Ann Cottens "Der schaudernde Fächer" Brainsex für die durchglobalisierte Generation

Handlung? Welche Handlung? Ann Cottens Erzählungsband "Der schaudernde Fächer" ist ein literarisches Schmuckstück, das seine Qualitäten komplett aus Dichtung und Sprachkunst schöpft.

Schriftstellerin Ann Cotten: Heldin der Sprachabenteuer
obs/ Robert Bosch Stiftung/ Yves Noir

Schriftstellerin Ann Cotten: Heldin der Sprachabenteuer

Von Thomas Andre


Die Figuren in Ann Cottens Erzählungsband "Der schaudernde Fächer" sitzen gerne mal vor dem Späti. Weil man das in Berlin so macht, wenn die Temperaturen danach sind: Bei Cotten ist kein Jahresendgrau in Sicht, aber es ist auch keine Sonne, die auf die eher trübsinnigen Menschen scheint. Der Blick ruht auf einem regenfeuchten Kanaldeckel. "Sie sind nachts roströtlich, warum? Doch nur, weil wir es wissen", erklärt die Erzählerin, in deren Kopf man sich meist befindet in dieser zweiten größeren Veröffentlichung der Austro-Amerikanerin Cotten, die 1982 in Iowa geboren wurde und in Wien aufwuchs. Cotten ist von Hause aus Lyrikerin und eine Entdeckung der Poetry-Slam-Bühne. Ihr erstes Buch bei Suhrkamp war der Gedichtband "Fremdwörterbuchsonette".

Programmatisch ist das Interesse an den Wörtern, sympathisch der bilinguale Zugriff auf die Wirklichkeit. Wenn das weibliche Ich in Cottens Erzählungen über Geschlechtsumwandlungssehnsüchte, Schönheitsideale und Gefühlssublimierungen ("Wie können wir durch die Kraft der Kunst eine deprimierende Liebesaffäre in eine vergnügliche verwandeln?") sinniert, gerät es entweder in einen "embarrassing Zustand" oder führt Selbstgespräche, weil die eben eine reinigende Wirkung haben.

Scheinbar jede Metapher ist erlaubt

Cotten ist jetzt nicht zuletzt wegen der Vermählung des Deutschen mit dem Englischen mit dem Chamisso-Preis ausgezeichnet worden. Die Ehrung wird Autoren zuteil, deren kulturelle und sprachliche Heimat eine andere als die deutsche ist - wobei Cottens Sprachgebrauch ein bemerkenswert spielerisch-zügelloses Element besitzt, das erst einmal nichts mit der Collage unterschiedlicher Sprachen zu tun hat. Ihr poetisches Programm fußt auf einer Libertinage, die sich heute nur noch wenige erlauben: Scheinbar jede Metapher ist erlaubt, auch wenn sie ganz offensichtlich nicht sitzt. Einmal fährt ihr Blick "wie ein Kamm in den Verkehr" - klingt hübsch. Dann wieder heißt es hölzern: "Mein neuestes Steckenpferd war beinah moralischer Art. Die Moral schien mir immerhin ein weites Feld, auf das es mich lockte hinauszureiten. Das Pferd meiner Liebe wurde von meiner Vernunft dressiert, welche vorgab, sich für die landwirtschaftliche Entwicklung von Feldern zu interessieren, eigentlich aber nur immer spazieren ritt und lauthals gegenüber dem Assistenten, welcher von Prätz dargestellt werden musste, fachsimpelte."

Die Männer in Cottens zwischen Essay und Kurzgeschichte changierenden Stücken heißen wirklich "Prätz"; sie fügen sich in ihrer Unzugänglichkeit damit in die hermetische Anmutung von Cottens Sprachfeuerwerk ein, das in einer Art Brainsex das sinnliche Leben unsteter Vertreter der durchglobalisierten Generation buchstabiert, denen exotische Ort wie die Ukraine, Japan oder eben Berlin nicht fremd sind. Die Erzählungen fügen sich zu einem Bewusstseinsstrom, der monologische und dialogische Passagen umspült - und dessen Pointe es ist, am Ende keine Pointen zu haben.

"Dass Liebe eine absichtliche Verirrung ist, weiß ich."

