Comic "Metamaus" Gefangen in der Mäuse-Maske

Mit der Holocaust-Geschichte "Maus" veränderte US-Cartoonist Art Spiegelman die Weise, wie Comics wahrgenommen werden. Zum 20. Jubiläum der deutschen Ausgabe erscheint ein Sammelband, der die Genese des Zeichenkunst-Meilensteins nachverfolgt.

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Darf man einen Comic über den Holocaust machen? Noch dazu, wenn man den Figuren Tierköpfe aufsetzt: die Juden als Mäuse, die Deutschen als Katzen, die Polen als Schweine porträtiert? Art Spiegelman hat sich getraut: 1978 begann der Zeichner aus New York, seine Familiengeschichte aufzuschreiben. Als Sohn jüdischer Polen zeigte er das Schicksal der Eltern zu Kriegszeiten: vom Schtetl-Leben im heutigen Sosnowiec über die Schornsteine von Auschwitz bis hin zu einem Neuanfang in New York.

"Maus" wurde zum internationalen Bestseller, Spiegelman erhielt 1992 als erster Cartoonist überhaupt den Pulitzer-Preis. Der Erfolgsgeschichte dieses Comic-Wunders ist jetzt ein eigenes Buch gewidmet. "MetaMaus" versammelt auf 300 Seiten bisher unveröffentlichtes Skizzenmaterial und lässt den Autor selbst zu Wort kommen. Entstanden ist so nicht nur eine sorgfältige Studie über die Macht der Bilder im Angesicht traumatischer Erlebnisse, sondern auch ein faszinierend persönliches Porträt über Spiegelman und seinen Vater. Deren gestörtes Verhältnis war Themenschwerpunkt in "Maus".

Wühlen im "Rattennest"

Eigentlich, so erfährt man im Sammelband, hätte der Zeichner lieber die Geschichte aus Sicht seiner Mutter erzählt. Doch diese nahm sich 20 Jahre nach Auschwitz das Leben. Und auch sein Vater konnte den Ruhm von "Maus" nicht mehr verfolgen. Als der erste Teil 1986 erschien, war Wladek Spiegelman bereits verstorben. Wohl auch deswegen weigerte sich der Künstler jahrelang, ein Album zum Zeichenbuch-Klassiker zu erstellen. Zu schmerzhaft waren die Erinnerungen, die mit der Entstehung von "Maus" verbunden sind. Zu groß aber auch das Archiv an Bildern und Tonaufnahmen, das es zu sortieren galt. Erst 2006 gab Spiegelman nach und gewährte der Literaturwissenschaftlerin Hillary Chute uneingeschränkten Zugang zum Atelier in SoHo.

Fünf Jahre lang durchwühlte die Professorin aus Chicago das "Rattennest", bis alle Unterlagen zusammengetragen waren. Das Ergebnis fasziniert durch seine Vielfalt. Fotografien der Eltern Wladek und Anja von vor dem Krieg. Verworfene Zeichnungen zu den einzelnen Kapiteln. Außerdem eine Mitschrift des Interviews von Spiegelman und seinem Vater, auf dessen Schilderungen die Comic-Serie basiert. Sie alle legen Zeugnis ab von der Sorgfalt, mit der der Künstler an "Maus" herangegangen ist. Und machen verständlich, warum zwischen Idee und Fertigstellung des Meisterwerkes 13 Jahre lagen.

Da die Materialien den Umfang eines Sachbuches gesprengt hätten, sind sie auf einer Bonus-DVD gespeichert, die auch die komplette "Maus" enthält. So bleibt in der Druckfassung mehr Platz für Spiegelmans Worte. Den Hauptteil von "MetaMaus" nimmt ein langes Gespräch zwischen Chute und dem Zeichner ein. Es dreht sich um Fragen, mit denen der Autor im Laufe seiner Karriere konfrontiert wurde. "Warum Comics? Warum Mäuse? Warum der Holocaust?" Insofern stellt das Buch auch einen Befreiungsschlag für den 64-Jährigen dar. Indem er ausführlich Antworten erteilt, kann er alle zukünftigen Anfragen ablehnen. Viele Gesprächspassagen wurden in ähnlicher Weise an anderer Stelle bereits abgedruckt. Aber noch nie waren seine Ideen so gebündelt festgehalten, noch nie vermischten sich scharfe Analysen zum Zeichenstil so deutlich mit Kindheitserinnerungen.

Das Trauma der zweiten Generation

Der Verdienst von "MetaMaus" liegt weniger darin, ein Arbeitsmaterial zu liefern, mit dessen Hilfe man dem Werk eines der größten Comic-Talente unserer Zeit nahe kommt. Weitaus wichtiger ist der Blick auf den Menschen Art Spiegelman - einen Sohn von Holocaust-Überlebenden, der mit den Geistern seiner Vergangenheit zu kämpfen hat. Der Akt des Zeichnens - das lernt man hier - stellte für den Cartoonisten immer ein inneres Ringen dar. Gegen Versagensängste. Gegen die unerbittliche Geschichte, die seine Eltern zu Opfern eines Terrorregimes werden ließ. Gegen die Unfähigkeit, das Trauma in Worte zu fassen.

Deswegen war "Maus" auch immer Therapiearbeit. Nur dank des Comics konnte Spiegelman "die Toten in kleine Schachteln tun", sie zwischen den Zeichnungs-Panels begraben - und mit ihnen auch die eigenen Schuldgefühle. Der Künstler behandelte Fragen, die sich viele Juden der zweiten Generation stellen: "Wie konntest du geboren werden, da das doch gar nicht vorgesehen war." Dies ist die herausragende Leistung von "Maus".

Die Last des Ruhms

Die Schattenseite besteht in der großen Popularität des Werkes. "Maus" wurde für Spiegelman zum Maßstab, der alle anderen Arbeiten schmälerte. Egal, ob seine Reflektionen zum Terroranschlag auf das World Trade Center ("Im Schatten keiner Türme") oder die Titelblätter, die er für den "New Yorker" entwarf - sie alle gingen im Glanz des Holocaust-Buches unter. Somit wurde der Comic-Star zum Gefangenen seiner Mäuse-Maske. Mit "MetaMaus" zollt er diesem Unterdrückungsgefühl Tribut. Im Vorwort versucht der Zeichner, sich das Tiergesicht abzustreifen, und deckt einen Totenschädel auf.

Dass Spiegelmans Oeuvre weit reichhaltiger ist, als viele Zeitgenossen vermuten, davon zeugt die Ausstellung "CO-MIX" im Kölner Museum Ludwig. Erstmalig wurde dem Künstler eine umfassende Retrospektive gewidmet. Von frühen Auftragsarbeiten für die Kaugummi-Industrie über die Avantgarde-Hefte "RAW" bis hin zu Illustrationen für den "New Yorker" sind alle Schaffensphasen vereint. Und erhalten ebenso viel Geltungsraum wie die Abbildungen von "Maus". Am 28. September wird Art Spiegelman zudem in Berlin der mit 50.000 Euro dotierte Siegfried-Unseld-Preis verliehen.


Ausstellung:
Co-Mix: Art Spiegelman. Eine Retrospektive von Comics, Zeichnungen und übrigem Gekritzel. Köln. Museum Ludwig. 22.9.2012 - 6.1.2013.

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