Assaf Gavron über Israelkritik "Ich habe in Gaza erfahren, was wir ihnen antun"

Der neue Roman von Assaf Gavron spielt kurz vor Gründung des Staates Israel. Hier spricht der Schriftsteller über Boykottaufrufe, Erniedrigungen - und Sigmar Gabriel.

Jüdische Kinder feiern die Proklamation des Staates Israel 1948
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Jüdische Kinder feiern die Proklamation des Staates Israel 1948

Ein Interview von


Zur Person
  • EPA/ EFE
    Assaf Gavron, 49, ist einer der wichtigsten linken Intellektuellen und erfolgreichsten Schriftsteller Israels. Nach Romanen über die jüdischen Siedlungen ("Ein schönes Attentat") und einen Nahen Osten der Zukunft ("Hydromania") hat er nun mit "Achtzehn Hiebe" eine Geschichte über die Zeit vor der Gründung des Staates vorgelegt. Gavron lebt in Tel Aviv.

SPIEGEL ONLINE: Herr Gavron, Ihr neuer Roman "Achtzehn Hiebe" ist eine Liebes- und Detektivgeschichte über die Mandatszeit in Palästina, zur Zeit der britischen Besetzung. Ist diese Zeit in Israel noch präsent?

Assaf Gavron: Wir lernen als Kinder schon die Heldentaten, die zur Gründung von Israel führten. Die zionistische Bewegung, der Untergrund, der Kampf gegen die Briten. Die Juden waren tapfer, die Briten waren böse, denn sie besetzten das Land. Also kämpften wir gegen sie, gegen die Briten und die Araber. Was wir nicht lernen, ist die britische Sicht.

SPIEGEL ONLINE: Sie beschäftigen sich mit dem Thema anhand einer Liebesgeschichte zwischen britischen Soldaten und jüdischen Siedlerinnen.

Gavron: Es ist nicht so, dass ich etwas enthüllen würde, wovon keiner wusste. Über die romantischen Verbindungen hören wir nichts in der Schule. Auch nichts von der britischen Seite. Hier musste ich recherchieren, damit die Fakten stimmen.

SPIEGEL ONLINE: Und?

Gavron: Die Briten wussten nicht mehr, was sie tun sollten mit den Arabern, mit den Juden. Sie standen in der Mitte, auf sie zielten die meisten Pfeile. Also rannten sie einfach davon.

SPIEGEL ONLINE: Nicht, ohne zuvor zu erniedrigen und erniedrigt zu werden. Achtzehn Hiebe ließ der spätere israelische Ministerpräsident Menachem Begin entführten englischen Soldaten erteilen, weil die Briten zuvor jüdische Widerstandskämpfer auf diese Weise bestraft hatten.

Gavron: Begin akzeptierte als Soldat den Tod im Kampf und auch Hinrichtungen durch Hängen. Aber er hatte, vermutlich wegen Kindheitserlebnissen, ein echtes Problem mit der Prügelstrafe. Das machte ihn verrückt, also leitete er diese Vergeltungsmaßnahme.

SPIEGEL ONLINE: Auge um Auge, Zahn und Zahn. …

Gavron: Es ist nur eine kleine Geschichte, nicht sehr bekannt. Aber es geht darin um Erniedrigung. Eine besondere Wunde sozusagen, die siebzig Jahre lang nicht verheilen mag. Auf eine ähnliche Weise, wie auch die Liebe die Zeit überdauert. Ich habe versucht, beide Elemente zusammenzubringen. Auch mochte ich die Idee, Menschen zu folgen, die noch immer leben - in ihrer Jugend aber in einer völlig anderen Welt zu Hause waren.

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Assaf Gavron:
Achtzehn Hiebe

Aus dem Hebräischen von Barbara Linner

Luchterhand Literaturverlag; 416 Seite; 22 Euro

SPIEGEL ONLINE: Sie waren selbst Soldat, in Gaza, zur Zeit der ersten Intifada. Hat das ihren Blick auf Israel verändert?

Gavron: Ich habe in Gaza erstmals erfahren, was ein Palästinenser überhaupt ist, wie es sich dort lebt, was wir ihnen antun und was die Besatzung bedeutet. Vorher hatte ich darüber nie nachgedacht.

SPIEGEL ONLINE: Deshalb sympathisieren Sie mit Organisationen wie "Schovrim Schtika" ("Breaking The Silence"), einer NGO, die die Öffentlichkeit mit der Realität in den besetzten Gebieten konfrontiert?

Gavron: Ja. Denn das sind auch ehemalige oder aktive Soldaten, die an der Sache zweifeln. Wenn ich damals die Wahl gehabt hätte, hätte ich mich dem Dienst an der Waffe entzogen. Damals habe ich es nicht hinterfragt.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland wird israelische Politik auch ganz gerne mal hinterfragt.

Gavron: Mag sein. Aber deutsche Politiker unterstützen doch Organisationen wie "Breaking The Silence", oder nicht?

