Neuer "Asterix"-Band Witze, die fallen wie Pferdeäpfel

Eine Hülle ohne Herz: Warum sich der neue Band "Asterix in Italien" als Enttäuschung entpuppt - und wie die Reihe der Genialität des Originals vielleicht wieder näher kommen könnte.

Les Éditions Albert René/ Ehapa

Zum Autor
    Timur Vermes wurde 1967 in Nürnberg als Sohn einer Deutschen und eines 1956 geflohenen Ungarn geboren. Er studierte Geschichte und Politik und wurde dann Journalist. 2012 veröffentlichte er den satirischen Roman "Er ist wieder da", von dem mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden.
  • Für SPIEGEL ONLINE schreibt er über Comics und Graphic Novels.

Asterix zu besprechen ist gefährlich. Ich habe "Der Papyrus des Cäsar" nicht gelesen und auch nicht "Asterix bei den Pikten". "Asterix in Italien" ist mein erster nicht von Albert Uderzo gezeichneter Band.

Wer mit Asterix aufgewachsen ist, muss zudem doppelt aufpassen: Nachfolgern wird gerne übelgenommen, dass sie nicht die Originalschöpfer sind, also verdienen Szenarist Jean-Yves Ferri und Zeichner Didier Conrad besondere Sachlichkeit. Was zeichnet also die guten und besten Asterix-Bände aus? Entschlüsseln wir es und legen diesen Maßstab bei "Asterix in Italien" an.

1. Die Geschichte

Asterix ist dank Zaubertrank unbesiegbar. Gute Bände stellen Asterix deshalb vor ein Problem, bei dem Kraft allein nicht hilft. Er muss Empfindliches schützen (ein spanisches Kind, ein Fass Zaubertrank, einen kleinen Architekten), er muss Geld verdienen (ohne jede Ahnung von Wirtschaft). Er muss Aberglauben bekämpfen und Neid. Diesmal muss er - nichts. Er begleitet Obelix, der Rennwagen-Lenker werden will. Warum? Weil irgendeine Seherin es sagt. Das Rennen veranstaltet ein römischer Senator, um zu zeigen, dass seine maroden Straßen nicht marode sind. Zahl der Schlaglöcher im gesamten Band: zwei. Ein witzloses Rennen, bei dem Asterix nur teilnimmt, damit die Seiten voll werden. Klingt gar nicht mal so gut.

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"Asterix in Italien": Eine Hülle ohne Herz

2. Die Charaktere

Asterix classic ist clever und fokussiert, aber zugleich entspannt, weil er sich auf seinen Witz verlässt. Obelix classic ist das Gegenstück: Schlicht, leicht abzulenken, geradezu kindlich lustbetont (Essen! Prügeln!). Aus dieser Spannung entwickelte Goscinny zahllose Gags, Konflikte und überraschende Lösungen. Und Obelix 2017? Der ist plötzlich so ehrgeizig, dass er sinnlos einen Rennwagen kauft. Asterix 2017 meiert ihn humorlos ab, er sei "nun mal Hinkelsteinlieferant", und ist im Rennen plötzlich total sieggeil.

Er schwallt platt wie ein IOK-Funktionär: "Vergesst nie: Wir sind Konkurrenten, keine Feinde. Unser Ziel ist dasselbe: Cäsar und seinen Favoriten zu schlagen." Einen dieser Nichtfeinde hat er halt aber im Bild zuvor grundlos verprügelt - eine Premiere nach 58 Jahren. Auf Seite 21 haben die Autoren auch beide Hauptfiguren an die Wand gefahren. Respekt.

3. Die Philosophie

Hat Asterix eine Philosophie? Aber sicher: Ähnlich wie in "Futurama" geht es darum, dass die Menschen und ihre Probleme immer gleich bleiben. Es gibt immer Bürokraten (Römer), es gibt immer die Zivilisation mit ihren Regeln und den Wunsch, sich diesen zu widersetzen, den die Gallier ausleben dürfen. Wenn Asterix im Legionshauptquartier (Band X) auf der Suche nach Auskunft der Kragen platzt, fühlen wir bis heute mit.

