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WG-Roman "Auerhaus": Der Sommer ihres Lebens

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Autor Bjerg: gute Laune, auf die melancholische Tour Zur Großansicht
Milena Schlösser

Autor Bjerg: gute Laune, auf die melancholische Tour

Wie hält man die Zeit an? Mit Feiern und Reden. Bov Bjerg erzählt in seinem Roman von Schülern, die kurz vor ihrem Abitur eine WG in der westdeutschen Provinz gründen. Ein zauberschönes Buch über die Jugend - für jedes Alter.

Die anderen Oberstufenschüler sind fixiert auf ihr Abitur. Frieders Freunde sind fixiert auf Frieder. Denn Frieder hat versucht, sich umzubringen.

Die anderen Oberstufenschüler führen ein Oberstufenschülerleben. Sie wohnen noch zu Hause, bei ihren Eltern, wirklich zu Hause aber sind sie auf dem Gymnasium: "Hätte man sie vor einer Klausur gefragt: 'Wozu lebst Du eigentlich', hätten sie geantwortet: 'Das kommt nicht dran, das müssen wir nicht wissen.'"

Frieder und seine Freunde sind in ihrem eigenen Haus daheim: in einem alten Bauernhaus, das einmal Frieders Großvater gehört hat und das die Nachbarn nun Auerhaus taufen, wie Auerhahn, weil sie von drinnen ständig den Hit "Our House" von Madness hören - aber kein Wort Englisch können. Eine Schüler-WG in der württembergischen Provinz.

Der Psychiater in der Nervenklinik hatte Frieder geraten, nicht länger bei seinen Eltern zu wohnen. Und seine Eltern hatten ihn gedrängt, nicht ganz alleine zu wohnen. Also kamen seine Freunde mit: das reiche Töchterchen Cäcilia, die rebellische Kleptomanin Vera und der zaudernde Ich-Erzähler, genannt Herr Höppner, der sich vor der Musterung drückt und unter dem saufenden Freund seiner Mutter leidet. "F2M2" schimpft er ihn: "Fieser Freund Meiner Mutter".

Die Freunde reden um Frieders Leben

Dem Berliner Schriftsteller und Kabarettisten Bov Bjerg, geboren 1965 in Heinigen in der Region Stuttgart, ist ein zauberschönes All-Age-Buch gelungen. Ein Roman für Jugendliche, der in die westdeutsche Provinz der Achtziger entführt, in eine Zeit, in der viele nach dem Abi nach Berlin abhauten, wenn sie nicht zur Bundeswehr wollten. Und gleichzeitig ein Roman über die Jugend, der den erwachsenen Leser in den 17-Jährigen verwandelt, der er einmal war.

Im Auerhaus führen Frieder und seine Freunde kein Oberstufenschülerleben so wie die anderen, sondern "ein richtiges Leben", wie sie finden, ein Erwachsenenleben: mit Aufstehen und Frühstückmachen und Federballspielen, mit Essenbesorgen und gemeinsamem Kochen. Und vor allem mit ziemlich viel Reden. Sie reden um Frieders Leben.

So schwer die Verantwortung wiegt, so verantwortungslos verhalten sich die Freunde in allen anderen Lebenslagen. Frieder und seine Freunde richten in ihrer Küche ein Trainingszentrum ein, um besser Klauen zu lernen. Sie nehmen die bildhübsche Pauline bei sich auf, die wegen Brandstiftung in der Psychiatrie saß und nun Glatze trägt, weil sie sich die Haare versengt hat. Sie beherbergen den schwulen Kiffer Harry, der eine Lehre als Elektriker macht und nebenbei am Stuttgarter Bahnhof auf den Strich geht. Sie feiern eine wilde Silvesterparty, zu der nicht nur die ganze Oberstufe kommt und die halbe Psychiatrie, sondern auch ein großer Teil der schwulen Szene zwischen Stuttgart und Paris.

Gute Laune mit melancholischem Anstrich

Es ist der Sommer ihres Lebens. So unbeschwert wie kein weiterer Sommer mehr werden wird. Aber das ahnen sie noch nicht. Die anderen Oberstufenschüler bereiten sich darauf vor, das Leben ihrer Eltern zu erben - und mit diesem die Praxis, die Kanzlei, das Ingenieurbüro. Sie stehen auf dem Wartegleis, wohlwissend, dass ihr künftiges Leben auf Schienen verlaufen wird. Frieder und seine Freunde hingegen leben schon jetzt, im Hier und Heute, als gäbe es kein Morgen.

Natürlich geht das irgendwann schief, ganz gründlich sogar, und doch macht der Roman Auerhaus gute Laune. Allerdings auf jene Art, auf die auch die alte Schuldisco-Hymne "Our House" gute Laune macht. Gute Laune mit melancholischem Anstrich.

Der Kabarettist Bov Bjerg, der einst Lesebühnen wie "Dr. Seltsams Frühschoppen" und die "Reformbühne Heim und Welt" gegründet hat, erzählt nicht etwa witzig, sondern warmherzig, in einer einfachen und eingängigen Sprache, die sich nie gebildeter gibt als seine jugendlichen Protagonisten. Er wirft einen Blick auf eine Phase im Leben, die unwiederbringlich vergangen ist. Eine schöne Phase war es dennoch. Wahrscheinlich sogar die schönste.

"Wir hatten immer so getan, als ob das Leben im Auerhaus schon unser richtiges Leben wäre, also ewig", sagt der Ich-Erzähler am Ende. In Wahrheit sei es so gewesen, wie Frieder es mal formuliert habe: "Du hast die Augen zu und treibst auf deiner Luftmatratze, ein sanfter Wind weht, und du denkst, geil, jetzt lebe ich für den Rest meines Lebens hier in dieser Lagune, in der Südsee. Und dann machst du die Augen auf und merkst, es ist bloß ein Nachmittag am Baggersee, und zack ist der auch schon vorbei".

Da können einem schon mal die Tränen in die Augen schießen.

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Klingt für
Don_Draper 15.07.2015
mich eher nicht nach einem Buch für Jugendlich, sondern eher für menschen zwischen 40 und 60 Jahren, also für mich. Aber ich befürchte, das macht mich zu melancholisch.
2.
bonngoldbaer 15.07.2015
"Hätte man sie vor einer Klausur gefragt: 'Wozu lebst Du eigentlich', hätten sie geantwortet: 'Das kommt nicht dran, das müssen wir nicht wissen.'" Das Thema kam in meinem Unterricht tatsächlich nicht vor - in Religion noch weniger als in allen anderen Fächern. Einer der großen Mängel unseres Schulsystems.
3. Fast gelungen
Schnurrli 16.07.2015
Eine an und für sich gelungene Rezension, die Lust auf das Buch macht. Freute ich mich jedoch eben noch an dem Wort "zauberschön", wurde der "zauberhafte" Eindruck gleich wieder durch den klobigen, einfallslosen Begriff "All-Age-Buch" zerstört. Was soll das denn?
4. ... wie ewig -
frankfreifrank 29.12.2015
so schön, aber auch schaurig. Wo Goethe (Werthers Leiden) oder Holden Caufield (bei J. D. Salinger) langweilige werden, kann Bjerg den Text so aufbretzeln, dass er weh tut, wenn man ihn verstanden und aus den Fragmenten kombiniert hat. Elendig wie nebenbei das Ende Frieders, dem die Sympathie wohl jedes Lesers gehört... - man muss gar nicht die Psychiatrie von innen kennen gelernt haben. - Hier wird die Generation meiner Kinder ab-, pardon: vor-gehandelt.
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