Inzest-Roman von Anke Stelling "Primaballerina vögelt mit Sohn? Nee!"

Wie kommt man von Prenzlbergmüttern zu einer Ödipus-Geschichte zweier Körperfixierter? "Fürsorge", der neue Roman der Berliner Schriftstellerin Anke Stelling, verstört - und betört.

Anke Stelling
Nane Diehl

Anke Stelling

Von Barbara Schulz


"Rechenschaft ablegen, Rechtschaffenheit behaupten. So etwas ist Nadja fremd, auf die Idee kommt sie nicht. Sie ist in Städten auf der ganzen Welt zu Hause, hat in New York, Havanna und Sankt Petersburg alles getanzt, was das klassische Ballett hergibt, hat in Hotels gewohnt und mit Choreographen geflirtet, Kaviar gegessen und ihn hinterher wieder ausgekotzt - weil Kaviar zu fünfzig Prozent aus Fett besteht und Nadja, seit sie fünf ist, streng auf ihr Gewicht achten muss."

So beginnt "Fürsorge", der am Weltfrauentag erschienene, neue Roman der Schriftstellerin Anke Stelling. Sie erzählt darin von der Tänzerin Nadja, die ihre Spitzenschuhe mit Mitte 30 an den Nagel hängt, fortan junge Elevinnen unterweist und mit dem drogenabhängigen Komponisten Daniel in einer öden Beziehung lebt. Als sie zum Geburtstag ihrer Mutter nach Leipzig reist, trifft sie ihren Sohn Mario, den sie dort als Baby zurückgelassen hatte. Mario ist mittlerweile 16, sieht gut aus und ist als Bodybuilder ähnlich körperfixiert wie seine Mutter. Die beiden beginnen eine Affäre, die niemanden juckt - nur Gesche, die Erzählerin, die ihr drittes Baby erwartet und sich an Nadjas Fersen heftet.

2015 hatte Stelling für ihren vortrefflichen Prenzlbergmutter-Roman "Bodentiefe Fenster" den Melusine-Huss-Preis gewonnen und wurde vielerorts gefeiert. In feministischen Kreisen jedoch wurde sie auch hart angegangen, weil die Hauptfigur Sandra, wie Stelling beim Kaffee in ihrer Berliner Schreibstube erzählt, "nicht ausbricht und somit kein Vorbild für junge Frauen sei. Sozusagen, wenn man feministisch schreiben wolle, müsse man die Heldinnenreise einer Frau beschreiben."

Was ist Genuss?

Nun ist sie froh, dass "Fürsorge" raus ist. Den Stoff hatte sie nämlich schon vor "Bodentiefe Fenster" am Wickel - doch es fand sich zunächst kein Verlag, weil "Mütter an sich nicht interessant sind, für mich aber schon!". Und für den Verbrecher Verlag ebenfalls: Er nahm Stelling unter Vertrag und brachte beide Bücher heraus.

"Fürsorge" nun ist von härterem Kaliber: Die Figur der Nadja bietet wenig Identifikationsfläche, die Körper der Protagonisten stehen vorn. Es geht um Körperoptimierung, Hoden-Einölen und Sex: "Nadja ist leicht und unnatürlich biegsam. Mario ist schwer und unnatürlich stark. Er betrachtet Nadja als eine seiner Trainingsmaschinen, dazu vorgesehen, die Funktionen seines Körpers zu verbessern. Nadja betrachtet Mario als Gesamtkunstwerk, dazu vorgesehen, ihr Genuss zu verschaffen. Doch woher weiß Nadja nun, was Genuss ist?"

Das ist starker Tobak, der an den Stil von Elfriede Jelinek erinnert, doch Stelling formuliert luftiger und federt das Unbehagen durch lakonische Milieubilder ab, die auch mal zarten Humor zulassen. Während Nadja schön, reich und kalt in ihrer Altbauwohnung haust, ist Mario der Plattenbau-Boy, der neben der Schule im Fitnesscenter jobbt und als Nacktmodell posiert. Sein größter Besitz ist ein BMW, den er einer Wette verdankt: "Er hat sechseinhalb Kilo Gewichte gehoben. Mit dem Schwanz."

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Anke Stelling:
Fürsorge

Verbrecher Verlag; 200 Seiten; 19,00 Euro

Während der Textentstehung hat sich Stelling, die ursprünglich Schauspielerin werden wollte und mit einem Performancekünstler verheiratet ist, viel Performancekunst angesehen, zum Beispiel von der kanadischen Künstlerin Julie-Andrée T. oder Nathalie Mba Bikoro aus Gabun. Prompt sind ihre Beschreibungen der Tanzszenen in "Fürsorge" so dringlich geraten, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen mag - es betört so sehr, wie es verstört.

Nebenher: Kinderbuch und Kinofilm

Doch wie kam Stelling bloß von den Prenzlmüttern zu Ödipus? Sie knetet den Häkeluntersetzer auf dem Tisch und lacht: "Auftragskunst!" Die Regisseurin Isabelle Stever (verfilmte Stellings "Gisela" und "Glückliche Fügung") hatte von der Aktrice Franziska Petri einen Essay bekommen, den Stelling ausarbeiten sollte. Deren erste Reaktion: "Primaballerina vögelt mit Sohn? Nee!" Doch Stever insistierte - und Stelling legte los. "Es war gar kein eigenständiger Text geplant, aber ich merkte, dass dieses Thema doch was mit mir zu tun hat und inwiefern ich da über Mutterschaft, Elternschaft und Einsamkeit erzählen kann." Mittlerweile ist auch der Film in Produktion.

