Artemis Fowl Harry Potter auf der Spur

Im Land der Trolle und Zauberer herrscht Krieg. Leseratten müssen sich demnächst zwischen Potter- und Artemis-Kult entscheiden. Eoin Colfer will mit seinem magischen Anti-Helden "Artemis Fowl" den Buchmarkt erobern.


Der böse Zauberlehrling: "Artemis Fowl"

Der böse Zauberlehrling: "Artemis Fowl"

Es geschah in Irland: Ein Lehrer mit magischen Neigungen erschafft einen vorpubertären Jungen, eine Reihe wilder Kobolde und phantastischer Feen, verknotet sie in einen Handlungsstrang, spricht die magische Formel "Harry Potter hat Unsummen von Geld eingebracht", und als der Rauch verflogen ist, hält er einen großen Topf voller Gold in der Hand.

Eine 250.000 Dollar teure Marketing-Kampagne bringt in der ersten Mai-Woche das Abenteuerbuch "Artemis Fowl" auf den Markt. Die Hollywood-Firma Miramax plant bereits die Verfilmung der Geschichte. Dabei wurde zuvor noch kein einziger Titel des Autors Eoin Colfer außerhalb seines Heimatlandes Irland veröffentlicht.

Zauberlehrlinge im Wettsreit

"Es war ein großer Schock", kommentiert Colfer seinen plötzlichen Erfolg, mit dem er offenbar nicht gerechnet hatte. Die Rechte an seinem Buch wurden bereits für 1,5 Millionen im Voraus in 18 Länder verkauft. Die Erzählung wird als Gegenstück zu den erfolgreichen Abenteuern des Zauberlehrlings Harry Potter gesehen. Gleichzeitig sucht "Artemis Fowl" eine Lücke zu füllen, denn die britische Autorin Joanne K. Rowling soll angeblich ihren fünften Harry Potter Roman nicht vor 2002 auf den Markt bringen.

"Alle Bücher, die Magie thematisieren, werden heute automatisch mit Harry Potter verglichen", weiß Colfin. Und tatsächlich bestehen zwischen Artemis Fowl und Harry Potter Ähnlichkeiten: Sie sind beide gescheite Jungen, kurz vor der Pubertät, und beide müssen ohne elterliche Unterstützung zurechtkommen. Doch damit haben die Gemeinsamkeiten auch schon ein Ende. "Die Erzählung und die Charaktere sind völlig gegensätzlich", verteidigt Colfer die Originalität seines Werkes. Während Harry Potter ein "guter" Junge ist, der gegen böse Mächte kämpft, ist Artemis ein Anti-Held, der Kobolde entführt und Geheimnisse stiehlt.

Comichelden und Martinis

Der gute Zauberlehrling: "Harry Potter"
Scholastic

Der gute Zauberlehrling: "Harry Potter"

Colfer hatte Rowlings Romane nicht vor Beendigung seines Skripts gelesen. Er knüpfe eher an Heldenfiguren aus Comicgeschichten wie Batman und Superman an. Die Comics, die er als Kind gesammelt habe, seien seine Inspirationsquelle. "Mein Stil ist stark daran angelehnt. Ich mag es, die Geschehnisse ständig am Laufen zu halten."

Das Buch beschreibt den Kampf zwischen Artemis und einer Reihe von Feen, Zwergen und Trollen, die versuchen, den wahren Helden der Geschichte, den Kobold Holly Short, zu befreien. Holly Short ist ein James-Bond-artiger Spezialagent, allerdings ohne Sportwagen, Girls und Martini. Sein "Q", ein Zentaur namens Foaly, entwickelt eine mächtige Waffe für die Feen, die ihre bisherigen Zauberkräfte um ein vielfaches übertrifft. "Ich liebe James-Bond-Filme, also sind sie definitiv ein Element meiner Geschichten."

Im Bann des Bösen

Artemis' Waffen sind sein Verstand und viel Geld, nichts, was ihn bei den meisten jungen Lesern beliebt machen wird, auf die das Buch abzielt. "Ich habe immer die genialen Bösen bewundert. Ich liebe diese Figuren. Ich empfand den Schurken stets als den interessantesten Charakter in einem Buch", sagt Colfer. Am Ende der Erzählung zeigt Artemis menschliche Schwächen, mit der sich Kinder aller Alterstufen identifizieren können. Artemis' Sehnsucht nach seinem Vater und das Mitgefühl für seine sich grämende Mutter dürfte ebenfalls bei Millionen von Kindern mit zerrütteten Elternhäusern Anteilnahme erwecken.

Eoin Colfer unterrichtete Zehnjährige im Bezirk Wexford, bis er plötzlich in die lärmende Welt der Interviews und Promotion-Touren hineingesogen wurde. Derzeit macht er eine zweijährige Unterrichtspause und schreibt am zweiten Buch der auf drei Teile angelegten Artemis-Serie.

Luxus-Limousinen und plattes Land

"Ich war in Los Angeles, wurde in Limousinen chauffiert und habe in den nobelsten Hotels übernachtet, aber es war schön, nach Hause und in das normale Leben zurückzukehren", gesteht Colfer, der es offensichtlich bedauert, so lange von seiner Familie getrennt gewesen zu sein. Nach Hollywood zieht es den erfolgreichen Autor nicht. Im Gegenteil, er versuche Miramax zu überreden, den Film in Irland zu drehen, sagt er. "Alle Orte, die ich mir beim Schreiben des Buches vorgestellt habe, liegen in Irland." Besonders ein Landgut im Bezirk Wexford diene als Schauplatz von Artemis.

Ob die Artemis Fowl ebenso viel Anklang bei der jugendlichen Leserschaft findet wie Rowlings "Harry Potter", bleibt abzuwarten. Wenn ja, dann wird Colfer für immer in die Welt Trolle, Kobolde und Feen verbannt sein und zahlreiche Agenten und Herausgeber beschäftigen. Es mag Fluch und Segen zugleich sein, den Topf voller Gold am Ende des literarischen Regenbogens entdeckt zu haben.

Von Nigel Hunt



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