"Archipel Gulag"-Autor Literaturnobelpreisträger Solschenizyn gestorben

Er galt als bedeutendster Schriftsteller seines Landes, mit "Archipel Gulag" wurde er auch im Westen zur moralischen Instanz: Der russische Literaturgigant Alexander Solschenizyn ist 89-jährig in Moskau verstorben. Sein Spätwerk war umstritten, immer wieder wurde ihm Antisemitismus vorgeworfen.


Moskau - Seit Monaten schon hatte sich Alexander Issajewitsch Solschenizyn nicht mehr öffentlich gezeigt. Nun starb der weltweit bekannte Schriftsteller und Historiker in seinem Haus an Herzversagen, wie sein Sohn Stepan der Nachrichtenagentur AP sagte. Der russische Präsident Dmitrij Medwedew sprach der Familie sein Beileid aus.

Solschenizyn (Archivbild von 1993): "Die Linie, die Gut und Böse trennt, läuft quer durch jedes Menschenherz"
AFP

Solschenizyn (Archivbild von 1993): "Die Linie, die Gut und Böse trennt, läuft quer durch jedes Menschenherz"

Obwohl er seit Jahren keine Journalisten mehr empfing, machte Solschenizyn Mitte 2007 für den SPIEGEL eine Ausnahme: In einem umfangreichen Interview sprach er damals über die verhängnisvolle Geschichte Russlands, das Versagen von Gorbatschow und Jelzin und seine Enttäuschung über den Westen.

Solschenizyn war in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs wegen seiner Kritik an Stalin inhaftiert worden und kam erst 1953 wieder frei, dem Todesjahr des Diktators. Den Terror dieser Zeit beschrieb der Autor bereits 1962 in seinem ersten Werk "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" .

Solschenizyn erhielt 1970 den Nobelpreis für Literatur. Als sein Hauptwerk gilt aber der erst später veröffentlichte "Archipel Gulag" (1973-76): ein monumentaler, dreibändiger Dokumentarroman, in dem er Stalins Opfern ein literarisches Denkmal setzte. Seine Schilderung veränderte auch die Einstellung vieler westlicher Intellektueller zur Sowjetunion und hatte Massenaustritte aus westlichen kommunistischen Parteien zur Folge.

Asyl bei Heinrich Böll

Der "Gulag" brachte dem Autor 1974 die erneute Verhaftung ein. Solschenizyn wurde zunächst nach Deutschland abgeschoben, wo er vorübergehend im Haus des Literaten Heinrich Böll unterkam. Später zog er in die Schweiz, ging nach Chile und lebte lange im Exil im US-Bundesstaat Vermont.

Im Westen wuchs Solschenizyn in den Folgejahren die Rolle des Mahners, Moralisten und Propheten zu, der in Vorträgen und Interviews immer wieder eindringlich vor übertriebener politischer Konzessionsbereitschaft gegenüber der Sowjetunion warnte. Erst 1994, nach dem Fall der UdSSR, kehrte er in seine Heimat zurück.

Die Arbeit am "Archipel Gulag" begann 1958 unter konspirativen Umständen. 1973 entdeckte der sowjetische Geheimdienst KGB Teile des Manuskripts, das Solschenizyn daraufhin in aller Eile in den Westen schmuggeln und veröffentlichen ließ. Das Werk wurde erst 1989 in der Sowjetunion veröffentlicht, kurz vor ihrem Zusammenbruch.

Der "Archipel Gulag" ist nicht nur eine historische Dokumentation, es gilt auch als eine der größten literarischen Leistungen Solschenizyns. Er erzählt mit bitterer Ironie für die Henker und in tiefer Trauer um die Opfer. Außer die Erfahrungen von Grausamkeit und Niedertracht stellt er Beispiele moralischer Größe der Gefangenen. "Allmählich wurde mir offenbar, dass die Linie, die Gut und Böse trennt, nicht zwischen Staaten, nicht zwischen Klassen und nicht zwischen Parteien verläuft, sondern quer durch jedes Menschenherz", schreibt Solschenizyn im Kapitel "Seele und Stacheldraht".

Unterstützung für die Tschetschenien-Kriege

Seit seiner Rückkehr in die Heimat 1994 kritisierte Solschenizyn den Werteverfall sowohl im postkommunistischen Russland als auch im Westen. Wiederholt forderte er, Russland dürfe die westliche Demokratie "nicht ohne Verstand nachäffen", sondern müsse sich mehr um das "moralische Wohlergehen" des eigenen Volkes kümmern. Grundlage seiner Aussagen war für ihn der russisch-orthodoxe Glaube.

Der frühere russische Präsident und heutige Ministerpräsident Wladimir Putin hatte Solschenizyn im Juni vergangenen Jahres mit dem russischen Staatspreis ausgezeichnet. Millionen von Menschen verbänden den Namen Solschenizyn "mit Russlands Schicksal selbst", sagte Putin. Den mit umgerechnet 144.000 Euro dotierten Preis nahm Solschenizyns Frau Natalya entgegen, weil der damals schon gebrechlich wirkende Autor nicht an der Zeremonie teilnehmen konnte. Seine Dankesrede ließ er über eine Videobotschaft einspielen.

Zu Sowjetzeiten hatte der Schriftsteller eine Ehrung durch das System stets abgelehnt - auch den Staatspreis. Über die Politik Putins hatte sich Solschenizyn in den vergangenen Jahren aber immer wieder positiv geäußert. Er unterstützte auch die Tschetschenien-Kriege seines Landes.

Solschenizyn ist seit seinen letzten Schriften zur Geschichte des Judentums in Russland und der früheren Sowjetunion umstritten, weil er russischen Juden auf Grundlage dürftiger Quellen eine Mitschuld an der kommunistischen Diktatur gab. Stalin selbst hatte in den dreißiger Jahren viele Juden töten lassen. Auch während seines Exils in den USA hatten Kritiker Solschenizyn eine antisemitische Haltung vorgeworfen.

itz/dpa/AFP/AP



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