Ausgezeichnet J.-M.G. Le Clézio erhält Nobelpreis für Literatur

Zeit, mal wieder einen weniger bekannten Autor zu entdecken: Der Franzose Jean-Marie Gustave Le Clézio erhält die höchste literarische Auszeichnung der Welt. Le Clézio ist berühmt für seine "sinnliche Ekstase", so das Preiskomitee. Und davon kann man bekanntlich nie genug kriegen.


Horace Engdahl wird zufrieden sein. Der Ständige Sekretär des Nobelpreiskomitees für Literatur hatte die amerikanischen Autoren als ignorant und selbstgerecht abgefertigt. Amerika sei "zu isoliert, zu insular".

Quasi vom Rand der Erwartung her ins Rampenlicht: J.-M.G. Le Clézio
Corbis

Quasi vom Rand der Erwartung her ins Rampenlicht: J.-M.G. Le Clézio

Ob die Literatur Jean-Marie Gustave Le Clézios weltoffener und vielseitiger ist, muss hierzulande wohl noch geklärt werden, in deutschen Buchhandlungen wurden seine Texte bislang jedenfalls mit Zurückhaltung präsentiert. Dies wird sich ändern: Der 1940 in Nizza geborene Franzose hat die prestigeträchtige Auszeichnung erhalten.

Das heißt in Zukunft: Stapelweise das "Protokoll", der 1963 erschienene Debütroman des Autors; Buchberge von "Wüste", dem Prosawerk, mit dem Le Clézio 1980 der endgültige Durchbruch gelang.

Auf die deutschen (und internationalen) Leser kommt Lektürearbeit zu: Le Clézio, der studierte Literaturwissenschaftler und Philosoph, ist nicht Philip Roth und nicht Don DeLillo, die beiden Amerikaner, die man für ihre smarte Kulturkritik im Gewand süffigen Erzählens gern als Preisträger gesehen hätte.

Nobelpreis für Literatur
Alle Literaturnobelpreisträger seit 1901
Der erste Nobelpreis für Literatur wurde 1901 an den französischen Poeten und Philosophen Sully Prudhomme verliehen. Seitdem erhielten den renommierten Preis Autoren und Autorinnen unterschiedlichster Nationen und Kulturen. In den Jahren 1914, 1918, 1935 sowie von 1940 bis 1943 wurde kein Literaturnobelpreis vergeben. Viermal - 1904, 1917, 1966 und 1974 - mussten sich zwei Schriftsteller die Auszeichnung teilen. Zwei Autoren lehnten den Nobelpreis bisher ab. Er wird jeweils am 10. Dezember, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel, in Stockholm überreicht. Hier die Preisträger im Überblick.
Deutschsprachige Literaturnobelpreisträger
Bislang haben 13 deutschsprachige Autoren den Literaturnobelpreis erhalten. Neun von ihnen sind gebürtige Deutsche. Hier zur Übersicht.
Nobelpreisträgerinnen
Seit der ersten Preisverleihung 1901 herrscht ein Ungleichgewicht zwischen Literaturnobelpreisträgern und -preisträgerinnen. Nur zwölf Frauen haben die begehrte Trophäe bisher erhalten. Ihnen stehen 92 Männer gegenüber. Die Literaturnobelpreisträgerinnen im Überblick.
Warten auf Stockholm
Als Heinrich Böll 1972 den Nobelpreis für Literatur erhielt, stand auch Günter Grass schon auf der Liste der möglichen Kandidaten. Erst 27 Jahre später ist ihm die Ehre zuteilgeworden. Auch der im November 2007 verstorbene amerikanische Schriftsteller Norman Mailer gehörte lange Zeit zu den üblichen Verdächtigen. Die Liste der Daueranwärter für den Literaturnobelpreis.
Wer alles leer ausging
Bei der Auswahl der Kandidaten hat es nach Ansicht vieler Kritiker im Laufe der Jahre viele Versäumnisse gegeben. Die Bedeutung der Werke von Autoren wie Franz Kafka, Robert Musil, Marcel Proust oder Fernando Pessoa zu Lebzeiten richtig einzuordnen, hätte für die Jury der schwedischen Akademie sicher eine enorme Leistung bedeutet. Die Liste der Namen von Schriftstellern, die den Preis verdient hätten, aber nicht bekommen haben, ist lang.
Wer den Preis nicht wollte
Zwei Schriftsteller haben den Literaturnobelpreis bisher abgelehnt: Der russische Dichter Boris Pasternak und der französische Philosoph Jean-Paul Sartre. Hier zu den Gründen für ihre Ablehnung.
Le Clézio begann als von der Formkargheit des Noveau Roman inspirierter Autor, der die Entfremdung des urbanen Menschen zum Thema machte. Die Erzählsammlung "Das Fieber" (1965) und "Die Sintflut" (1966) sind solche frühen Studien der Depravation der Moderne. Mit den Romanen "Terra amata" (1967) und "Der Krieg" (1970) profilierte sich Le Clézio auch als Fürsprecher einer von Geschäfts- und Machtinteressen umstellten Ökologie.

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Mit dem 1989 auch auf Deutsch erschienenen Roman "Wüste" wurde der Franzose dann zum Literaturstar, das Werk erhielt unter anderem den Prix Paul Morand, den höchst dotierten Literaturpreis Frankreichs. Das Werk fächert das Drama einer vergehenden Kultur in der nordafrikanischen Wüste auf, kontrastiert mit einer Schilderung Europas aus der Perspektive von Einwanderern.

