Antisemitismus unter Migranten: Mit Graffiti aus dem Ghetto

Von Evelyn Runge

Als jüdischer Junge in Berlin-Wedding: In seinem Buch "Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude" beschreibt Arye Sharuz Shalicar den Antisemitimus muslimischer Teenager. Als Graffiti-Sprayer verschaffte er sich Respekt. Heute ist er bei der israelischen Armee.

Buch über Antisemitismus: Abstoßender als ein dreckiger Hund Fotos
Shalicar Privatarchiv/ dtv

"Irgendwann werden meine Kinder fragen: Warum hast du Deutschland den Rücken gekehrt?", sagt Arye Sharuz Shalicar. Der kräftige Mann mit dem rasierten Kopf und dem Poloshirt sitzt in einem Restaurant in Jerusalem. Eigentlich wollte Shalicar seinen Kindern ein Manuskript geben, doch nun wird er ihnen ein richtiges, ein gedrucktes Buch überreichen können: Er hat seine Autobiografie veröffentlicht, mit gerade mal 33 Jahren. Titel: "Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude". Er beschreibt darin muslimischen Antisemitismus auf Berlins Straßen.

Shalicar wurde 1977 in Göttingen geboren, wuchs in Berlin auf und emigrierte 2001 nach Israel. Seine Eltern flohen als persische Juden vor dem Antisemitismus in Iran in den siebziger Jahren; eigentlich sollte Deutschland nur ein Zwischenstopp auf dem Weg nach Kanada sein, doch sie blieben, bauten sich eine Existenz auf und brachten hier ihre Kinder zur Welt. Shalicar wurde areligiös erzogen, und bis er 13 Jahre alt war, war die Welt für ihn in Ordnung; er hatte Freunde in Berlin-Spandau und spielte leidenschaftlich Fußball. Dann zog die Familie in den Wedding.

Die Türken, Libanesen, Kurden, Araber im Wedding der neunziger Jahren dachten, Shalicar, dunkler Typ mit iranischen Vorfahren, sei einer von ihnen: ein Muslim.

Shalicars bester Freund war Mahavir, ein muslimischer Inder - von einem Tag auf den anderen wurden die Jungs zu Feinden: Als Mahavir im Deutschunterricht forderte, alle Juden müssten getötet werden. Shalicar kam am nächsten Tag mit einer Halskette mit dem Davidstern in die Schule. In den folgenden Jahren wurde er immer wieder verfolgt und gedemütigt, auf der Straße geschlagen und beschimpft; in seinem Buch beschreibt er, wie Jugendliche mit einem Zischen einströmendes Gas akustisch simulierten, wenn sie ihn sahen.

Sprayen, stehlen, schlagen

Um sich Respekt zu verschaffen, zog Shalicar als Sprayer durch Berlin, stahl, mischte in Schlägereien mit. Die Polizei brachte ihn nach Hause. Erwachsene tauchen in Shalicars Buch nur in ihrer Kontrollfunktion als Lehrer, Polizisten, Eltern auf, aber nicht als Vertrauenspersonen oder Helfer in seiner Not: Die Details vom Leben auf der Straße kannten sie nicht.

Die einzige, der sich Shalicar anvertraute, war seine Jugendliebe Janica, eine kroatische Katholikin: "Sie war mein Heulkissen, ohne sie wäre ich zusammengebrochen", sagt er heute, mehr als zehn Jahre später. Es gab wenige andere Freunde im Wedding, Husseyn etwa, einen muslimischen Kurden aus dem Libanon. "Ich habe auch Positives erlebt und differenziere", sagt Shalicar, "zu meiner Identität aber bin ich über negative Erlebnisse gekommen." 2001 begann er, seine Erfahrungen aufzuschreiben. Als seine Eltern das Manuskript lasen, weinten sie: "Sie hatten nicht gewusst, was ich durchmache."

Seit 2009 ist Shalicar einer von vier internationalen Pressesprechern der Israelischen Armee. Das Buch, macht er klar, habe nichts mit seinem Beruf zu tun, es war geschrieben, bevor Shalicar den Job des Pressesprechers annahm.

Im Gespräch rutscht er trotzdem kurz in die Rolle des Pressesprechers und fasst zusammen: Israel ist ein sehr kleines Land, etwa so groß wie Hessen, die Berichterstattung sei sehr konfliktbezogen, "dabei gibt es hier auch Fußball, Kultur, Städte wie Tel Aviv". Im Vorwort schreibt ARD-Korrespondent Richard C. Schneider, Shalicars Buch zeige, dass der Nahostkonflikt in Europa fortgesetzt würde. Shalicar meint, das stimme nur zum Teil, denn Antisemitismus sitze tiefer: "Was hat ein 13- oder 14-jähriger Inder mit dem Nahostkonflikt zu tun? Wie kommt er darauf, alle Juden seien Feinde?"

Der Titel des Buches zitiert ein gehässiges Sprichwort, das - so erzählten Shalicars Verwandte - in den fünfziger Jahren in Iran geläufig war: "Es war die größte Beleidigung, die man sich vorstellen konnte. Wenn es regnete, ging ein Muslim nie auf derselben Straßenseite wie ein Jude. Die Regentropfen, die von einem Juden abprallten, hätten ja auf ihn fallen und die jüdische Krankheit übertragen können. Da zog man es vor, mit einem nassen Hund in Berührung zu kommen. Nun musst du wissen, Hunde wurden in Iran als die dreckigsten Lebewesen auf Erden betrachtet. Nur wir Juden galten als noch abstoßender, kränker und dreckiger."

Die Autobiografie endet am 4. März 2001, dem Tag, an dem Arye Sharuz Shalicar ins Flugzeug steigt und nach Israel auswandert. Wie es ihm hier geht, wie schwierig es war, Hebräisch zu lernen, wie er sechs Monate in der israelischen Armee bei einer Luftversorgungseinheit seinen Wehrdienst geleistet hat und an der renommierten Hebrew University in Jerusalem studierte, all das beschreibt Shalicar nicht. Im Gespräch fasst er sein Leben der vergangenen zehn Jahre zusammen: "Ich habe alles getan, um hier zurechtzukommen, damit ich nicht eines Tages das Handtuch schmeiße."

Die Kette mit dem Davidstern, die in seinem Buch eine so große Rolle spielt, besitzt Arye Sharuz Shalicar noch. Aber er trägt sie nicht mehr: "Ich brauche sie nicht mehr. Ich bin in Israel frei und muss niemandem etwas beweisen."

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