Architekturroman "1 WTC" Phantastische Folterkammer

Verlieren wir unsere Freiheit, wenn wir sie mit allen Mitteln verteidigen? Der Architekt und Kurator Friedrich von Borries hat dem Problem einen verteufelt realistischen Roman gewidmet. Sein Buch ist eines der klügsten zum 9/11-Jahrestag. Und eines der unterhaltsamsten.

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Jens-Uwe Fischer / Suhrkamp

Na was denn nun? Der Verlag annonciert das Buch auf dem Cover als "Roman", als fiktionale Erzählung, da erübrigt sich eigentlich jede weitere Diskussion. Der Autor aber bezeichnet das Buch in seiner Vorbemerkung als "Bericht", der auf Gesprächen mit einem untergetauchten Künstler beruhe, der sich Mikael Mikael nenne. Nur in einigen Details weiche er von dessen Schilderung ab, um ihn zu schützen. Dazu passt, dass ein Foto im Buchumschlag angeblich jenen Mikael Mikael zeigt, von hinten in einem weißen Kapuzenpulli aufgenommen, unterschrieben mit der Adresse seiner Homepage.

Fiktion oder Realität? Es ist eine Frage, die am Ende von Friedrich von Borries Romandebüt "1 WTC" auch einige Figuren kaum noch für sich und ihr Leben beantworten können. Bis dahin passieren Dinge, die jedem Verschwörungstheoretiker zur Ehre gereichen würden.

Schauspiel für die Überwachungskameras

Der Mann, der sich Mikael Mikael nennt, ist ein deutscher Künstler, der ein Stipendium des Berliner Senats für ein Projekt in New York bekommen hat, das er "Die Freiheit der Angst" nennt. Es beschäftigt sich mit den Folgen der Terroranschläge vom 11. September 2001. Die Leitfrage: Wie führt die Angst vor dem Verlust der Freiheit zum Verlust der Freiheit? In New York trifft Mikael Mikael die Galeristin und Kunsthistorikerin Jennifer, verliebt sich in sie und schickt sie als Schauspielerin für sein Projekt durch die Stadt. Jennifer inszeniert sich vor den Überwachungskameras prominenter Plätze - vor dem UN-Gebäude, vor der Columbia Universität, vor den Trump Towers, im Rockefeller Center, in der Wall Street - und ruft überall den immergleichen Satz, jenen Satz, den New Yorks Bürgermeister Rudolph Giuliani den New Yorkern nach den Anschlägen entgegen gerufen hatte: "Show you're not afraid. Go shopping!"

Die Szenen filmt Mikael Mikael nicht etwa selbst, sondern er greift auf die Bilder der Überwachungskameras zurück, die die Computerspiel-Autorin und Hackerin Syana für ihn anzapft. Syana hilft ihm, aber sie nutzt ihn auch aus: Sie entwickelt das totale Spiel, das in die Realität eingreift - und sie verändert. Ihr Ziel ist es, den Widerstandswillen der Menschen zu wecken, sie aufzuhetzen gegen die allgegenwärtige Überwachung. In Level 1 spioniert sie eine Zielperson aus, ihre Kontoauszüge, ihre Arztbesuche, ihre Google-Suchanfragen, alles. Eine ihrer Zielpersonen ist Mikael Mikael. In Level 2 versucht sie, das Verhalten dieser Zielperson aktiv zu steuern, etwa indem sie gefälschte Mails sendet, Gesundheitsakten manipuliert, Flugtickets umbucht. In Level 3 bemerkt die Zielperson, dass sie manipuliert worden ist, und wird dazu aufgestachelt, das gesamte gesellschaftliche System in Frage zu stellen und zu bekämpfen.

Sie finden das reichlich abstrus, abenteuerlich? Warten Sie ab, es gibt auch noch Jennifers Ex-Freund Tom, einen ehemaligen Mitarbeiter des US-Militärgeheimdiensts in Irak und Afghanistan, der heute als Architekt für das Büro Skidmore, Owings und Merrill (SOM) arbeitet, das das One World Trade Center (1 WTC) entworfen hat, jenes Gebäude, das die zerstörten Twin Towers ersetzen soll. Für den Keller des neuen Vorzeige-Gebäudes entwickelt Tom eine neue Art von Folterkammer: Islamistische Terrorverdächtige sollen nach dem Waterboarding in einem Raum wach werden, der ihnen suggeriert, bereits den Märtyrertod gestorben und ins Paradies eingegangen zu sein, inklusive permanent verfügbarer Jungfrauen. Dort sollen sie ins Plaudern geraten - und die Pläne ihrer Komplizen verraten.

