Moderne Bartkunde Schnorres, Schnäuz und Pornobalken

Terroristen und Zuhälter tragen ihn, aber auch Banker und Hipster: Vom Siegeszug des Bartes erzählt der Band "Anything Grows". Sind Bartträger nun Rebellen oder doch nur Medienmenschen? Und wer hat die größten Chancen bei Frauen?

Von Thomas Andre

Corbis

Der Vollbart ist als ästhetisches Männermerkmal unserer Zeit mehr als etabliert. Seit er nicht nur in New Yorker oder Berliner Künstler- und Szenekreisen als Bedeutungsträger benutzt wird, also eine Idee vom Anderssein vermitteln soll, ist er ironischerweise längst im Mainstream angekommen. Man kennt das ja: Wenn sich Identitäts- und Individualitätswünsche massenhaft auf dasselbe Accessoire berufen, wird aus der Avantgarde schnell schnöde Mode. Das war's dann mit der Distinktion - Pech gehabt, Hipster, du bist jetzt wie Kai Diekmann.

Wobei das Identifikationsmodell "Hipster" angesichts seines globalen Erfolgs per se so langweilig und inhaltsleer geworden ist, wie es der Bart an sich nie werden kann. Der milieuübergreifende Vollbartboom der Gegenwart gehört zum Revival von Gesichtsbehaarungen aller Art, das seit den Neunzigerjahren in Gang ist und in seiner postmodernen Ausprägung quasi jedes Fazialdesign gelten lässt - bis auf eines.

Und das ist das mit zweifingerbreit Bewuchs unter der Nase operierende, wie ihn vor fast einem Jahrhundert schon Schauspieler wie Oliver Hardy und Charlie Chaplin trugen, aber eben auch der schlimmste Diktator aller Zeiten, weshalb der Hitlerbart ein modisches Gehtnicht ist. Dementsprechend ist der etwas alberne "Selbstversuch mit Hitler-Bart" in dem sonst lesenswerten und von Jörg Scheller und Alexander Schwinghammer herausgegebenen Essayband "Anything Grows" der vielleicht einzig verzichtbare Text. Der Irritationsfaktor ist zu offensichtlich, der Verzicht seit 1945 sozusagen Barträson. Apropos: Wer kalauernde Wortspielereien und halbironische Feststellungen ("Das Gesicht eines Mannes ist seine Leinwand", "Je Avantgarde, desto Vollbart") mag, dürfte die der Ästhetik und der Bedeutung des Barts gewidmeten und nicht immer ernsten Texte umso mehr goutieren.

Auch an Synonymen herrscht keinerlei Mangel, weil Begriffe wie "Schnurres", "Schnäuz" und "Pornobalken" die Sache anscheinend so treffsicher benennen wie die Fachtermini "Goatee" (Grunge-Kinnbart, Frühneunziger), "Soul Patch" (Unterlippenbart, ebenfalls Frühneunziger) oder "Kaiser-Wilhelm-Bart" (nach außen gezwirbelte Rotzbremse in Richtung eines Platzes an der Sonne, Hochzeit: etwa 1888 bis 1918).

"Die Unerträglichkeit des Frauenbarts"

Ganz abgesehen von derlei althergebrachten oder verhältnismäßig neuen Wortfindungen und ihren Signifikaten in der Wirklichkeit ist eine Bart-Einordnung in kulturelle und historische Zusammenhänge keine schlechte Idee. Als semiotische Konstante trat der Bart zuletzt mit der Sängerin Conchita Wurst ins Rampenlicht. Was genderwissenschaftlich interessant ist und seinen Niederschlag in einer Abhandlung unter dem provokativen Titel "Die Unerträglichkeit des Frauenbarts" findet: Hier wird vor allem auf den heute gebotenen kosmetischen Angriff auf weibliche Haarareale im Gesicht rekurriert.

Neben diesem Sonderfall öffnen die meist originellen und interdisziplinären Beiträge verschiedene Zugänge zum Phänomen des Barts. Man lernt, dass die aktuellen und ehemaligen "Top-Schnäuzer" der deutschen Wirtschaft - Zetsche, Wiedeking, Reitzle - in ihrem Bekenntnis zum Wuchs die Magnaten und Industriekapitäne vergangener Jahrhunderte ansatzweise imitieren und damit zwar ganz oben, aber eher die Ausnahme sind. Sie huldigen einem heute zumindest in Karrierebranchen zu plumpen und überholten Männlichkeitsideal.

Außerdem entzieht sich der Bart auch in kleiner Ausdehnung dem "Transparenz- und Sichtbarkeitsgebot", wie Autor Jan Füchtjohann das nennt. Merke: Der, dem es sprießt, erinnert nach dem Gesetz des Vorurteils immer auch an Terroristen, Schurken, Zuhälter - weshalb Unternehmer und Banker in aller Regel ihre Männlichkeit bändigen. Der Glattrasierte demonstriert Ordnung und Akkuratesse - wo doch globale Geld- und Warengeschäfte schon genug wuchern. Neben den Bart-Kult gesellt sich so gerne auch die Bart-Phobie.