SPIEGEL ONLINE: Sigmar Gabriel, bis vor Kurzem deutscher Außenminister, wurde das nicht nur von Benjamin Netanjahu zum Vorwurf gemacht.

Gavron: Ich habe Gabriel getroffen, mit ihm über diese Dinge gesprochen und war sehr beeindruckt. Von Frank-Walter Steinmeier übrigens auch. Die waren beide sehr gut informiert. Mein Eindruck ist, und ich vergleiche hier mit israelischen Politikern, dass deutsche Politiker seriös sind und wissen, wovon sie reden. Zumindest jene, die ich getroffen habe. Es ist wichtig, dass oppositionelle Kräfte gehört werden, dass sie ihre Arbeit machen können.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin gibt es solche Kräfte in Israel. Von seinen Gegnern ringsum lässt sich das beim besten Willen nicht behaupten.

Gavron: Das ist wahr. Wir sind noch kein totalitärer Staat. Natürlich kenne ich diese Diskussion über Israel, diesen Konflikt innerhalb der deutschen Gesellschaft. Einerseits muss Deutschland Israel unterstützen, wegen der Vergangenheit. Das ist ein gutes Gefühl, auch für mich als Schriftsteller und als Israeli. Andererseits gibt es ein Recht, alles Mögliche zu kritisieren. Ich kritisiere die israelische Politik, und ich bin Israeli!

SPIEGEL ONLINE: Ja. Sie sind Israeli.

Gavron: Und deshalb darf ich kritisieren, Sie aber nicht?

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland reden wir dann gerne von "Israelkritik", das müsse erlaubt sein. Seltsamerweise gibt es keine "Nigeriakritik" oder "Polenkritik". Sogenannte "Israelkritik" kommt auch von einer Linken, der die palästinensische Sache so sehr am Herzen liegt, dass sie in ihren Positionen nicht mehr von der Rechten zu unterscheiden ist.

Gavron: Antisemiten haben gewiss andere Beweggründe als Freunde des Staates Israel, das stimmt.

Ein Jude beim Gebet am Ort der ehemaligen Siedlung in der Nördlichen Westbank
DPA

Ein Jude beim Gebet am Ort der ehemaligen Siedlung in der Nördlichen Westbank

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von einer Bewegung wie "Boycott, Divestment And Sanctions" (BDS), die Israel in jeder Hinsicht isolieren will?

Gavron: Ich bin gegen den Boykott von Kulturschaffenden, von Akademikern oder Intellektuellen. Ich unterstütze aber wirtschaftlichen, finanziellen, ökonomischen Boykott, etwa spezifisch von Produkten aus der Westbank, von den Siedlern. Weil das kein Teil von Israel ist. …

SPIEGEL ONLINE: Hier wird es gefährlich. Diese Haltung erinnert an den Nazi-Slogan: "Kauft nicht beim Juden!"

Gavron: Gut, sprechen wir nur über BDS. Ich finde diese Kampagnen nicht überzeugend, und ich bin nicht einverstanden. Ich war auch schon selbst betroffen. Ich hatte Veranstaltungen in New York und Australien, gegen die BDS protestierte und zum Boykott aufrief - weil das israelische Konsulat meinen Flug bezahlt hat.

SPIEGEL ONLINE: Womit Sie als Kritiker der Regierung kein Problem haben?

Gavron: Im Gegenteil. Gerade als Kritiker finde ich es besser, wenn sie mich unterstützen, als dass sie das Geld in eine weitere Siedlung stecken.

SPIEGEL ONLINE: Der Konflikt wird inzwischen auf Bühnen und Podien weltweit ausgetragen.

Gavron: Ich kann nicht einmal sagen, er sollte nicht auch in der kulturellen Sphäre ausgetragen werden. Ich spreche auch als Schriftsteller gegen die Besatzung. Als jemand, der dieser Meinung ist, möchte ich jeden möglichen Kanal nutzen.

SPIEGEL ONLINE: Wie weit kann der Schriftsteller, der Künstler in politischer Hinsicht gehen?

Gavron: In meinem literarischen Schreiben hat Politik in diesem Sinne keinen Platz. Hier kann ich Fragen stellen und das Urteil den Lesern überlassen. Das ist auch der Grund, warum meine Fakten stimmen müssen. Ich will mich nicht zum Deppen machen.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren auch Autor für das Computerspiel "Peacemaker", das den Nahostkonflikt zum Thema macht.

Gavron: In diesem Spiel ging es auch darum, als Spieler jeweils die Gegenseite zu verstehen. Du kannst es als Israeli oder Palästinenser spielen. Es geht um beide Seiten. Das ist überhaupt wichtig im Leben, nicht nur in diesem Konflikt .…

SPIEGEL ONLINE: … Bis zu dem Moment, in dem man dazu genötigt ist, Stellung zu beziehen.

Gavron: Das ist richtig. Diese Stellung beziehe ich dann aber auf Basis von Wissen und Verständnis der Lage, nicht aufgrund von Gerüchten und Halbwahrheiten. Die Fakten, ich erwähnte es, müssen stimmen.

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