Assange-Roman Ich glaub, es hackt

Um Julian Assange ist es stiller geworden - prompt kommt die deutsche Übersetzung des Tatsachenromans "Underground" von dem WikiLeaks-Gründer und Co-Autorin Suelette Dreyfus auf den Markt. Das Buch ermöglicht spannende Einblicke in die internationale Hacker-Szene.

Von Oskar Piegsa

WikiLeaks-Gründer Assange: Drei Jahre Recherche für Hacker-Buch
DPA

WikiLeaks-Gründer Assange: Drei Jahre Recherche für Hacker-Buch


Auf einmal musste alles ganz schnell gehen: Kaum hat ein Londoner Amtsgericht Ende Februar die Auslieferung Julian Assanges nach Schweden beschlossen, kaum hat der WikiLeaks-Gründer und angebliche Vergewaltiger Berufung eingelegt, kaum haben Journalisten und ehemalige Weggefährten Enthüllungsbücher zu dem weltberühmten Hacker veröffentlicht - da erscheint plötzlich die deutsche Übersetzung des Tatsachenromans "Underground", der Julian Assange als Co-Autoren ausweist.

"Die Geschichte der frühen Hacker-Elite" erzählt das Buch laut seinem Untertitel und tatsächlich wird enttäuscht werden, wer hier mehr über Julian Assange zu erfahren hofft. Dessen Organisation WikiLeaks wird nur in den nachträglichen Vor- und Nachworten erwähnt. "Nachträglich", denn zum ersten Mal ist "Underground" bereits 1997 veröffentlicht worden. Seit 2001 steht die englischsprachige Ausgabe sogar mit dem Segen der Autorin kostenlos im Internet. "Der Autorin", denn ursprünglich wurde Julian Assange bloß als Recherche-Assistent und nicht als Urheber angegeben.

Geschrieben worden ist "Underground" von der Technikjournalistin Suelette Dreyfus, die zusammen mit Assange Porträts junger Männer recherchierte, die sich in den späten achtziger und frühen neunziger Jahren in die Netzwerke von Banken und Behörden hackten - also lange, bevor das Internet hierzulande massentauglich wurde und in einer Zeit, in der 20-Megabyte-Festplatten die Spitze des technischen Fortschritts markierten.

Mischung aus Langeweile und Todesangst schlägt sich stilistisch nieder

Einer dieser Hacker trägt den Decknamen Par und seine Geschichte ist typisch für die Mischung aus spätpubertären Elend und Größenwahn, die dieses Buch ausmacht. Par ist ein unscheinbarer 22-jähriger Amerikaner, der nächtelang vor seinem Rechner hockt, "das Zimmer nur vom fahlen Schein des Monitors erleuchtet". Wenn im X.25-Netz nichts los ist, starrt er zur Abwechslung in sein Aquarium. Par liebt Theorem, eine der wenigen Frauen im Netzwerk, die im echten Leben tausende Kilometer entfernt von ihm in der Schweiz lebt. Doch dann erfährt Par, dass Theorem mit Gandalf aus der Hackergruppe "Eight-Legged Groover Machine" flirtet - und zwar über das Log-in, das Par eigens für sie gehackt hatte! Als er Theorem im Chat zur Rede stellt, streitet sie alles ab. Soweit, so banal.

Doch später stürmt der Secret Service die Wohnung, in der sich Par versteckt, seit er sich illegal in den Großrechnern einer Bank umgeschaut hat und deshalb mit Haftbefehl gesucht wird. Und bald sitzt er im New Yorker Gefängnis Rikers Island, weiß nicht, was er ohne Netzwerkzugang mit seiner Zeit anfangen soll, und spielt das Fantasy-Brettspiel "Dungeons and Dragons" mit seinen Zellennachbarn - einem Juwelendieb, einem homophoben Mörder und einem sadistischen Serienkiller, der sich beim fiktiven Kampf gegen Kobolde in einen so gewaltigen Blutrausch steigert, dass es seinen Mitspielern die Lust verdirbt.