Die Frage ist nur, welchen Erkenntniswert Cottens Spiegelkabinett für den hat, der mit ihrer Sprache nichts anfangen kann. Fortwährend erfindet sich die an keinerlei Handlung interessierte Erzählerin imaginäre Gesprächspartner, narrative Spuren werden sofort verwischt. "Der schaudernde Fächer" ist ein Sprachkunstwerk, das seine Qualitäten komplett aus Dichtung und Sprachkunst schöpft. Die Assoziationsketten, die die Erzählungen durchziehen, sind wie Schmuckstücke, an denen Perlen hängen wie die folgende: "Dass Liebe eine absichtliche Verirrung ist, weiß ich. Ich dachte aber immer, sie sei eine Verirrung in die Wahrheit aus einem Labyrinth von gesellschaftsformenden Lügen."

Geschult ist Cottens Lyrikprosa an der japanischen Literatur, durch deren Lektüre sie zu einer Unbefangenheit im Ausdruck fand, die abstrakte Verbindungslinien zwischen den Gedankenflügen über die Wiedererkennbarkeit realistischer Tableaus stellt. In "Der schaudernde Fächer" hat Cotten das Leben für die Kunst fruchtbar gemacht; mit Gedanken, die in der Wirklichkeit zu gar nichts führen, in der Literatur aber in ein Sprachabenteuer.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Brigitte Kronauers "Gewäsch und Gewimmel", Alice Munros "Liebes Leben", Wolfgang Herrndorfs "Arbeit und Struktur", Jonas Jonassons "Die Analphabetin, die rechnen konnte", James Salters "Alles, was ist", Maxim Billers "Im Kopf von Bruno Schulz", John Williams "Stoner", J. M. Coetzees "Die Kindheit Jesu", Zoë Jennys "Spätestens morgen" und Daniel Galeras "Flut"

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Seite 1
nocheinforist 30.12.2013
1. Schwer nachvollziehbares Wohlwollen
Die Rezension klingt sehr wohlwollend. Das finde ich prinzipiell nett vom Autor, leider erschließt sich aber kein Grund dafür, denn auf der anderen Seite bekommt man den Eindruck vermittelt, Cotton habe nichts zu erzählen (keine Handlung), benutze dafür unpassende Bilder und verkünstle sich in Sprachungetümen ohne inhaltlichen Nährwert. Wenn dem aber so ist, kann ich weder eine wohlwollende Rezension noch irgendwelche Preise nachvollziehen. Ich habe das Buch nicht gelesen, fühle mich durch die Rezension sehr abgeschreckt, es zu tun - und frage mich, ob das wohl im Sinne des Rezensenten war ...
mcx 30.12.2013
2.
Zitat von nocheinforistDie Rezension klingt sehr wohlwollend. Das finde ich prinzipiell nett vom Autor, leider erschließt sich aber kein Grund dafür, denn auf der anderen Seite bekommt man den Eindruck vermittelt, Cotton habe nichts zu erzählen (keine Handlung), benutze dafür unpassende Bilder und verkünstle sich in Sprachungetümen ohne inhaltlichen Nährwert. Wenn dem aber so ist, kann ich weder eine wohlwollende Rezension noch irgendwelche Preise nachvollziehen. Ich habe das Buch nicht gelesen, fühle mich durch die Rezension sehr abgeschreckt, es zu tun - und frage mich, ob das wohl im Sinne des Rezensenten war ...
Ich verstehe Ihren Beitrag nicht ganz. Der Rezensent macht doch mehr als überdeutlich, für wen das Buch was sein könnte, und für wen eher nicht. Wenn Sie einen "Plot" suchen, werden Sie hier so wenig glücklich wie mit Lyrik.
hfftl 02.01.2014
3. .
Zitat: "Ihr poetisches Programm fußt auf einer Libertinage, die sich heute nur noch wenige erlauben: Scheinbar jede Metapher ist erlaubt, auch wenn sie ganz offensichtlich nicht sitzt." Nur noch wenige? Vielleicht sollte der Criticus einmal einen Blick in die SPON-Foren werfen. Er dürfte erstaunt sein, wie viele Foristen sich gerade solche Metaphern immer wieder erlauben.
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