"Asterix in Italien" hat davon null. Und schreddert nebenher munter weiter das Personal: Methusalix, zeitloses Symbol der zeternden Generation aus dem letzten Krieg, hat 2017 erst Angst vorm Zahnarzt (Arme wie Taue, zwei Rohrzangen in der Hand, wie eben Zahnärzte so sind). Hinterher ist er auf einmal notgeil und will "was aufreißen". Methusalix hat man einst um Rat gefragt. Heute ist er eine Witzfigur, Kategorie "Paukerfilm".

4. Der Gegenspieler

Wir erinnern uns an den karrieresüchtigen Architekten aus der Trabantenstadt? Den Hassmotor Tullius Destructivus? Den Seher? Und natürlich Julius Cäsar, der kompetente Feldherr, der skrupellose Politiker, der mit mühsam gewahrter Haltung gewinnen und verlieren konnte? Das war einmal.

Der Gegenspieler 2017 ist erst der römische Wagenlenker, dann der sinnlose Senator, und dann ein Cäsar, der lässig über ein Terrassengeländer springt wie Terence Hill aus dem Sattel, der dauernd droht und unablässig brüllt, weil sich bis zu Ferri/Conrad noch nicht herumgesprochen hat, dass Gebrüll weder souverän noch gefährlich wirkt, sondern nur überfordert. Angesichts dieser Resterampe wirkt sogar der Berlusconi-Lookalike bedrohlich: Prompt liefert er auf seinen fünf Panels Langeweile.

5. Der Humor

Mit Goscinny gelangen Uderzo sensationelle Szenen. Unscheinbar eingeleitet, raffiniert aufgebaut. Slapstick, Wortwitz, Running Gags, perfektes Timing, Missverständnisse ("Darf ich liebenswürdig zu ihm sein, Asterix?"), und das immer im Dienst der Handlung. Dieses nahezu perfekte Vorbild könnte für Ferri/Conrad sehr belastend sein.

Aber entweder haben sie's nicht verstanden, oder es ist ihnen einfach wurscht. Wo ein Witz gebraucht wird, lassen sie ihn fallen wie einen Pferdeapfel: Parmaschinken isst man in Scheiben - Obelix isst ihn im Stück: Wirt glotzt dumm. Obelix sagt "Bleib ruhig, Asterix" - und rastet aus, weil er ein gebratenes Wildschwein sieht. Bild 1: Vorbereitung, Bild 2: Pointe, Zack, Bumm, so scherzt man von der Hand in den Mund, weil der Vorrat so klein ist.

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6. Die Bilder

Uderzos Zeichnungen hatten immer etwas Wertiges. Das lag am Detail und an der Überfülle von Ideen: An den (verbeulten!) Rüstungen der Legionäre, den riesigen Wäldern, wechselnden Einstellungen, Tageszeiten. Conrad hat all das reduziert: Wo Uderzo einen Strich mehr machte, macht Conrad zwei weniger. Das ist noch zu verschmerzen, leider spart er auch bei den Ideen.

Für Menschenmengen hatte Uderzo Hunderte Gesichter, Conrad liefert Standardvisagen, Hintergründe enden bei ihm gerne beim nächsten Busch. Hund Idefix, der bei Uderzo zu jeder Szene von Asterix und Obelix eine eigene Reaktion zeigt, verkommt völlig und wird seitenlang vorne in Obelix' Hose gestopft wie ein lästiges Einstecktuch. Es fehlt auch der Sinn für Choreografie. Uderzo hat gezeigt, wie man eine Rauferei inszenieren kann. Dass man wissen muss, wer wann in welcher Reihenfolge wen warum schlägt. Conrad malt so lange, bis alle Ecken schön voll sind. Warum eine zaubertranklose Amazone plötzlich Legionäre verkloppen kann? Ach, man mag eigentlich gar nicht mehr hinsehen.

7. Und jetzt?

Tja. Das ist eigentlich kein Asterix-Band, das ist die Mumie eines Asterix-Bands. Ein Fake Asterix, der einen noch sehnsüchtiger nach einem wahren Asterix zurücklässt. Der die Frage aufwirft, wie sinnvoll dieser Weg des lustlosen Aufwärmens ist und ob man nicht mit einem komplett anderen Weg dem Original wieder näher käme: wie es etwa Frank Miller vor über 30 Jahren mit Batman gemacht hat. Oder, vor Kurzem Lewis Trondheim mit Micky Maus.

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