Theoriesatter Thriller

Friedrich von Borries verknüpft diese Eckdaten zu einem ebenso unterhaltsamen wie theoriesatten Architekturthriller. Ein Leseerlebnis, wie es literarische Debüts selten bieten. Bislang hat Borries sich vor allem einen Namen gemacht in Wissenschaft und Kunst: Er ist Professor für Designtheorie und kuratorische Praxis an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg und Kurator für zeitgenössisches Design am Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg. Von 2002 bis 2005 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Stiftung Bauhaus Dessau und arbeitete dort unter anderem im Projekt "Schrumpfende Städte", 2008 war er Generalkommissar für den deutschen Beitrag auf der Architekturbiennale in Venedig.

Borries notiert die Handlung nüchtern, sprachlich beinahe unambitioniert - wie in einem Protokoll. Der Ton stärkt die Behauptung, es handele sich um eine wahre Geschichte, die ihm von Mikael Mikael erzählt worden sei. Immer wieder greift er zu kursiv gesetzten Szenen im Stile eines Filmdrehbuchs - Kameras sind eben überall, in Fiktion und Realität, wer mag das schon noch unterscheiden.

Hinzu kommen lexikalische Schnipsel, die das Buch ganz nebenbei zu einem Kompendium US-amerikanischer Zeitgeschichte machen - und zu einer Fundgrube subversiver Kunst. Neben Wörtern wie Ground Zero (militärischer Begriff für die Stelle, an der eine Bombe explodiert ist) und Huri (die Paradiesjungfrau) stellt Borries auch Strategen der sogenannten Kommunikationsguerilla vor; unter anderem den Informatiker Steve Mann, der das Konzept der Sousveillance entwickelt hat: Technologien, um Überwacher beim Überwachen zu überwachen; die Aktivistengruppe "New York City Surveillance Camera Players", die aus Wachmännern an Monitoren unfreiwillige Zuschauer ihrer Polit-Aufführungen gemacht hat; die französische Konzeptkünstlerin Sophie Calle, die sich für ihr Projekt "The Shadow" von einem Detektiv verfolgen ließ; den deutschen Künstler Christoph Faulhaber, der sich gemeinsam mit Lukasz Chrobok die fiktive Sicherheitsfirma Mister Security ausgedacht hat, die den BND und die amerikanische Botschaft observierte; die österreichische Künstlerin Manu Luksch, die einen Märchenfilm produziert hat, der komplett aus den Aufnahmen von Überwachungskameras montiert ist.

Die real existierenden Künstler und ihre Biografien sind ein weiterer Kniff, um Realität und Fiktion zu verschmelzen. Nötig wäre er vielleicht gar nicht einmal gewesen. Die Ereignisse, von denen Borries erzählt, inklusive des mysteriösen Todes von drei seiner vier Hauptpersonen, mögen aberwitzig klingen, verrückt und durchgedreht. Aber eben darum klingen sie auch verteufelt realistisch.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
Duzend 22.08.2011
1. Ist das nicht pervers oder zumindest obszön?
Zitat von sysopVerlieren wir unsere Freiheit, wenn wir sie mit allen Mitteln verteidigen? Der Architekt und Kurator Friedrich von Borries hat dem Problem einen verteufelt realistischen Roman gewidmet. Sein Buch ist eines der klügsten zum 9/11-Jahrestag. Und eines der unterhaltsamsten. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,781269,00.html
An den real-existierenden Kritikern der offiziellen Verschwörungstheorie und an den Implikationen dessen, was Whistleblower zu 9/11 bereits ausgesagt haben und manche auszusagen zu unterlassen genötigt wurden, lässt der SPIEGEL doch sonst kein gutes Haar. Aber wenn Herr Schlaumeier einen Roman schreibt, der von nichts anderem handelt als der Blockade der Freiheit am Ende sogar der Gedanken und alles nur, weil niemand offizielle Verlautbarungen zäh genug hinterfragt, dann ist das eine Meldung um nicht zu sagen eine Lobeshymne wert. Schreiben Sie doch mal halb so wohlwollend über Mathias Bröckers' neuestes Buch! Nur so als Beispiel.
bordstein 23.08.2011
2. Gepachtetes Recht
Zitat von DuzendAn den real-existierenden Kritikern der offiziellen Verschwörungstheorie und an den Implikationen dessen, was Whistleblower zu 9/11 bereits ausgesagt haben und manche auszusagen zu unterlassen genötigt wurden, lässt der SPIEGEL doch sonst kein gutes Haar. Aber wenn Herr Schlaumeier einen Roman schreibt, der von nichts anderem handelt als der Blockade der Freiheit am Ende sogar der Gedanken und alles nur, weil niemand offizielle Verlautbarungen zäh genug hinterfragt, dann ist das eine Meldung um nicht zu sagen eine Lobeshymne wert. Schreiben Sie doch mal halb so wohlwollend über Mathias Bröckers' neuestes Buch! Nur so als Beispiel.
Indem Sie den Autor einen Schlaumeier nennen, ohne sein Buch gelesen zu haben, offenbaren Sie Ihren eigenen Hang zu Vorurteilen. Da scheint es nur logisch, dass Sie Lob für den eigenen Favoriten einfordern. Nicht sehr sympathisch.
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