Neuer Krimi von Arne Dahl: Die halbe Welt ist mehr als genug

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Opcop statt A-Gruppe: Der schwedische Bestsellerautor Arne Dahl stellt mit "Gier" sein neues Ermittlerteam vor. Doch weniger das unbekannte Personal als der Plot lassen einen den Überblick verlieren. Wie sollen Mafia, Finanzkrise und Heroin aus Nordkorea zusammengehen?

Bestsellerautor Arne Dahl: Literarischer Neustart mit Opcop Zur Großansicht
Piper/ Sara Arnald

Bestsellerautor Arne Dahl: Literarischer Neustart mit Opcop

"Also, welche Schurken haben wir denn jetzt geschnappt?", fragt Corine Bouharddi in die Runde. Die Französin hat gerade mit ihrem Team, der geheimen Einsatztruppe von Europol, den ersten Fall abgeschlossen. "Du hast recht", lautet die niederschmetternde Antwort ihres Chefs Paul Hjelm. "Im Großen und Ganzen haben wir keinen einzigen Schurken geschnappt."

Es ist die große Kunst von Arne Dahl, einen Krimi vorzulegen, an dessen Ende über ein Dutzend Menschen tot und die Ermittler erschüttert ob der eigenen Ohnmacht sind, und der Leserin trotzdem ein wohliges Gefühl zu vermitteln. Wie sich in Dahls neuem Buch "Gier" Unbekannte zu einem Team zusammenfinden, wie sie die Schwächen der anderen entdecken, ihre eigenen Stärken erkunden und zum Schluss zwar keinen Verbrecher gefasst, aber doch einige schwere Straftaten verhindert haben - das hat etwas ungemein Tröstliches.

Arne Dahls A-Gruppe, sein berühmtes Sonderermittlungsteam bei der schwedischen Polizei, mit dem er seine Karriere als Krimiautor begründete, ist Geschichte. Die Zukunft gehört Opcop - jedenfalls inoffiziell. Denn in Den Haag wird bei Europol klammheimlich eine internationale Truppe von Ermittlern zusammengestellt - und aus der ehemaligen "Sondereinheit für Gewaltverbrechen von internationalem Charakter" aus Stockholm sind gleich zwei Männer mit dabei: Paul Hjelm als Chef der Gruppe und Arto Söderstedt als regulärer Ermittler.

Den Anstoß für den ersten Fall gibt aber ihre Kollegin Kerstin Holm in Stockholm. Sie ist Chefin der nationalen Kontaktgruppe für die Opcop und muss dem geheimen Kollegenkreis in Den Haag zum Dienstantritt als Erstes mitteilen, dass ihre Existenz nicht länger geheim ist. Eine grotesk zur Schau hergerichtete Leiche hatte eine Botschaft an die Opcop bei sich - versteckt in ihrem Enddarm.

Die Putzfrau googelt nach Kinderpornografie

Was die unappetitliche Botschaft mit einem toten Chinesen, einer nach Kinderpornografie googelnden Putzfrau sowie der Mafia, nordkoreanischem Heroin und der internationalen Finanzkrise zu tun hat, das erzählt Dahl in seinem gewohnt perfekt ausgeklügelten System aus Zeitsprüngen sowie Orts- und Perspektivwechseln. Dass dazu noch eine Reihe von neuen Figuren hinzukommt, macht Dahls zehnten, auf deutsch erschienenen Krimi um die A-Gruppe bzw. ihre Nachfolger zunächst etwas unübersichtlich. Eine Übersicht zu den wichtigsten Personen in Den Haag und Stockholm am Ende des Buchs bietet jedoch Abhilfe.

Viel schwerer wiegt indes, dass das Netz an Personen im aktuellen Fall den halben Globus umspannen muss, zumindest von den USA über Europa bis China, weshalb der Plot zunehmend grobmaschig ausfällt. Verbindungen zwischen einzelnen Menschen wirken viel zu phantastisch, Ermittlungswege viel zu reibungslos, als dass man sie noch nachvollziehen wollte. Auch die Einsicht in einzelne Figuren, die Dahl so meisterlich beherrscht, kommt bei "Gier" eher zu kurz. Wo bislang die Kommissare wie Musikinstrumente funktionierten, bei denen die Verbrechen ganz verschiedene Saiten anschlugen, steht nun die Neubesetzung des Ermittlerorchesters im Vordergrund.

Da nach Verlagsangaben noch drei Bücher zur Opcop geplant sind, muss man "Gier" wohl am besten als erste Probe mit neuem Ensemble verstehen. Genug interessante neue Figuren, allen voran die deutsche Ermittlerin Jutta Beyer, gibt es jedenfalls, um sich auf die weiteren Fälle zu freuen.

Bislang fanden Sie an dieser Stelle die Krimis des Monats. Ab jetzt werden Kriminalromane auf SPIEGEL ONLINE einzeln rezensiert. Zuletzt: Donald Ray Pollocks "Das Handwerk des Teufels", Fred Vargas' "Die Nacht des Zorns" und Sam Hawkens "Die toten Frauen von Juarez".

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