Tatsächlich hat Anke Stelling es geschafft, einen Text zu schreiben, der nicht nach "Auftrag" riecht und als eigenständiges Gesellschaftsporträt fungiert, das die Hilflosigkeit, das Glück und Unglück der Protagonisten, vor allem der Mütter, in jeder Zeile fühlbar macht.

Anke Stelling tanzt derweil auf neuen Hochzeiten: Just im Februar erschien ihr erstes Kinderbuch "Erna und die drei Wahrheiten" (cbt), und sie schreibt immer weiter, denn: "Es sollte mehr Bücher von Frauen, mehr weibliche Hauptfiguren, mehr Geschichten über Mütter und Töchter und über Freundinnen und überhaupt Bücher, die den Bechdel-Test bestehen, geben!"

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
jan_froehlich 21.03.2017
1. sexueller Mißbrauch durch Mütter - kein Thema ?
Ob eine Schriftstellerin ein solches Buch schreibt, ist ihre eigene Entscheidung. Es gibt "Lolita" von Nabokov und die Auseinandersetzung um dieses Buch muss man an dieser Stelle nicht wiederholen. Aber kann man ein solches Buch besprechen - an dieser prominenten Stelle - ohne dass das Thema sexueller Mißbrauch durch Frauen auch nur thematisiert wird ? Es handelt bei diesem Thema - sexueller Mißbrauch durch Frauen - um ein tatsächliches Tabu-Thema wie auch gewalttätige Frauen in Beziehungen - seien es homo- oder heterosexueller Beziehungen. An dieser Stelle kann man schlechterdings keinen Wertungsvorschlag machen oder eine Wertung vorwegnehmen - aber ich kritisiere eine offenkundig vollkommen unachtsame, kritiklose Besprechung, welche aus sich heraus so tut, als ob es das Thema sexueller Mißbrauch durch Frauen nicht gäbe. Der Film "Die Hände meiner Mutter" thematisiert das Thema aufmerksam, behutsam und sehr sorgfältig und interviewt Männer und Frauen dazu. Zumal eine Autorin - die ein Frauenbuch kritisch bespricht - kann an diesem Thema nicht vorübergehen. Diese Kritik hier hält jedoch nicht nur ein Tabu aufrecht, sondern stellt durch ihre Kritiklosigkeit auch eine Form von offenkundiger vollkommener Gleichgültigkeit und damit schon eine Ver- und Mißachtung von durch Frauen mißbehandelten Menschen dar. Da waren wir eigentlich doch schon weiter in den vergangenen Jahren !
Criticz 21.03.2017
2. In der Tat : Der Gedanek muss einem unwillkürlich durch den Kopf
Zitat von jan_froehlichOb eine Schriftstellerin ein solches Buch schreibt, ist ihre eigene Entscheidung. Es gibt "Lolita" von Nabokov und die Auseinandersetzung um dieses Buch muss man an dieser Stelle nicht wiederholen. Aber kann man ein solches Buch besprechen - an dieser prominenten Stelle - ohne dass das Thema sexueller Mißbrauch durch Frauen auch nur thematisiert wird ? Es handelt bei diesem Thema - sexueller Mißbrauch durch Frauen - um ein tatsächliches Tabu-Thema wie auch gewalttätige Frauen in Beziehungen - seien es homo- oder heterosexueller Beziehungen. An dieser Stelle kann man schlechterdings keinen Wertungsvorschlag machen oder eine Wertung vorwegnehmen - aber ich kritisiere eine offenkundig vollkommen unachtsame, kritiklose Besprechung, welche aus sich heraus so tut, als ob es das Thema sexueller Mißbrauch durch Frauen nicht gäbe. Der Film "Die Hände meiner Mutter" thematisiert das Thema aufmerksam, behutsam und sehr sorgfältig und interviewt Männer und Frauen dazu. Zumal eine Autorin - die ein Frauenbuch kritisch bespricht - kann an diesem Thema nicht vorübergehen. Diese Kritik hier hält jedoch nicht nur ein Tabu aufrecht, sondern stellt durch ihre Kritiklosigkeit auch eine Form von offenkundiger vollkommener Gleichgültigkeit und damit schon eine Ver- und Mißachtung von durch Frauen mißbehandelten Menschen dar. Da waren wir eigentlich doch schon weiter in den vergangenen Jahren !
gehen. Stellen wir uns kurz vor die Geschlechterrollen wären genau andersrum verteilt - ein Skandal samt negativer Presse/Rezension wären vorprogrammiert.
dackelger 22.03.2017
3. die unerträgliche leichtigkeit des seins
je mehr tabubrüche in einem titel, desto mehr aufmerksamkeit des gelangweilten lesers
roenga 22.03.2017
4. Mutter 'vögelt'? mit Sohn
Sollte das nicht eigentlich lauten Mutter missbraucht minderjährigen Sohn? Stelle mir einfach nur mal so vor ein Mann schreibt einen Roman, in dem er den sexuellen Missbrauch des männlichen Protagonisten an seiner minderjährigen Tochter schildert und dabei "formuliert (er) luftiger und federt das Unbehagen durch lakonische Milieubilder ab, die auch mal zarten Humor zulassen". Wollen wir wetten, dass die Rezensorin in diesem Fall ganz andere Formulierungen finden würde, mehr so in der Richtung von 'Gewalt gegen Frauen', 'rape culture' oder so ähnlich? Ist schon doll, diese moralische Relativierung bei frauenbewegten Journalistinnen heutzutage.
marty_gi 22.03.2017
5. Erinnerungen
Irgendwie werden da auch Erinnerungen an Bertoluccis "La Luna" wach...... Wie aber alle Vorredner schon mitteilen, das dies faktisch unter "Missbrauch" laeuft, wird hier seitens der Rezensentin komplett ignoriert.
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