Anti-Heldinnen-Roman Anfangs stehen alle Zeichen auf Glück

Vom Versuch, sich aus den Fesseln der sozialen Herkunft zu lösen, erzählt Angelika Klüssendorf in ihrem neuen Roman "Jahre später". Eine Beziehung scheitert - doch es erscheint ein Licht der Hoffnung: das Schreiben.

Autorin Klüssendorf
Gene Glover/ Agentur Focus

Autorin Klüssendorf


Den meisten Helden unserer Literatur ist kein langes Leben beschert. Nachdem wir ein Buch weggelegt haben, verschwinden sie oftmals aus unserem Gedächtnis. Bei April ist das anders. Schon seit vielen Jahren begleiten wir ihren traurigen Lebensweg: Vom Aufwachsen unter der Tirade ihres alkoholsüchtigen Vaters, ihrer Jugend im Kinderheim, über ihre ersten Gelegenheitsjobs und bis hin zur Ausreise aus der DDR. "Das Erwachsensein strengt sie an", lesen wir noch in Angelika Klüssendorfs vorigem Werk "April" über die gleichnamige Protagonistin, welche nun in eine neue Phase ihres Daseins eintritt, jene der Mutterschaft und Ehe.

Doch das Pech lässt sie noch immer nicht los. Was im Erstling dieser Reihe "Das Mädchen" von 2011 bereits angelegt wurde, buchstabiert der aktuelle Roman "Jahre später" nun mit analytischer Präzision aus: Eine verlorene Kindheit manifestiert sich nunmehr in schwierigen Beziehungskonstellationen, innerer Zerrissenheit und überhaupt einer tiefen Einsamkeit.

Dabei stehen anfangs alle Zeichen auf Glück. Denn die vom Schicksal Gebeutelte begegnet einem Mann, wie man sich ihn nur wünschen kann. Ludwig, der Inbegriff des Erfolgsmenschen, versteht sich als Macher und gibt in der noch frischen Beziehung sogleich den Takt an.

Auf die Eheschließung, ein gemeinsames Kind sowie den Einzug in eine Hamburger Villa folgen aufseiten Aprils allerdings bald die Zweifel. Kapriolen und Spannungen, Egoismen und Gefühle einer unermesslichen Überforderung bahnen sich Raum. Dass April zunehmend von einem "Friedhofsgefühl" erfasst wird, sich "wünscht, tot zu sein", zeigt frei nach Adorno: Ein richtiges Leben kann es nicht in einem falschen geben. Trotz allerlei Ratgeber vermag sie das fragile Projekt der Zweisamkeit nicht zu retten.

Schreiben als Therapeutikum

Was sich nach einer fast schon banalen Geschichte über eine gebrochene Biografie anhört, wie man sie in der in der Moderne so zahllos findet, erweist sich bei genauem Hinsehen als große Seelenliteratur. Es gibt in unserer Zeit keine andere Autorin, die so faszinierend und behutsam psychologische Feinstrukturen aufarbeiten kann wie Angelika Klüssendorf, ohne dabei die Umstände außer acht zu lassen.

Mit Sven Regener, Thomas Melle und Heinz Strunk eint sie das neue Interesse an der Unterschicht, den Abgehängten und Heimatlosen inmitten unserer Wohlstandsgesellschaft. Vom vergeblichen Versuch, sich aus den Fesseln der sozialen Herkunft loszulösen - davon erzählt "Jahre später" auf höchst anschauliche Weise. So manches hat die Heldin dabei mit ihrer Autorin gemein: Auch Klüssendorf hat als Melkerin einmal unten angefangen, ist in die BRD übergesiedelt und war überdies fünfzehn Jahre mit dem verstorbenen "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher verheiratet.

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Jahre später

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Im Gegensatz zum Weg ihrer Schöpferin verdunkelt sich jener Aprils. Lediglich eine Strategie lässt ein kleines Licht der Hoffnung aufkommen: das Schreiben. Schon in den beiden Vorgängerromanen zieht die Protagonistin ihre gesamte Energie aus der Fantasie und dem Traum, Schriftstellerin zu werden. Und als würde der literarische Text längst mehr wissen als seine Hauptfigur, umgibt er sie mit Anspielungen und Zitaten. So fallen Namen wie Truman Capote, Agota Kristóf, Gottfried Benn, Alexandre Dumas, Stendhal und viele weitere.

Dahinter steckt kein bloßes Namedropping, sondern die grundsätzliche Idee, wie es auf der ersten Seite fast schon etwas zu plakativ heißt, von der "Kunst als Medizin". Stellt "Jahre später" einerseits eine Art Langzeitstudie über die psychischen Verwerfungen einer kämpfenden Frau dar, entpuppt es sich andererseits auch als deren Therapeutikum. April erkennt spät, dass ihre eigene Vita wohl die beste Erzählung hergibt und schreibt bald schon jenen ersten Satz nieder, mit dem einst Klüssendorfs Auftakt der Reihe tatsächlich begann. So liest sich dieser feine Roman als ein Lehrstück über das Erzählen selbst. Es bietet Möglichkeiten zur Flucht und Verarbeitung gleichermaßen.

Obwohl die Gefahr besteht, dass der vierte Teil dieses Großprojekts allmählich in einen Leerlauf gerät, kann man weiterhin gespannt sein. Die Protagonistin ist uns indes ein weiteres Stück näher ans Herz gewachsen und lässt uns selbst in den melancholischen Stunden unserer Existenz das Gefühl verspüren, mit unserem Kummer und unseren Sorgen nie ganz allein zu sein.

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