Le Clézios Prosawerk wird begleitet von essayistischer Arbeit: "L'extase matériell" (1967), "Mydriase" (1973) und "Hai" (1973) sind nur drei Beispiele der umfassenden literarischen Reflexion, die der Autor dem Gegensatz von Natur und Kultur, Politik und Humanität gewidmet hat.

In Deutschland wurde zuletzt der Roman "Revolutionen" (2006) begeistert aufgenommen. Wie andere Titel Le Clézios handelt der Text von der Insel Mauritius im Indischen Ozean.

In dem Text betreibt der Schriftsteller Ahnenforschung - Le Clézio hat bretonische Vorfahren - und stilisiert die Insel zu einem verlorenen Paradies, in dem man den korrupten Zeitläuften fliehen kann.

Noch offen ist allerdings, wie viele Leser sich hierzulande in Le Clézios Texten verlieren werden.

Einer ist auf jeden Fall glücklich: USA-Verächter Engdahl. Zur Auszeichnung des Franzosen erklärte er: "Le Clézio hat ein großes Autorenwerk im klassischen Sinne präsentiert. Mit mehr als 40 Werken steht es ungeheuer stark da." Der Autor schätzt seine Arbeit bescheidener ein. In einem vor der Entscheidung aufgenommenen Interview des schwedischen Fernsehens erklärte er: "Für mich hat immer die Suche nach meiner Identität und meinen Wurzeln eine entscheidende Rolle gespielt. Ich wollte meinen Vater verstehen."

dan/dpa/Reuters

insgesamt 65 Beiträge
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Seite 1
MonaM 09.10.2008
1. ?
Zitat von sysopDas Nobelkomitee hat mit Jean-Marie Gustave Le Clézio wieder einen weniger bekannten Autoren ausgezeichnet. Was halten Sie von dieser Entscheidung?
Gustav WER?
DJ Doena 09.10.2008
2.
So eine Überraschung, dass es kein Amerikaner geworden ist, wo sich doch ein Mitglied des Kommittes so herzerwärmend zu amerikanischer Literatur geäußert hat.
die schon wieder 09.10.2008
3.
Zitat von MonaMGustav WER?
Danke schön, so weiß ich wenigstens, dass es kein Zeichen von Verblödung ist, wenn ich von diesem Autor noch nie etwas gehört habe :-) Zu der Entscheidung kann ich keine Meinung haben, weil ich den Autor nicht kenne. Ich finde es schade, dass Philip Roth ihn wieder nicht bekommen hat, aber das war nach den Äußerungen über die angeblich minderwertige amerikanische Literatur ja wirklich nicht sonderlich überraschend.
rio_riester 09.10.2008
4. Gegen den literarischen Populismus.
Liebe Leute, ob es euch paßt oder nicht - große Literatur ist seit dem letzten Jahrhundert (eigentlich schon seit Baudelaire) a) ungenießbar und somit b) wenig bekannt. Zur Erinnerung: der arme van Gogh hat zu Lebzeiten ein einziges Bild verkaufen können - an seinen Bruder. Wenn er nicht so irre gewesen wäre und sich in den Bauch geschossen hätte, würde man heute noch fragen: Vincent - WER??? Ob Literatur, Malerei oder Musik - große Kunst der Moderne wird von der breiten Öffentlichkeit weitgehend abgelehnt, bestenfalls einfach ignoriert. Die Bücher von Leuten wie Ph. Roth lese ich sehr gerne - aber große Literatur ist das gewiß nicht. Die Einschätzung von Herrn Engdahl kann ich leider nur bestätigen: den nordamerikanischen Autoren fehlt einfach die poetische Kraft. Wohl gab und gibt es Ausnahmen: z. B. den früh verstorbenen Thomas Wolfe, oder den jungen Robert Lowry. Aber gegenwärtig kenne ich nur einen einzigen amerikanischen Autor, der den europäischen Größen (freilich gibt es auch europäische Nieten) das Wasser reichen kann: Thomas R. Pynchon Jr. - doch Leute wie Roth, Updike oder Joyce Carol Oates können das ganz bestimmt nicht. Und auch im Falle von Pynchon müssen wir leider zugeben: seine große (!) Literatur ist nur schwer genießbar und somit wenig bekannt. Ob Herr Jean-Marie Gustave Le Clézio den Literatur-Nobelpreis zu Recht erhalten hat, kann ich nicht beurteilen - aber daß ihn kaum einer kennt, und daß seine Bücher die normalen Leser nicht begeistern, ist sicher kein Grund gegen die Verleihung des Nobelpreises.
christian simons 09.10.2008
5.
Aus einer FAZ-Rezension: "Le Clézios Helden sind immer schon Suchende gewesen. Ihre Suche entspringt der Beklemmung, in einer unfriedlichen Welt leben zu müssen, und der Obsession, ihr zu entfliehen. Lag in den bisherigen Romanen das Glück im Verschmelzen mit der Natur, so liegt es nun im Einswerden mit der Musik: mit dem Trommeln der Antillaner und Nordafrikaner in den Metrostationen, dem schwerfälligen Rhythmus auf dem Klavier, wie das Grollen eines fernen Gewitters." Fazit: Gegen solchen taubgrünen Ginst in der Musen-U-Bahn werden saftige Erzähler wie Updike und Roth stets das Nachsehen haben.
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