das Werk Tarkowskis von dieser tiefen Ernsthaftigkeit geprägt, die uns heute so fremd erscheinen mag.

Natürlich brauchen die Filme Tarkowskis Zeit, sich zu entfalten, drei Stunden Laufzeit sind die Regel. Insofern passen seine Filme hervorragend zu den Entschleunigungsszenarien, die aktuell überall entworfen werden. Lars von Trier behauptet, den "Spiegel" dennoch 30-mal gesehen zu haben. Er tut das wahrscheinlich, weil es ein Genuss ist für ihn. Und ein einzigartiger Erkenntnisgewinn obendrein. Ein Gegenentwurf zum Hollywood-Groß-Kino.

Ingmar Bergmann, der andere große europäische Autorenfilmer, hat Tarkowski bewundert, hielt ihn für den Größten. Weil er das Kino zu einem großen Traum gemacht habe. Tarkowski stellt sich mit seinen Filmen gegen die Technokraten, die Rationalisten. Seine Filme sind daher nicht im herkömmlichen Sinne zu "verstehen", auch ist er kein Erklärer und schon gar kein Welterklärer. So betrachtet sind seine Filme ganz einfach. Einfach schön. Überwältigend. Atemberaubend. Wenn man sich denn darauf einlässt. Auf die Langsamkeit und den Fluss der Bilder.

Das monumentale Buch wird dem Filmemacher auf eine wunderbare Weise gerecht. Es ist eine Einladung und eine Vorlage für alle, die sich trauen, es auch mal mit der ganz großen Kunst zu versuchen.

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insgesamt 14 Beiträge
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1. optional
Wooster 05.11.2012
Ein Unbekannter? Vielleicht bei SPIEGEL-Redakteuren. Ich kenne und liebe ihn, meine Frau kennt und liebt ihn. ...
2. optional
differentPOV 05.11.2012
@Wooster ich kenne und liebe ihn seit ich 16 war und komme, denke ich, bei Stalker und Solaris auch auf meine 20 - 30x Habe gerade russische Freunde verabschiedet und wir hatten uns letzte Nacht dieses gigantische Land mit Google Maps angesehen - es strahlt eine aehnliche Poesie, Verlorenheit und mystische Unzugaenglichkeit aus wie auch die Filme Tarkowskis. Danke fuer den Artikel!
3. Wahrlich kein Unbekannter
cybernic 05.11.2012
Schöner Artikel. Allerdings ist Tarkowski nun wirklich kein Unbekannter. Höchstens bei den weltabgewandten Video-Kids oder Hollister-Jüngern. Der Autor sollte doch aber bitte nicht den Eindruck erwecken, als ob Tarkowski nur eine ganz kleine Randerscheinung der Filmgeschichte wäre.
4.
Agiles 05.11.2012
Andrej Tarkovskij war Mitte der 80er Jahre in Berlin. Er hatte einen Lehrauftrag an der Film- und Fernsehakademie. Ich war dabei, wie er über seine Filme sprach und auch über Filme von anderen Filmemachern. Wir saßen draußen in einem Park mit Bäumen und es schien die Sonne. Er wurde gefragt, wie es dem Filmemacher, ich habe momentan seinen Namen nicht parat, gehen würde, weil der im Gefängnis saß, wegen zu freier Meinungsäußerung in der Sowjetunion. Tarkovskij antwortete, der sei der freieste Mensch, den er kenne. Hinterher und untereinander waren die Studenten empört, dass er so etwas gesagt hat. Ich widersprach und diskutierte, dass er die innere Haltung eines Menschen meinte und die sei unabhängig von der Außenwelt. Für mich ist diese Szene der Diskussion mit Tarkovskij in bleibender Erinnerung.
5. Opfer
schna´sel 05.11.2012
Das ist wirklich ein großartiger Film. Beklemmend und befreiend zugleich. Ich glaube allerdings, dass Tarkowski auch heut kaum ein Chance hätte über die Autorenkino Ebene hinaus zu kommen. So wie der Filmbetrieb organisiert ist und sich selbst organisiert. Ich mag Lars von Trier. Melancholia ist ganz große Klasse. Aber im Unterschied dazu war Tarkowski eben nicht jemand, der seine bereit war seine Neurosen im Dienste seiner Kunst öffentlich zur Schau zu stellen. (Lars von Trier hat ja jetzt auch Konsequenzen gezogen) Die Film Branche lebt, wie jeder andere Zweig populärer Gegenwartskunst auch hauptsächlich von Selbstdarstellung. Das beschränkt die Wahrnehmung der breiten Öffentlichkeit auch der Rezension auf die, die Willens sind, eine Menge Kraft zu investieren um dementsprechend wahrgenommen zu werden. Vielleicht wird man irgendwann auf die aufmerksam werden, die das nicht wollten oder konnten. Die sich nicht zum Opfer einer wohlgefälligen Sozialisation in unsere schöne neue Medienwelt haben machen können. Dazu müsste diese Haus allerdings vermutlich erst einmal abbrennen...
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