Ausreise nach 15 Jahren Chinesischer Dissident Liao dankt Merkel

Weil er über das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens geschrieben hat, musste Liao Yiwu vier Jahre ins Gefängnis. Fünfzehn Jahre lang verhinderte die Regierung seine Ausreise - jetzt ist er erstmalig in Deutschland. Nicht zuletzt, weil die Kanzlerin sich für ihn eingesetzt hat.

Schriftsteller Liao: 15 Jahre lang auf Ausreise gewartet
dpa

Schriftsteller Liao: 15 Jahre lang auf Ausreise gewartet


Anderthalb Jahrzehnte lang hat er es versucht, heute morgen ist es endlich Wirklichkeit geworden: Um neun Uhr ist der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu auf dem Flughafen Berlin Tegel gelandet, Es ist seine erste Auslandsreise überhaupt.

Der 1958 in der Provinz Sichuan geborene Yiwu wuchs als Kind von Eltern "ohne dauerhafte Aufenthaltserlaubnis" - also politisch Unerwünschten - in der großen Hungersnot der sechziger Jahre auf. Und geriet nach der Publizierung seines epischen Gedichts "Massaker" im Jahre 1989 in die Fänge der Justiz. Vier Jahre lang saß er im Gefängnis und ist dort schwer misshandelt worden. 2007 zeichnete ihn das Unabhängige Chinesische PEN-Zentrum mit dem Preis "Freiheit zum Schreiben" aus, dessen Verleihung in letzter Minute verhindert wurde.

Zahllose Versuche, nicht nur von deutscher Seite, hat es gegeben, den in seiner Heimat China so berühmten wie verfemten Autor nach Deutschland zu lotsen, wo sein 2009 sein Buch "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser" (S. Fischer) erschien. Die literarischen Portraits von Unterdrückten und Ausgestoßenen der gegenwärtigen chinesischen Gesellschaft war in China selbst nur kurz auf dem Markt, wurde sofort verboten, erreichte aber illegal eine große Verbreitung.

"Ich bin ein zäher Charakter."

Bei der Pressekonferenz im Berliner Hotel Bleibtreu ist der Mann, der Trauermusiker, Leprakranke, Prostituierte, Mönche und Dorfschullehrer, Kloputzer und Feng-Shui-Meister interviewt hat, sichtlich aufgeregt: "So etwas habe ich noch nie erlebt", erklärt er. Liao ist zu Gast beim Internationalen Berliner Literaturfestival, dessen Leiter Ulrich Schreiber sich besonders für die Ausreise des Schriftstellers eingesetzt hatte.

Auf die Frage, ob er glaubt, dass der permanente internationale Druck seine Ausreise ermöglicht hat, antwortet er: "Es war sicher enorm wichtig, dass sich sowohl das Berliner Literaturfestival konstant bemüht hat. Und ich bin sehr dankbar für den Brief von Kanzlerin Merkel an die chinesische Regierung geschickt hat."

Während seines Deutschlandaufenthalts ist Liao Gast der Autorenresidenz Literaturraum im Hotel Bleibtreu Berlin. Yiwu wird über seinen Aufenthalt auf dem Blog literaturraum.de berichten. Auch beim Harbourfront Literaturfestival in Hamburg wird Liao aus seinem Buch lesen.

Seine Rückreise ist für den 31. Oktober geplant. Auf die Frage, ob er befürchte, nicht wieder einreisen zu dürfen, lächelt er: "Ich bin ein zäher Charakter. Ich habe 15 Jahre gebraucht, um hierher kommen zu können. Und vielleicht brauche ich auch 15 Jahre, um wieder zurückkehren zu dürfen. Aber ich werde das schaffen. Hier wäre ich doch nur ein Arbeitsloser."

Mit Material von dpa

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