Kultur

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Wildwest-Liebesgeschichte

Stuttgart, Texas

Sieben Jahre nach ihrem gefeierten Debüt legt Astrid Rosenfeld mit "Kinder des Zufalls" einen Liebesroman nach. Das Tempo ist filmreif - die Klischees aber leider auch.

Von Franziska Wolffheim

Getty Images

Texas

Freitag, 07.09.2018   17:46 Uhr

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Ein Junge hängt an einem toten Eichenbaum in der texanischen Wüste, ein Gürtel schnürt ihm den Hals ab. Die beiden Brüder, die ihn aufgehängt haben, sind sicher, dass er sterben wird. Doch irgendwann gelingt es Maxwell, sich zu befreien. Er fällt auf den harten Boden, der rechte Oberschenkel schmerzt, und trotzdem steht er auf. Später, lange nach diesem denkwürdigen Tag im März 1977, wird Maxwell ein richtiger Cowboy sein.

Diese erste Szene von Astrid Rosenfelds neuem Roman "Kinder des Zufalls" gibt ein Stück weit den Ton vor. Denn das Buch spart nicht mit Dramen, die mehr oder weniger herzzerreißend sind. Manche gehen gut aus, andere nicht. Wir begegnen harten Männern, die zu viel Whiskey trinken und manchmal ein weiches Herz haben. Die im Vietnamkrieg kämpfen und ihre Familien nie wiedersehen werden. Wir treffen wagemutige Frauen, die in der Fremde ihr Glück suchen, aber manche Träume begraben müssen. Alle sind sie Kinder des Zufalls und haben mehr oder weniger viel Schicksal zu schultern.

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Bei so viel Abenteuer-Dichte sieht man beim Lesen die Verfilmung des Romans schon vor sich. Schnelle Cuts, Zeitsprünge, Schauplatzwechsel: Astrid Rosenfeld hat ihren Roman im Fast-Forward-Modus geschrieben. Die Autorin präsentiert eine Fülle von Figuren und Lebensläufen, viele von ihnen werden nur angerissen und verschwinden wieder in der Versenkung. Bei diesem quecksilbrigen Erzählen fällt es besonders in der ersten Hälfte schwer, den Überblick zu behalten, und man hätte sich ein Personenverzeichnis gewünscht.

Benedikt Schnermann

Astrid Rosenfeld

Der in alle Himmelsrichtungen ausufernde Plot, der die Leser nach Deutschland, in die USA und nach Vietnam führt, strukturiert eine Liebesgeschichte: Da ist Maxwell, der als Junge mit seiner Mutter Charlotte jahrelang quer durch die USA gezogen ist, und Elisabeth, die aus Stuttgart stammt. Auf einer Party von Maxwells Mutter lernen sie sich kennen - Charlotte war einst wie Elisabeth von Deutschland in die USA ausgewandert.

Noch ein paar Funken Träume

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Als Maxwell Elisabeth trifft, hat er seine große Karriere bereits hinter sich: 17 Jahre lang war er als Cowboy Jill einmal pro Woche in den Sonnenuntergang geritten, als Held einer erfolgreichen TV-Serie. Mit Jills Fernsehtod ist Maxwells Schauspieler-Karriere zu Ende, er bekommt keine Rollen mehr.

Auch Elisabeth musste damit klar kommen, dass sie nicht mehr engagiert wird. In Deutschland hatte sie sich zur Balletttänzerin ausbilden lassen, mit 24 war sie voller Hoffnung zum New York City Ballett gekommen, wurde Solistin. Einige Jahre später machte ihr ein Knie Probleme, nach drei Operationen, die nicht halfen, ist ihre Karriere zu Ende.

Zwei Menschen also, die mit dem Erfolg abgeschlossen haben. Vielleicht ist das der geheime Grund, warum sie zusammen kommen, der eine sich in dem anderen wiederfindet. Gemeinsam ziehen sie nach Myrthel Spring, einen kleinen Ort in der texanischen Wüste, ein Mekka für Künstler, Bohemiens und verkrachte Existenzen, die noch ein paar Funken Träume haben. Ein Roman, der zum Bestseller geworden war, hatte den Ort berühmt gemacht. Ganz in der Nähe lebte einst Maxwell mit seiner Mutter, als er noch ein Junge war und beinahe, an einer Eiche baumelnd, krepiert wäre.

Myrthel Spring ist für Maxwell kein Trauma, sondern ein Neuanfang: Er eröffnet einen Saloon, der zum Touristenmagneten wird. Alle wollen den Mann kennenlernen, der einmal der Bildschirm-Cowboy war. Also erzählt Maxwell immer dieselben Abenteuergeschichten, um seine Fans glücklich zu machen. Und letztlich auch sich selbst.

Astrid Rosenfeld, die mittlerweile in Texas lebt, hat vor sieben Jahren mit "Adams Erbe" ein beeindruckendes Debüt hingelegt, das für den Deutschen Buchpreis nominiert war. Auch in ihrem neuen Roman finden sich starke Szenen, mit wenigen Strichen aufgerissen und mit pointierten, oft lakonischen Kommentaren versehen.

Trotzdem hat sich die Autorin in ihrem neuen Buch vergaloppiert: zu viele Figuren, zu viel Plots im Plot und zu viel raue Cowboy-Romantik. Manche Dialoge klingen, als stammten sie aus einem Western. Einmal fährt Elisabeth mit Maxwell durch die texanische Wüste und staunt über die Landschaft und die Unmengen von Kakteen: "'Ein schönes Land', sagte sie. 'Ein hartes Land', sagte er. 'Alles, was hier gedeihen soll, muss zäh sein. Pflanzen, Tiere, Menschen.' " Später heißt es: "Der Mann, den sie liebte, zeigte ihr das Land, das er liebte." Cowboy Jill hätte es nicht besser ausdrücken können.

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