Reaktion auf den Feminismus

Aber warum brach gerade in den Neunziger-, den Nuller-, den Zehnerjahren das neue bärtige Zeitalter an? Warum versuchten und versuchen sich Schauspieler wie Brad Pitt oder Musiker wie Bonnie "Prince" Billie am Wuchs? Eine soziomentale Deutung verweist auf den neuen Bartfetisch als Reaktion auf den Feminismus. Wer Bart trägt, geriert sich außerdem tendenziell immer noch als Andersdenkender und Rebell, den offizielle Gebote nicht scheren - im Sinne des Wortes. Einer der kenntnisreichsten Essays belegt den Einfluss der Popmusik auf die Bartmode. Wie in anderen Style-Segmenten sind die Pioniere der Form auch hier: die Beatles.

Vermutungen, dass in Krisenzeiten Männertypen ausweislich ihrer Bärte symbolisierten, dass sie anpacken können, stehen neben Aussagen, die Grundsätzlicheres im Blick haben. Da kommt erneut der Biologe zu Wort, der dem Aufleben von Moden zum Trotz dem (Voll-)Bart keine allzu rosige Zukunft prophezeit. So plakativ müsse Männlichkeit, heißt es sinngemäß, in der zivilisierten Welt nicht mehr gezeigt werden, weil nicht mehr das Recht des Stärkeren im Balzwettbewerb siege - der Bart erhöht also längst nicht mehr den Paarungserfolg. Theoretisch in der Lage zu sein, sich einen Bart wachsen zu lassen, es dabei aber nicht zu weit zu treiben: Das könnte die Erfolgsformel sein! Laut einer englischen Studie kommt bei den Damen der ewig junge Dreitagebart immer noch am besten an.

Nur eine Überlegung spielt in diesem Kompendium keine Rolle: Diejenige nämlich, wonach in den vergangenen Jahren grundsätzlich neue Phänotypen des Männlichen entstanden sein könnten. Wo früher das Resthaar auf dem Kopf heroisch bis zum Ende getragen wurde, wird heute bei Glatzenbildung die konsequente Kopfrasur akzeptiert. Wer aber oben kahl ist, inszeniert seine Gesichtsbehaarung neu.

Bleibt nur die Frage, was zuerst da war: Bart oder Glatze.


Jörg Scheller und Alexander Schwinghammer: "Anything Grows". 15 Essays zur Geschichte, Ästhetik und Bedeutung des Bartes. Franz Steiner Verlag. 315 S., 29,90 Euro

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insgesamt 34 Beiträge
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zeisig 31.10.2014
1. Bart ab !
Ich versteh's nicht. Über den kleinen Schnauzer will ich gar nicht sprechen. Der war eigentlich immer schon out und trotzdem gibt's Leute, die ihn tragen. Aber der Vollbart, der war eigentlich bis vor kurzem in ganz anderen Kulturkreisen heimisch und ist es dort natürlich immer noch. Daß bei uns plötzlich junge Leute mit Vollbart rumlaufen - ich kapier's nicht.
multimusicman 31.10.2014
2. Was ihr da wieder hinein interpretiert....
fällt den oder dem Autoren nichts anderes ein? Wenn überhaupt etwas zu interpretieren ist, dann ist das der Gegenentwurf zu den glattrasierten Körpern ohne Ecken und Kanten, die Generation Porno wird abgelöst und das ist auch gut so.
horsteddy 31.10.2014
3. Fürchterlich
An meine männlichen Geschlechtsgenossen: ich habe auch früher lange Haare gehabt, wie es in den 70ern Mode war. Aber ich hatte eine richtig lange Matte. Das was ihr habt, sieht aus sie umgezogen Jungs mit Schmutz im Gesicht. Und zu den angepassten Schleimis von den Banken passt das gar nicht. Mal ehrlich. Ihr müsst ja keinen Haarschnitt wie Kim Jong-Un haben. Aber ein bisschen gepflegt, das wäre nett. Die Nummer des harten Kerl nimmt der heutigen jüngeren Generation eh niemand ab. Dazu seid ihr zu weichgespült.
Iggy Rock 31.10.2014
4. Haarige Angelegenheit
Das Buch scheint nun keine neuen Erkenntnisse zu bringen, wenn man dem Spon-Artikel glauben schenken mag. Oder sind darin etwa die Querverbindungen zu Kriegerischen Aktivitäten (Vietnam/Irak/Afghanistan) der GI's zu finden, die immer mit Bartmode nach Hause kamen? Auch mag ich mich nicht recht an die 90er Bartträger zu erinnern. Die das damals taten, waren entweder in den 80ern stehen geblieben oder man musste sie mit der Lupe suchen. Heute, wo der ganze Körper zum Kahlrasurobjekt verklärt wird, tut uns Jungs etwas mehr Haar im Gesicht bestimmt nicht weh, genauso wie am Körper, Alltagsfeminismus hin oder her. Stellt sich nur abermals die Frage, wozu man dafür ein Buch braucht.
Michael CGN 31.10.2014
5. Wer heute prächtige Bärte trägt ist
entweder (in der ungepflegten und wirren Fassung) ein Salafist oder oft ein schwuler Mann. Denn gerade in der schwulen Szene (zumindest in Köln) schwappt aus den angelsächsichen Ländern das Gegenmodel zum Metrosexuellen, dem heterosexuellen Mann, der Aussieht, wie man sich früher (und in dummen Filmen und Serien immer noch) einen schwulen Mann vorstellte. Und auch was Frauen angeht: Es gibt vielmehr Frauen, die Männer mit (Voll)Bart attraktiv finden, als es uns die Kosmetikindustrie weissmachen wollte. Lasst ihn wachsen! Das ist auch gut so!
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