Anna Katharina Hahns "Am schwarzen Berg" Die Katastrophe lauert hinterm Mirabellenbaum

Berufs- und Liebesnöte, Trinker und gebildete Obdachlose: In ihrem Roman Anna Katharina Hahn beschreibt in "Am schwarzen Berg" äußerst stimmungsvoll die Welt jenseits der Fassade Stuttgarter Erfolgsmenschentums. Es ist eines der besten Bücher des Frühjahrs.

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Von allen deutschen Städten dürfte Stuttgart diejenige sein, in der Materialismus und Postmaterialismus am härtesten aufeinandertreffen. Hauptstadt des einzigen Bundeslandes, das von einem Grünen regiert wird, aber auch Sitz von Porsche und Mercedes-Benz. Wohlstand wird hier mittlerweile offen gezeigt, der schwäbische Pietismus in Form des sprichwörtlichen Geizes hat seine Deutungsmacht verloren. Und dann ist da noch der Bau des Bahnhofs - die Grube, an der die Konfliktlinien verlaufen.

Die Stuttgarterin Anna Katharina Hahn, 1970 geboren, ist klug genug, die Ereignisse im Zeltcamp der Parkschützer nur ganz am Rande ihres zweiten Romans vorkommen zu lassen. Und doch spielen sie eine entscheidende Rolle. Hahn erzählt die zunehmend dramatischer werdende Geschichte dreier Paare. Das jüngste, Peter und Mia, Eltern zweier kleiner Jungs, verkörpert geradezu sinnbildlich Materialismus und Postmaterialismus. Während Peter "einer dieser neuen Väter" ist, die sich lieber um ihre Söhne kümmern, als Vollzeit zu arbeiten, schätzt Mia, die sich aus der Unterschicht hochgearbeitet hat, am Karrieremachen einen entscheidenden Faktor: Es bringt Geld ein.

Peter ist eigentlich bei zwei Männern aufgewachsen. Sein leiblicher Vater, noch immer meist abwesend, ist ein erfolgreicher Arzt, der seine Zeit in der Praxis verbringt und glaubt, Seelenprobleme mit Tabletten kurieren zu können. Die entscheidende Vaterfigur für Peter ist der Nachbar Emil, ein Oberstudienrat, der den Kopf randvoll hat mit den weltentrückten Texten der württembergischen Romantik, allen voran denen Eduard Mörikes.

Beides ist zum Scheitern verurteilt

"Am schwarzen Berg" spielt in einem äußert konkreten Stuttgart, mit einer Vielzahl leicht wieder erkennbarer Orte - und doch ist es auch ein Porträt einer Welt, die, bis es zu den Protesten gegen den Bahnhofsbau kam, an den Rand gedrängt war: Die Sphäre der außerhalb der Hierarchie schwäbischen Erfolgsmenschentums stehenden Bücherleser und Träumer vom Schlag des realen, erst spät berühmt gewordenen Schriftstellers und Büchnerpreisträgers Hermann Lenz, der in diesem Roman, ebenso wie Mörike, immer wieder erwähnt wird.

Anna Katharina Hahn hat ein feines Gespür für Schwingungen. Für die menschlichen Schwingungen zwischen ihren Figuren. Und für die, die eine Geschichte braucht, um abzuheben vom Gerüst der Romankonstruktion. "Am schwarzen Berg" ist ein ebenso frei schwebendes wie mitreißendes Ganzes: dicht ineinander verwobene Szenen; die sinnlich geschilderte Atmosphäre der Sommerabende zwischen Häuschen und Mirabellenbäumen am Hang des Talkessels. Eindringliche Hauptfiguren und Nebengestalten: So der gebildete Obdachlose, der seine Tage unter dem Schutz von Emils Frau, einer Bibliothekarin, im Lesesaal der Stadtbücherei verbringt. Er hat an anderer Stelle nebenbei als Pfandflaschensammler einen winzigen Auftritt - eine Skizze, die genügt, um eine ganze andere Dimension des Materiellen anzureißen: die des Elends.

Wie schon in Hahns Debüt "Kürzere Tage" geht es im "Am schwarzen Berg" auch um Alkoholismus, um Berufs- und Liebesnöte, um den Versuch, dem subtilen Grauen eines durchschnittlichen Arbeitnehmerdaseins entweder mit viel Arbeit zu entkommen oder aber dadurch, dass man sich diesem Dasein verweigert. Beides ist hier zum Scheitern verurteilt. Sosehr ein Großteil der Romanfiguren glaubt, die Situation im Griff zu haben, entwickelt sich aus der Trennung von Mia und Peter doch eine Katastrophe - mit angezogener Handbremse. "Am schwarzen Berg" hätte ein Stuttgart-Roman werden können, ein Ereignis von lokaler Bedeutung. Es ist etwas viel Größeres geworden: eine Geschichte vom Nicht-Klarkommen mit der Welt.

Buchtipp

Anmerkung: Bislang fanden Sie an dieser Stelle unsere Kolumnen "Romane des Monats" und "Krimis des Monats". Nun verlässt die Literatur ihr Gehege - Bücher werden auf SPIEGEL ONLINE ab sofort einzeln rezensiert.



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
albert schulz 13.03.2012
1. oberflächlich
Zitat von sysopDPAWar das etwa schon alles? Anna Katharina Hahns "Am schwarzen Berg" beschreibt verzweifelte Versuche, der grauenvollen Existenz eines Angestellten zu entkommen und die Welt zu meistern. Für den fein erzählten Roman ist die Autorin für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,821044,00.html
Kaufe ich trotzdem nicht. Wer auf diese Beschreibung hin kauft, hat ohnehin nicht mehr alle Tassen im Schrank. Laßt doch die Zeit leben mit ihrem Wischmob in Sachen Kultur. Und die vielen kleinen freien Mitarbeiter von Verlagen, die tatsächlich die Bücher noch selber lesen, die sie besprechen, und nicht selten in verständlichem deutsch kommentieren.
krampfader 13.03.2012
2. Dann
Zitat von sysopDPAWar das etwa schon alles? Anna Katharina Hahns "Am schwarzen Berg" beschreibt verzweifelte Versuche, der grauenvollen Existenz eines Angestellten zu entkommen und die Welt zu meistern. Für den fein erzählten Roman ist die Autorin für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,821044,00.html
ist ja alles drin in diesem Roman- außer Literatur
Taske 16.03.2012
3. Ideal
Zitat von sysopDPAWar das etwa schon alles? Anna Katharina Hahns "Am schwarzen Berg" beschreibt verzweifelte Versuche, der grauenvollen Existenz eines Angestellten zu entkommen und die Welt zu meistern. Für den fein erzählten Roman ist die Autorin für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,821044,00.html
Sie sind weiblich, Anfang 40, Mutter zweier Kinder, im Rotweingürtel zuhause und haben Probleme für die sich niemand interessiert? Dann ist dieses Buch genau das Richtige für Sie. Und was "Leipzig" angeht: Die deutsche Gegenwartsliteratur bejubelt sich mal wieder selbst. Leider ohne das es einen nachvollziehbaren Grund dafür gäbe.
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