Teneriffa-Chronik Wenn jeder eine Insel ist

In "Archipel" spült Inger-Maria Mahlke die Geschichte Teneriffas an, von 1919 bis heute. Auch wenn der buchpreisnominierte Roman Löcher hat: Seine Struktur, seine Bilder, seine Figuren machen tolle Wellen.

Teneriffa-Ansicht
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Es ist, als würde sich ein Flugzeug langsam nähern. Vom Meer her die Küstenlinie der Insel anfliegen, in weiten Spiralen immer tiefer sinken - im Blick den Sandstrand, die schroff-dunklen Felsen, die Kakteen und Palmen, die Wüste und mittendrin: das Kraterloch. Bis irgendwann die Raffinerietürme von Santa Cruz zu sehen sind, die Tranvia-Tram, die Menschen auf der Plaza de la Candelaria, benannt nach der Schutzpatronin Teneriffas.

Von fern nur Umrisse, je weiter man vordringt, wird klarer, was man da die ganze Zeit gesehen hat: Genau so wirkt der wunderbare Zoom, mit dem Inger-Maria Mahlke in die Geschichte Teneriffas in "Archipel" hineinfliegt. Und von 2015 rückwärts bis 1919 Kapitel für Kapitel immer mehr aufdeckt, die Hintergründe ihrer Figuren, die Verflechtungen ihrer Familien - und damit ihre historische Last. Von der aktuellen Krise über den Spanischen Bürgerkrieg 1936 bis zur Grippeepidemie 1919.

Aus der Plaza de la Constitución wird die Plaza de la República wird die Plaza de la Candelaria. Die Familien bleiben. Und mit ihnen das Nitroglyzerin, das entsteht, wenn sich Konservative, Reiche, Arbeiter, Kommunisten verflechten.

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Inger-Maria Mahlke:
Archipel

Rowohlt, 432 Seiten, 20 Euro

"Survivor" schauen, um das Überleben zu lernen

Zwar fliegt Mahlke mitunter zu schnell weiter, als dass sich Dilemmata wie Lebenslügen Einzelner voll zeigen könnte. Aber einige rücken einem in ihren Insel-Schicksalen so nah, dass es okay ist, wenn andere verblassen.

Da ist der fast hundertjährige Julio, Portier des katholischen Altenheims, Wächter der überlebenden Inselgeschichten. Der sich früher zum Feierabend immer aufs Rad schwang. Und fuhr und fuhr und fuhr, bis es dunkel war. Wissend, dass er nicht weit kommen würde.

Und daneben seine Enkelin Rosa, die mit 20 den Weg zurück angetreten hat, die Insel als Zwischenstation nimmt, um wieder Übersicht zu gewinnen. Sie zieht sich ausgerechnet die US-Reality-TV-Show "Survivor" rein, in der Menschen irgendwo ausgesetzt werden und Dschungelcamp-mäßig "Prüfungen" absolvieren: "146625 Stunden hat sie noch vor sich, die Zahl ist irgendwie beruhigend." Als wäre es in dieser Zeit zu lernen: Überleben, auf einer Insel, so schwer kann das doch nicht sein.

Doch ist die wirklich geniale Zeitstruktur zugleich die Crux des Romans, der auf dieser Insel vor der Küste Westafrikas Franco-Unterstützer zusammenbringt mit Hamburger Pflanzenunternehmern und einem Bürgerkriegshistoriker. Es verblüfft, dass die Kolonialgeschichte nur gestreift wird, die Anrainer auf dem afrikanischen Festland sind nur vage "Die von drüben", etwa in Form von Aktivisten, die für die Unabhängigkeit der Westsahara demonstrieren. (Und nein, die dürren Zeilen über die Eroberung der Insel helfen auf den allerletzten Seiten wirklich nicht mehr.)

Schwimmend gelangt man von Figur zu Figur

Dass dieses Rückwärts-Erzählen etwas mühsam ist, liegt an Mahlkes detailreichem Stil, schon in ihrem Debüt "Silberfischchen" 2010 unverwechselbar. Sie verleiht ihren Figuren einen mikroskopischen Blick auf alles, was in ihr Blickfeld gerät, von der zähflüssigen Konsistenz von Kondensmilchtropfen bis zu dem Gefühl, wenn im Handlufttrockner die Feuchtigkeit zwischen den Fingern ganz langsam verschwindet.

Inger-Maria Mahlke
Dagmar Morath

Inger-Maria Mahlke

Leider drohen einen deswegen die ersten Kapitel wegzuspülen als stünde man in überschäumender Gischt, in der das Oben und Unten und Nebenan ineinanderrutschen. Antworten auf das Wieso, das Wer-mit-Wem tauchen erst spät auf, wenn die Wellen sich zurückgezogen haben aufs Meer und die historischen Sedimente sichtbar werden. Von hinten nach vorne lesen würde wohl helfen, gilt aber natürlich nicht.

Um im Kleinen europäische Geschichte zu erzählen, ist der Roman zu löchrig, zu unfokussiert. Doch Mahlke gewinnt einen mit ihren Bildern. Etwa weil sie die Inselgruppe, das Archipel, so einsetzt, dass sich darunter ein Sinnraum öffnet, so endlos wie der Ozean. Nicht nur, dass sie ihre Figuren so gruppiert, dass man schwimmend von einem zum anderen gelangt, von Familiengeflechten zu Individuen.

Mehr noch, sie kreiert die Idee eines Archipels für Teneriffa selbst: Eine neue Insel soll nebenan entstehen, künstlich, auf Pontons, initiiert von einem US-Konsortium. "Nicht von der Zeit deformiert, zurechtgedrückt, geschliffen. Nicht mit Geschichte behangen." Ohne Altlast, ohne Vergangenheit. Ein Ausdruck für die Enge, die den Bewohnern dieser Insel so zu schaffen macht: ihre verdammte Ausweglosigkeit.

Klar, ein fauler Trick, keine Lösung. Nur eines hilft, für komplexe Historien wie fürs Leben, das macht Mahlkes Roman klar, trotz all der Lücken: "Das Kapital dieser Insel ist ihr Licht."


"Archipel" steht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2018. Lesen Sie weitere Rezensionen nominierter Romane: "Sechs Koffer" von Maxim Biller, "Bungalow" von Helene Hegemann, "Jahre später" von Angelika Klüssendorf, "Dunkle Zahlen" von Matthias Senkel

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