"Underground" erwacht in solchen Momenten zum Leben - wenn es auch außerhalb der prähistorischen Computernetzwerke zu menschlicher Interaktion kommt und deutlich wird, wie unverhältnismäßig und überfordert die Reaktionen der Behörden auf die Neugierde der Nerdjungen sind. Leider schlägt sich die Mischung aus Langeweile und Todesangst aber auch stilistisch nieder und so geizt "Underground" nicht mit ermüdenden Technikbeschreibungen und schrillen Superlativen.

"O.k." - "O.k., o.k." - "O.k., alles klar!"

Gleich fünf Übersetzer hat der Verlag Haffmans & Tolkemitt verpflichtet, um "Underground" ins Deutsche zu übertragen - und das Ergebnis eher flüchtig lektoriert. Erst sagen die Hacker unentwegt "Okay", dann "O. k.", mal mit und mal ohne Leerzeichen, und hundert Seiten später wieder "Okay". Das wäre nun wirklich egal und darauf hinzuweisen schlimmste Erbsenzählerei, würden die "Underground"-Protagonisten nicht immer wieder Dialoge mit dem Wortschatzumfang einer Windows-Fehlermeldung führen: "O.k." - "O.k., o.k." - "O.k., alles klar!" Der Gedanke "Abbrechen" liegt manchmal sehr nah.

Unbestreitbar ist derweil die Rechercheleistung, die diesem Buch zu Grunde liegt. Drei Jahre lang forschten Dreyfus und Assange für "Undergound" in Australien, Europa und den USA, besuchten Gerichtsprozesse und interviewten viele Aktivisten einer Szene, die nicht gerade für ihre Transparenz oder stabile Mitgliederstruktur bekannt ist. Man sollte diesen "Tatsachenroman" also lieber der "Tatsachen" als des "Romanes" wegen lesen - und keine Einblicke hinter Assanges Fassade erwarten. Dieser zeigte sich durch seine Recherchearbeit für "Underground" schon zehn Jahre vor der Gründung von WikiLeaks vor allem daran interessiert, die Geheimnisse anderer Leute zu ergründen und an die Öffentlichkeit zu schaffen - und nicht seine eigenen.

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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
pfeifffer, 27.03.2011
1. Soso..
" und spielt das Fantasy-Brettspiel "Dungeons and Dragons" mit seinen Zellennachbarn" D&D ist also ein Brettspiel? Ein bißchen mehr Recherche hätte dem Artikel gutgetan.
mave_ 27.03.2011
2. .
D&D gibt es sehr wohl auch als Brettspiel. Ein bisschen mehr Recherche hätte ihrem Beitrag nicht geschadet.
PrettyHateMachine 27.03.2011
3. .
Zitat von pfeifffer" und spielt das Fantasy-Brettspiel "Dungeons and Dragons" mit seinen Zellennachbarn" D&D ist also ein Brettspiel? Ein bißchen mehr Recherche hätte dem Artikel gutgetan.
... mir sieht das doch sehr nach Brettspiel aus: http://www.amazon.de/Parker-HAS47869-Dungeons-Dragons/dp/B0000TZ68W/ref=sr_1_1?s=toys&ie=UTF8&qid=1301227201&sr=1-1
lhr 27.03.2011
4. ...
Zitat von sysopZum marketing-technisch günstigen Zeitpunkt kommt die deutsche Übersetzung des Tatsachenromans "Underground" von Suelette Dreyfus und WikiLeaks-Gründer Julian Assange auf den Markt. Das Buch ermöglicht spannende Einblicke in die internationale Hacker-Szene. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,753392,00.html
und der Spiegel spielt mit und unterstuetzt das Marketing.
Trondesson 27.03.2011
5. .
Zitat von lhrund der Spiegel spielt mit und unterstuetzt das Marketing.
Der Spiegel schreibt einen Artikel darüber. Haben Sie ein Problem damit?
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